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Letzte Aktualisierung: 24.11.2020

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Im Urwald von morgen

50 Jahre Nationalpark Bayerischer Wald

von Karin Willen

(15.07.2020) Deutschlands erster Nationalpark: Passend zum Jubiläum des Nationalparks Bayerischer Wald gibt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder die Erweiterung des Naturwald- und Wildreservats bekannt.

Bildergalerie
Höhepunkt des Baumwipfelpfades im Nationalpark Bayerischer Wald: das Baumei, das um zwei Tannen und eine Buche herum gebaut wurde
Foto: Karin Willen
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Leben vom Wald: Rangerin Christine Schopf zeigt ihren Pilzhut
Foto: Karin Willen
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Weit genug vom Besucherpfad entfernt: Luchs im Freigehege
Foto: Karin Willen
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Seit 50 Jahren entwickeln sich in Bayern einige Wälder samt ihren Mooren, Bächen und Schachten, wie die früheren Bergweiden in der Region genannt werden, zu einer ursprünglichen Waldwildnis mit einer besonderen Artenvielfalt. Das jetzt anvisierte Plus von 600 Hektar macht den Nationalpark Bayerischer Wald über den ältesten Nationalpark Deutschland hinaus auch zum größten Waldnationalpark desr Republik.

Die Erweiterung liegt im Osten des Nationalparks nahe den beiden Ortschaften Mauth und Finsterau direkt an der Grenze zu Tschechien und zum dortigen Nationalpark Šumava und ist jetzt noch Staatswald. Der Freistaat Bayern gründete Deutschlands ersten Nationalpark vor 50 Jahren an der Grenze zu Tschechien mit zunächst 130 Quadratkilometern zwischen Lusen und dem Großen Falkenstein. 1997 erweiterte er ihn hin zum Großen Rachel auf 240 Quadratkilometer. Mit dem tschechischen Nationalpark Šumava bildet der Nationalpark das größte zusammenhängende Waldgebiet Mitteleuropas.

Natur ohne menschlichen Eingriff

Nationalpark, Naturpark: Wo sind die Unterschiede? Das sind zwei ausgewiesene Naturräume mit unterschiedlichen Zielen in Ostbayern. Im großräumigen Gebiet von Donau bis zum Grenzkamm nach Tschechien geht es um naturverträgliche Landnutzung. Im Nationalpark soll sich die Natur dagegen selbst ohne menschlichen Eingriff entwickeln.

Dem Klimawandel angepasste Wildnis

Wo jetzt streckenweise noch silbrig-braune Stammruinen dem weiß-blauen Bayernhimmel entgegenstrecken, schält sich der Urwald von morgen aus dem Boden. Nachdem die Bergfichten-Hochwälder der südwestlichen Hänge durch Luftverschmutzung und den Borkenkäfer gegen Mitte des 20. Jahrhunderts größtenteils vernichtet wurden, wächst hier nach, was sich unter den geänderten Bedingungen durchsetzt: eine dem Klimawandel angepasste Wildnis.

Der Nationalpark bietet auch selten gewordenen Tieren wie Luchs, Auerhahn, Habichtskauz oder vom Aussterben bedrohten Urwaldpilzarten wie der Zitronengelben Tramete wieder ein Zuhause. 26 Ranger hegen und pflegen hier die Natur und erklären Touristen im Tierfreigelände, wie das Wechselspiel zwischen Klima, Flora und Fauna funktioniert.

Wald-Kleidung

Und die Ranger zeigen, wie der Lebensraum vieler Bäume, Pflanzen und Tiere zusammenhängt. Christine Schopf führt uns zu einer Buche mit Zunderschwamm, einem Schwächeparasient. "Der Pilz befällt geschwächte Laubbäume wie diese Buche", erklärt sie. Im Wald-Ökosystem sorgt er fürs Zersetzen absterbender Bäume: "Die im Holz enthaltenen Nährstoffe gelangen wieder in den Boden, so dass neue Bäume gute Bedingungen vorfinden".

Früher verwendeten die Menschen den Pilz gern als Zunder, aber auch als blutstillende sowie desinfizierende Wundauflagen. Und – jetzt zieht die Rangerin einen zünftigen Schlapphut aus der Tasche – die Vorfahren verarbeiteten ihn zu Pilzleder-Textilien, etwa Westen und Kappen. Schopfs veganer Hut fühlt sich an wie feines, besonders weiches Wildleder. "Er hält den Kopf warm, ist robust und regensicher“, versichert sie. Bei der Arbeit trägt sie aber den klassischen Ranger-Filzhut.

Das Tierfreigehege ist bestens vom Parkplatz Neuschönau zu erreichen. Gleich nebenan ist der 1300 Meter lange, lehrreiche Baumwipfelpfad mit seinem spektakulären 44 Meter hohen Baumei. Dieser runde Aussichtsturm windet sich über 500 Meter um drei etwa 38 Meter hohe Waldriesen.

Im 44 Meter hohen Baumei

Von der Aussichtsplattform blickt man über Rachel und Lusen hinaus auf dir dichte grüne Wipfeldecke von Bayerischem und Böhmerwald. An schönen Tagen kommt sogar der nördliche Kamm der Alpen in den Blick. Bei Nieselwetter umhüllt einen aber auch schon mal ein milchiges Nichts wie eine geheimnisvolle Anderwelt. Das hat durchaus seinen besonderen Zauber.

Wie die Aussicht bei schönen Tagen dann wäre, kann man aber zumindest im auch sonst sehr lehrreichen Hans-Eisenmann-Haus sehen. Noch gilt der Baumwipfelpfad als Deutschlands längster. Doch Usedom an der Ostsee ist drauf und dran, ihn um 50 Meter in der Länge zu toppen.

Neben den Nationalparkzentrum Lusen in Neuschönau mit Zugang zum Baumwipfelpfad, zum Hans-Eisenmann-Haus und dem Tierfreigehege gibt es in der Nähe von Zwiesel ein weiteres Nationalparkzentrum. Unterm Falkenstein in Ludwigsthal befindet sich ebenfalls ein Tierfreigehege, dazu eine Steinzeithöhle, das Haus zur Wildnis und in der Nähe ein Wildniscamp für Gruppen.

50 Jahre Nationalpark Bayerischer Wald

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Veranstaltungsprogramm hier

Übernachtungstipps:

Wild Berghof Buchet

GutsAlm Harlachberg