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Letzte Aktualisierung: 01.03.2021

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Homeschooling an der Weingartenschule

„Seid Ihr auch alle da?“

von Alexander van de Loo

(20.01.2021) Donnerstag,14. Januar, 5. Stunde. Realschulzweigleiter Dr. Christoph Richter sitzt vor seiner Klasse G6b. Virtuell, versteht sich. Platziert er sich sonst locker auf seinem Pult, bedient er jetzt beim Homeschooling entspannt sein Ipad und begrüßt seine Schülerinnen und Schüler auf dem Bildschirm.

Dr. Richter begrüßt Bio-Klasse
Foto: Alexander van de Loo
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Da poppen auch schon im Chatfenster die Hallos und Guten Tag-Wünsche der Kinder seiner Bio-Klasse auf. Einer nach dem anderen meldet sich auf dem Onlineportal Big Blue Button an. Ein bisschen ist das wie im guten alten Kasperletheater. Auf die Frage, ob alle jetzt da seien, antworten 20 Schüler in dieser Stunde im Chat mit „ja!“.

Dann wird von Ferne unterrichtet. Dr. Richter malt ein Herz auf seinen Schirm und bittet einen Schüler die Herzkammer einzuzeichnen. Sofort kritzeln einige mit ihrem Cursor los. So geht das nicht. Jetzt heißt es den Rückgängig-Pfeil zu benutzen, der auf dem Ipad-Bildschirm alles wieder verschwinden lässt. Diese Aufforderung wird noch öfter fallen. „Aber eigentlich sind alle hier sehr diszipliniert“, kommentiert Dr. Richter seine Online-Erfahrungen. Das System arbeite einigermaßen stabil „Es läuft. Und zwar mehr recht als schlecht“, zieht er Bilanz. Trotzdem fliegen in dieser Stunde immer mal wieder Schüler aus dem virtuellen Klassenzimmer oder haben plötzlich keine Stimme mehr, weil das Mikro nicht mehr funktioniert.

Gutes WLAN ist wichtig – Kostenlose Ipads
Das Rausfliegen habe seinen Grund, weiß Shabana aus einer 9. Gymnasialklasse: „Von anderen Mitschülern habe ich mitbekommen, dass sie sehr schlechtes WLAN haben und sich daher nicht richtig am Unterricht beteiligen können. Auch haben manche keine guten Geräte, weswegen sie dem Unterricht nur mit einem Handy folgen können.“  Das sei leider manchmal immer noch so, bestätigt auch Dr. Richter. Jedoch sollten alle wissen, dass die Weingartenschule Kindern, die keine guten Endgeräte hätten, kostenlos Ipads zur Verfügung stelle. Der Kreis habe dies ermöglicht. So könne jeder teilhaben. Gegen ein instabiles WLAN seien sie allerdings machtlos. In der Schule selbst funktioniere das WLAN einwandfrei.

Darauf habe sie auch Wert gelegt, führt Schulleiterin Elke Wetterau-Bein aus. Ihre Schule habe nach dem Online-Wirrwarr während des letzten Lockdown ihre digitalen Hausaufgaben erledigt. Nun stünden sie alle besser da. Es finde in diesen Tagen ein reger Erfahrungsaustausch unter den Lehrkräften statt, eine „wahre Entdeckungsreise neuer digitaler Möglichkeiten“. Das Ergebnis: Mit dem digitalen Unterricht kommen die Kinder (und Lehrer) jetzt gut zurecht.

 Wir arbeiten viel gemeinsam am Bildschirm, es ist ein bisschen so wie in einer Arbeitsgruppe“, fasst Quentin aus der G6b seine Eindrücke in der ersten Woche nach den Weihnachtsferien zusammen. Aufgaben müssten gemacht werden und würden auch überprüft. „Einfach auf dem Schulportal abgeben und fertig“, bemerkt sein Klassenkamerad Alexander dazu, „wir lernen selbstständiger in so einem Unterricht, stellen anderen Fragen und die Mitschüler beantworten die auch“. Der Lehrer sei einfach weiter weg in dieser Form der Wissensvermittlung, lautet das Resümee.

Die Gemeinschaft fehlt - Strukturen helfen
Also ist der digitale Fernunterricht vielleicht sogar der Bessere? Da regt sich Widerspruch in der G6b. Die lebhaften Pausen werden vermisst, das Toben und das menschliche Miteinander, keine Frage. Die Lehrerinnen und Lehrer zu sehen und leibhaftige Personen zu erleben sowie die Klassengemeinschaft seien nicht zu ersetzen.

Der Unterricht selbst sei anders als früher und teilweise auch anstrengender, erklärt Dr. Richter. Multitasking sei gefragt. Anwesenheitskontrolle, Hausaufgabenkontrolle, im Chat mündlich und schriftlich zu antworten, mit allen zusammen zu chatten und nach Bedarf gleichzeitig einzelne Schüler anzuschreiben, sei nicht immer leicht unter einen Hut zu bekommen. Parallel dazu müssten Arbeitsaufträge eingestellt, Schülerantworten korrigiert und Lösungsblätter geschickt werden. Schlechtes WLAN kennt er auch: „Manche Schüler haben zu Hause Internetprobleme und müssen wieder neu in die Chaträume eingelassen werden.“ Es sei alles sehr zeitaufwändig. Lerninhalte zu vermitteln, sei langsamer möglich als im normalen Unterricht. Aber alles sei besser als keine Schule, das stehe für ihn fest. „Wir geben einen Stundenplan und schaffen feste Strukturen“, so Dr. Richter.

Dass man im Präsenzunterricht schneller arbeiten könne, sieht auch Kollegin Carolin Acker, die an der WGS Deutsch und Musik unterrichtet. Aber sie weist aber auf einige Vorteile hin: „Es herrscht mehr Ruhe im virtuellen Raum, es wird nicht laut gestört und vor allem: Die Schüchternen kommen mehr zur Geltung“. Cliquenbildung und der damit verbundene Ausschluss von Schwächeren passieren so viel seltener. In Musik könne sie im virtuellen Klassenraum auf YouTube-Links gehen und Musikstile besprechen, das käme gut an.

Planungssicherheit gewünscht
Gut angekommen im Corona-bedingten digitalen Fernunterricht sind auch die Eltern.

Deren Erfahrungen fasst Elternbeiratsvorsitzende Melanie Hirt zusammen: „Es läuft relativ gut. Alle sind positiv überrascht. Big Blue Button und das Schulportal haben fast reibungslos funktioniert. Vor der Schulleitung war eine klare Struktur vorgegeben worden. Die Eltern wurden gut informiert. Die dafür nötigen Infos standen auf der Homepage. Alles sehr transparent“, lobt sie. Das sah vor Weihnachten noch anders aus. Da stand das Telefon nicht still. Besorgte Eltern fragten nach. Jetzt nach dem Schulstart, hätten sich nur wenige Eltern bei ihr gemeldet.

Viel Lob geht auch an Markus Preis als IT-Beauftragten der Weingartenschule. Er mache einen sehr guten Job. Die Elternschaft wisse seine Arbeitsergebnisse und seine hohe Verantwortlichkeit in diesen Tagen sehr zu schätzen.

Mehr Verantwortungsbewusstsein wünscht sich auch die Direktorin der Weingartenschule, Elke Wetterau-Bein. Und zwar vom Hessischen Kultusministerium. Sie hätte gerne, dass von höherer Stelle etwas entschieden wird, was Bestand hat. Einheitlich für alle Bundesländer. Denn neue Regelungen alle paar Wochen und den Schulbetrieb ständig nach neuen Vorgaben umzustellen, sei nicht hilfreich. „Es engagieren sich mehr, wenn sie wissen, wohin die Reise geht“, bringt sie es auf den Punkt.  Da sind sich Lehrkräfte, Elternschaft und Schülerinnen und Schüler einig. Alexander van de Loo

Hinter den Kulissen
Klarer Sieger zu Beginn dieser ersten Distanzunterrichtswoche waren das Videoportal BigBlueButton (BBB), welches über das Staatliche Schulamt finanziert wurde, sowie das Schulportal Hessen. So konnte die Weingartenschule in Kriftel eine nahezu vollständige Liveabbildung des aktuellen Stundenplans wiederspiegeln und die Schülerinnen und Schüler im digitalen Schulalltag unterrichten. Vorab liefen natürlich viele Dinge im Hintergrund, um dies überhaupt möglich zu machen: So wurden Schul-iPads aus dem Sekretariat der Schule verliehen, virtuelle Klassenräume in BBB durch Lehrerinnen und Lehrer errichtet sowie das Schulportal Hessen erweitert, sodass die Übermittlung einer Zeugnisnote an eine Schülerin oder einen Schüler datenschutzkonform erfolgen kann.

Federführend hierbei ist der EDV-Beauftragte der Schule: Der Lehrer Markus Preis arbeitet in dieser Woche komplett von zuhause aus. In seinem Homeoffice wechselt er zwischen vielen unterschiedlichen digitalen Endgeräten, um neben dem Unterrichtsangebot über das Videoportal BBB auch über das Schulportal Hessen Aufgabenstellungen sowie Material bereitzustellen und gleichzeitig auf Anfragen (Anmeldezugänge, Passwortrücksetzungen, technische sowie telefonische Unterstützungen, WLAN-Fernwartungen, iPad -Fernwartungen, Anleitungen im Umgang mit BBB und dem Schulportal) im Laufe eines Tages reagieren zu können.