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Letzte Aktualisierung: 01.02.2023

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Im OP-Saal vom Spitzensport lernen

von Ilse Romahn

(23.01.2023) Ein systematisches „Operations-Coaching“ hilft Operierenden, ihre Leistung kontinuierlich zu verbessern – und führt so zu einer höheren Behandlungsqualität für die Patienten.

Der OP-Coach (links) dokumentiert seine Beobachtungen während der Operation.
Foto: DGD Krankenhaus Sachsenhausen
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Wie wird man ein besserer Operateur? „Indem man auf den Spitzensport schaut und von dort lernt“, sagt Professor Amadeus Hornemann. Er ist Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe am DGD Krankenhaus Sachsenhausen in Frankfurt am Main, an der Klinik auch Ärztlicher Direktor. Und er holte sich einen „OP-Coach“, der Hornemann genau bei Operationen beobachtet, die Abläufe akribisch dokumentiert – und sie später gemeinsam mit dem Operateur detailliert evaluiert.

Der Gynäkologe Hornemann ist immer auf der Suche nach Verbesserungen für seine Patientinnen, Stillstand ist ihm ein Gräuel. So hat er beispielsweise 2012 weltweit erstmals eine Operation an den Eierstöcken durch den Magen durchgeführt oder 2018 eine neue Operationsmethode gegen Gebärmuttersenkung entwickelt, bei der statt eines Kunststoffnetzes eine körpereigene Sehne zum Einsatz kommt. Mit körpereigenem Gewebe gibt es weniger Komplikationen – Hornemann schenkte so bereits hunderten Frauen neue Hoffnung.

Für ihn steht fest: „Wenn ich mich selbst weiterentwickele, meine OP-Technik weiter verfeinere, kommt das ebenfalls meinen Patientinnen zugute.“ Auf die Idee zum OP-Coaching kam er durch einen Vortrag des renommierten US-amerikanischen Mediziners Atul Gawande. „Er hat gesagt, er wolle sich verbessern – die logische Konsequenz lautete: ,get a coach‘, also ,nimm dir einen Trainer‘“, erinnert sich Hornemann.  In Deutschland sind diese Worte jedoch bisher weitestgehend verhallt. „Was sehr schade ist“, wie Hornemann findet. Er zieht die Parallele zum Spitzensport: „Sportlerinnen und Sportler werden regelmäßig von ihren Trainerinnen und Trainern auf noch höheres Niveau gebracht. Denn diese analysieren Fehler, optimieren Bewegungen, üben Abläufe immer und immer wieder ein“, sagt der Professor. „Und außerdem motivieren sie ihre Schützlinge, spornen sie an.“  Im Tennis beispielsweise sei zwar jeder Ballwechsel anders. Und dennoch würden die Akteure auf dem Spielfeld „durch ihr Trainingsteam bestmöglich auf ein Match vorbereitet“, sagt Hornemann. Nur so sei es möglich, an die Weltspitze vorzurücken und ein entsprechendes Niveau auch lange Zeit zu halten. 

Für den Gynäkologen steht fest: Er will auch zur Spitze gehören. „Ich bin für Kritik sehr offen. Und wenn mal was nicht ganz so optimal läuft, dann bin ich der Erste im Team, der das zugibt. Damit alle sehen: Man kann über alles – auch Fehler – reden. Dazu ermuntere ich die Mitarbeitenden auch immer“, sagt Hornemann. Das sei nicht bei allen Ärzten der Fall. Denn letztlich werden Mediziner, wenn sie erst eine leitende Position erreicht haben, nicht mehr systematisch evaluiert. Und aufgrund der herrschenden Strukturen in Kliniken schon gar nicht kritisiert. „Mit dieser Einstellung können sie sich allerdings auch nicht verbessern“, weiß Hornemann. Dabei gehe es in der Medizin um so viel mehr, als im Sport – nämlich um Menschenleben.

Ein professionelles OP-Coaching geht für Hornemann jedoch noch weit darüber hinaus, nur eine offene Fehlerkultur zu pflegen. „Man holt wirklich jemanden von außen und sagt ihm: Schau mir auf die Finger.“ Denn eine externe Kraft kann das Geschehen während einer Operation unvoreingenommen beobachten – und somit auch „vieles hinterfragen, was bisher schon immer so gemacht wurde“.

Also suchte sich der Professor einen OP-Coach und fand diesen in Person eines Chefarztes einer großen Hamburger Klinik, der kurz zuvor das Rentenalter erreicht hatte. Der erfahrene Mediziner besitzt mit MIC-III die höchste Qualifikationsstufe für minimal-invasive gynäkologische Eingriffe und als „Senior Mamma-Operateur“ zudem die höchste Qualifikationsstufe für Brust-OPs. Somit war er für den Gynäkologen Amadeus Hornemann also besonders geeignet. „Und seine Erfahrungen auf den Gebieten Organisation, Ökonomie und in weiteren chefärztlichen Bereichen boten einen zusätzlichen Bonus“, sagt der Professor. Der Kollege war von der Idee so begeistert, dass er ein Konzept für ein systematisches Coaching für Operateurinnen und Operateure in Führungspositionen entwickelte und mittlerweile sogar ein Institut gründete.

Das Training von Professor Hornemann fand im vergangenen Frühsommer statt und dauerte zwei Tage lang. Der Trainer ging mit in den OP-Saal, beobachtete die Eingriffe systematisch und dokumentierte seine Beobachtungen ganz genau. Zudem beurteilte er die Abläufe anhand einer – dem Operateur nicht bekannten – Checkliste. Der Trainer begutachtete aber nicht nur den Ablauf der Operation: Er legte sein Augenmerk auf den gesamten Ablauf im OP-Saal – inklusive der Anordnungen und des Umgangs mit dem Team, „er hat vom ersten Hautschnitt bis zur Naht alle Schritte verfolgt“, erläutert Hornemann.

Für den Gynäkologen waren die Operationen – allesamt Standardeingriffe, die der Trainer gut mit ihm bekannten, exzellenten Operateuren benchmarken konnte – nahezu perfekt verlaufen. „Dennoch war die Liste mit Verbesserungsvorschlägen erstaunlich lang“, erinnert sich Hornemann. „Mir wurde der Spiegel vorgehalten und ich habe dadurch erstmals stetig wiederkehrende Handgriffe und Abläufe hinterfragt, die ich bis dahin nie als verbesserungswürdig wahrgenommen hatte. Denn das alles wurde ja schon immer so gemacht“, sagt er. 

Dabei sei es um Kleinigkeiten gegangen – wie etwa das ergonomische Halten des Nadelhalters oder um das Kleben der Haut anstelle der Verwendung von Steristrips mit Pflasterverband. „Aber der Trainer hat mir auch gezeigt, dass ich meine Körperhaltung mit nur einer geringfügigen Änderung der Trokarposition optimieren kann oder wie sich Gewebeeinklemmungen im Nabelbereich nach Trokarentfernung einfach verhindern lassen“, erklärt Amadeus Hornemann. Ersteres brachte eine merkliche körperliche Entlastung für den Zwei-Meter-Mann, Zweiteres mehr Sicherheit für die Patientinnen. Zudem hatte der Coach Videos von den Abläufen, den Bewegungen und der Körperhaltung des Operateurs gedreht. Diese wurden im Anschluss analysiert – analog zum Spitzensport.

Hornemann weiß, dass sich nicht alle Operateurinnen und Operateure gerne auf die Finger schauen lassen. „Aber um die eigenen Fähigkeiten weiterzuentwickeln und immer besser zu werden, kann ein solches Training auch für im OP erfahrene Personen sehr wertvoll sein.“ Diese Erfahrung habe er nun selbst gemacht – auch, wenn er in der Retrospektive ein mehrere Tage längeres Coaching als noch effektiver einschätzt. Doch ist er sich sicher: „Vom Ansatz des Operationscoachings profitieren die Operierenden ebenso, wie die Patientinnen und Patienten.“

Ein Argument, das auch die Geschäftsführerin des DGD Krankenhauses Sachsenhausen, Abir Giacaman, überzeugt: „Diese systematische Stärken-Schwächen Analyse, die zu einer Verbesserung der Behandlungsqualität im OP und zur Optimierung der Abläufe insgesamt führt, sehen wir als echte Pluspunkte für unser Haus. Nur wer bereit ist, immer dazu zu lernen, ist wirklich dauerhaft gut!“ Daher hat sie einem Coaching weiterer Führungskräfte bereits zugestimmt. Denn: „Dass die Klinik nach dem OP-Coaching solche hervorragend trainierten Ärzte hat, ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal, das Patienten auf das DGD Krankenhaus Sachsenhausen aufmerksam machen wird.“

 

Über die DGD Krankenhaus Sachsenhausen gGmbH:

Das DGD Krankenhaus Sachsenhausen ist ein diakonisches Akutkrankenhaus, das jährlich rund 40.000 stationäre und ambulante Fälle versorgt. Die Klinik ist nicht nur ein Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Frankfurt, das an der Notfallversorgung der Region teilnimmt: Sie ist ein zertifiziertes Referenzzentrum für Adipositaschirurgie, eine zertifizierte „5 Sterne-Behandlungseinrichtung“ für Menschen mit Diabetes (BVKD) und hat außerdem Schwerpunkte in der minimal-invasiven gynäkologischen Chirurgie (MIC III-Zentrum), der Interventionellen Radiologie und der Gastroenterologie. In der Abteilung für Geburtshilfe kommen rund 800 Babys pro Jahr auf die Welt. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die invasive Kardiologie mit zertifizierter Chest-Pain-Unit sowie einer Herzkatheteranlage. Zum Krankenhaus zählen für die sektorenübergreifende Versorgung der Patienten auch das MVZ Sachsenhausen, das MVZ Radiologie Sachsenhausen, die MEDIPARG GmbH sowie die stationäre Langzeitpflege Füreinanderdasein GmbH mit ihrer Beatmungspflege. Die DGD Krankenhaus Sachsenhausen gGmbH ist nach DIN ISO 9001:2015 zertifiziert.

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