Reisen

Im Westen gibt’s Neues

Keine 200 Kilometer westlich von Frankfurt beginnt eine Region, die man erstaunlich oft übersieht: Lothringen. Ein Landstrich, der sich in zwei oder drei Tagen wunderbar erkunden lässt – und wenn man es eilig hat, sogar in weniger. Gleich nach der Grenze am Übergang Bremm d’Or teilt sich die Route wie ein französisches „Choose your own adventure“. Wer rechts abbiegt, landet fast automatisch im ersten Kapitel der Reise: Industriegeschichte, Grenzalltag und französischer Charme, der sich nicht aufdrängt, sondern beiläufig wirkt.

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Die Redaktion beisst nicht
Foto: Poppe frankfurtlive

Gleich nach der Grenze kann man ein Minenmuseum besuchen – und tatsächlich in einen Schacht einfahren. Der ratternde Lastenaufzug simuliert die Einfahrt so überzeugend, dass man kurz vergisst, dass man sich eigentlich nur in einer Art industriellem Fahrstuhltheater befindet. Für Menschen mit Höhen- oder Tiefenangst ist die Abfahrt nicht unbedingt die erste Empfehlung, aber es bleibt eine Simulation. Und wenn man schon mal da ist, kann man auch ein wenig an der eigenen Tapferkeit arbeiten. Lothringen ist schließlich bekannt für Strukturwandel, warum also nicht auch für persönlichen Mutwandel.

Wieder oben angekommen, bietet sich ein kurzer Zwischenstopp an: ein Kaffee, ein Stück Pâtisserie, vielleicht ein kleines „Kränzchen“, das in Frankreich natürlich eleganter klingt. Wer sich hier nicht bremst, hat später auf den Wanderwegen immerhin die Chance, die zusätzlichen Kalorien wieder abzuarbeiten. Oder man fährt einfach weiter nach Metz, das keine 50 Kilometer entfernt liegt und sich anfühlt wie eine Mischung aus französischer Leichtigkeit, gotischer Ernsthaftigkeit und moderner Kulturarchitektur.

Im Centre Pompidou-Metz, dessen Dachkonstruktion aussieht wie ein futuristisches Zelt, laufen regelmäßig große Ausstellungen moderner und zeitgenössischer Kunst. Das Programm ist vielfältig, mutig und oft überraschend – ein kultureller Fixpunkt, der Metz weit über die Region hinaus bekannt gemacht hat. Dies ert recht, da das Centre Pompidou in Paris derzeit geschlossen st. Nach der Kunst lohnt sich ein Spaziergang zur Porte des Allemands, einem der eindrucksvollsten mittelalterlichen Stadttore Frankreichs. Das Bauwerk, zugleich Tor und Brücke über die Seille, stammt aus dem 13. bis 16. Jahrhundert und erinnert daran, dass Metz über Jahrhunderte eine strategische Schlüsselrolle spielte. Die Stadt war römische Metropole, merowingische Hauptstadt, Wiege der Karolinger und immer wieder Zankapfel zwischen Frankreich und Deutschland. Wer durch die Altstadt läuft, spürt diese Geschichte in jeder Straße.

Für die Übernachtung bietet Metz mehrere historische Hotels, die den Charme der Stadt gut einfangen. Das Hôtel de la Cathédrale liegt direkt gegenüber der Kathedrale und bietet knarzende Böden, Holzbalken und einen Blick auf die berühmten Glasfenster. La Citadelle, ein ehemaliges Militärgebäude aus dem 16. Jahrhundert, verbindet historische Substanz mit modernem Komfort. Das Hôtel du Théâtre liegt auf einer kleinen Insel zwischen Mosel und Seille und bietet Altstadtflair mit kurzen Wegen.

Auch kulinarisch hat Metz viel zu bieten. Kleine Bistros, moderne Küchen, traditionelle Gerichte – und natürlich Pâtisserien, die aussehen, als hätten sie eine eigene PR-Abteilung. La Table de Pol steht für kreative, regionale Küche ohne Chichi. Le Bistronome bietet ehrliche Bistroküche, die bei Einheimischen beliebt ist. Und wer es italienisch-französisch mag, findet im Maison Baci eine gute Mischung. Für den Nachmittag empfiehlt sich die Pâtisserie Bourguignon, deren Törtchen fast zu schön zum Essen sind.

Auf der Rückfahrt Richtung Saarbrücken und Frankfurt kommt bei vielen über 40 ein vertrautes Gefühl auf: die Erinnerung an die deutschen Konsumkathedralen der 80er und 90er wie der „Massa“. In Frankreich gibt es sie immer noch – die riesigen Hypermarchés wie E.Leclerc oder Cora, die direkt neben der Autobahn liegen und auf Flächen operieren, die an Flughäfen erinnern. Hier findet man alles: Käse in Sorten, die man in Deutschland nur aus Dokumentationen kennt, Fisch und Meeresfrüchte, Wein und Spirituosen, Schokolade, Pasteten, Öle, Essige – kurz: Frankreich in Regalform. Wer sich hier für die kommende Woche eindeckt, spart nicht nur Geld, sondern nimmt ein Stück Urlaub mit nach Hause. Und weil die Franzosen wissen, dass Einkaufen hungrig macht, findet man in fast jedem Hypermarkt ein angeschlossenes Snackrestaurant mit soliden Gerichten für kleines Geld.

Für besonders Sportliche gibt es in der Nähe eines dieser Einkaufszentren sogar ein 50-Meter-Hallenbad. Ein vollwertiges Sportbecken, das eher nach Olympia als nach Provinz aussieht. Offenbar hat hier die Stadt oder die Region kräftig mitfinanziert, vielleicht auch im freundschaftlichen Wettbewerb mit dem benachbarten Saarland. Wer den Besichtigungsstress abstreifen möchte oder ein paar Gramm angefutterten Speck, kann hier ein paar Bahnen ziehen und sich auf die kurze Rückfahrt vorbereiten. Ganz wichtig zum Schluss: In Frankreich ist Benzin selbst an der Autobahn momentan - ein Jahrhundertereignis? .. oft rund 20 Cent günstiger als in Deutschland. Also volltanken, bevor man über die Grenze rollt. Das Gleiche gilt für die Strompreise an den Ladesäulen. Bon voyage – und bon retour.

Weiterführende Links

Minenmuseum La Mine – Musée Les Mineurs Wendel
Informationen zu Führungen, Öffnungszeiten und der Schachtsimulation.
https://www.musee-les-mineurs.fr/

Stadt Metz – Offizielle deutschsprachige Seite
Tourismus, Sehenswürdigkeiten, Veranstaltungen und praktische Infos.
https://www.tourisme-metz.com/de/

Centre Pompidou-Metz
Aktuelle Ausstellungen, Tickets und Architekturinformationen.
https://www.centrepompidou-metz.fr/