Kultur

Hope & Landgren: Grenzgang mit roter Posaune

Wenn Daniel Hope und Nils Landgren aufeinandertreffen, steht mehr auf dem Spiel als ein hübsch verpackter Crossover-Abend. Im Friedrich-von-Thiersch-Saal des Wiesbadener Kurhauses zeigte sich beim Rheingau Musik Festival, wie reizvoll, aber auch wie begrenzt die Begegnung von Klassik, Jazz, Broadway und Pop sein kann, wenn große Könner einander mit sichtbarer Lust begegnen, ohne den sicheren Boden ganz zu verlassen.

Der Geiger Hope, der seine Programme gern als Reisen über musikalische Grenzen versteht, und Landgren, der schwedische „Mr. Red Horn“, fanden rasch zu einer gemeinsamen Sprache: nicht in der kühnen Neuerfindung, sondern im eleganten Dialog. Feine klassische Linien, warme Jazzfarben und improvisatorische Gesten verbanden sich zu einem Abend, der oft glänzte, gelegentlich schwebte und nur selten wirklich riskierte. Er war eben als „Happy Birthday, Nils Landgren“ gedacht und dies erfüllte er auch

Zwischen Salon, Jazzclub und Konzertsaal

Schon die Werkauswahl war ein Programmzettel der offenen Türen: Astor Piazzollas „La Muerte del Angel“, die Klezmernummer „Odessa Bulgar“, Bach, Gershwin, Bernstein, Sondheim, Sting, James Taylor und Randy Crawford. Mit Vitalii Kyianytsia am Klavier, Stéphane Logerot am Kontrabass und Dimitri Monstein an den Drums entstand ein Ensemble, das mühelos zwischen kammermusikalischer Präzision, Jazzclub-Wärme und gehobenem Entertainment wechselte.

Hope ließ die Violine leuchten, technisch brillant und erzählerisch drängend; Landgren antwortete mit dem singenden Ton seiner roten Posaune und jener sanft-brüchigen Stimme, die weniger verführen will als Vertrauen stiften. Am stärksten war der Abend dort, wo keiner den anderen dominierte, sondern ein musikalischer Gedanke vom einen zum anderen wanderte und sich unterwegs verwandelte.

Lucienne Renaudin Vary als besonderer Gast

Zusätzliche Energie brachte Lucienne Renaudin Vary, Fokuskünstlerin des Rheingau Musik Festivals, deren Trompetenspiel eine verblüffend körperliche Präsenz besitzt. Bei ihr wirkt das Instrument nicht wie ein Zusatz, sondern wie ein zweiter Atem: hell, beweglich, strahlend und in den besten Momenten von einer Unmittelbarkeit, die den Abend aus der komfortablen Eleganz herausriss.

Nils Landgren und die Kunst der Zugänglichkeit

Für Landgren ist der Rheingau längst mehr als eine Station im Festivalkalender. Vor 22 Jahren trat er hier erstmals auf, später wurde er erster Fokus-Jazz-Künstler des Festivals, 2021 erhielt er den Rheingau Musik Preis; dass ihm zu seinem 70. Geburtstag erneut ein Schwerpunkt gewidmet wird, wirkt daher weniger wie Ehrung als wie Heimkehr.

Seine Musik will, wie er selbst einmal formulierte, „die Herzen und die Beine der Zuhörer erobern“. Genau darin liegt seine Stärke: Landgren nimmt Zugänglichkeit ernst, ohne sie mit Beliebigkeit zu verwechseln, und gibt selbst den gefälligeren Momenten eine menschliche Wärme, die man nicht herbeikomponieren kann.

Glanz ohne Abgrund

Die eigentliche Spannung des Abends lag weniger in der Frage, ob Klassik und Jazz miteinander können, sondern ob aus ihrer Begegnung mehr entsteht als stilvolle Nachbarschaft. Immer wieder blitzte diese Möglichkeit auf: in Hopes klarer, erzählender Linie, in Landgrens warmem, fast vokalem Posaunenton, in den Momenten, in denen ein vertrauter Song plötzlich eine andere Beleuchtung erhielt.

Doch nicht jeder Übergang besaß innere Notwendigkeit. Manches blieb im Bereich eines luxuriösen musikalischen Beisammenseins, charmant, geschmackvoll, publikumsnah; anderes öffnete tatsächlich einen gemeinsamen Klangraum, in dem die Genres einander nicht dekorierten, sondern befragten. Gerade diese Differenz machte den Abend interessanter als eine bloße Erfolgsmeldung.

Das Publikum nahm diese Mischung dankbar auf, aufmerksam, heiter, immer wieder begeistert. Im festlichen Saal des Wiesbadener Kurhauses entstand jene seltene Atmosphäre, in der Virtuosität nicht einschüchtert, sondern einlädt — auch deshalb, weil die Musiker den Abend nicht als Demonstration, sondern als Spiel verstanden.

Ein starkes Vergnügen, kein kühnes Wagnis

„Hope & Landgren“ war kein Abend der radikalen Grenzverschiebung, sondern einer der kultivierten Grenzbegehung. Daniel Hope brachte Eleganz, Ausdruckskraft und klassische Präzision ein; Nils Landgren sorgte mit Posaune, Stimme und entspannter Bühnenpräsenz für Wärme, Groove und Offenheit. Zusammen mit dem Ensemble und Lucienne Renaudin Vary entstand ein Konzert, das nicht in jedem Moment überraschte, aber über weite Strecken klangfarbenreich, mitreißend und von jener Spielfreude getragen war, die selbst dort überzeugt, wo sie das Risiko meidet.