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Letzte Aktualisierung: 26.02.2020

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Hessische Steuerverwaltung und Bildungsstätte Anne Frank schließen Kooperationsvertrag

von Helmut Poppe

(11.02.2020) Finanzminister Dr. Schäfer: „Wir stärken gezielt die politische Bildung unserer Anwärterinnen und Anwärter. Unsere Verwaltung engagiert sich intensiv gegen Diskriminierung und für gesellschaftliche Vielfalt.“

Vertragsunterzeichnung BS Anne Frank Steuerverwaltung
Foto: Hess. Ministerium der Finanzen
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„Gemeinsam gegen Diskriminierung und für gesellschaftliche Vielfalt.“: Diesem Motto fühlt sich die Hessische Steuerverwaltung fest verpflichtet. Ausdruck dessen ist auch eine neue Zusammenarbeit mit der Bildungsstätte Anne Frank (BAF). Hessens Finanzminister Thomas Schäfer unterzeichnete gestern mit dem Direktor der Bildungsstätte, Dr. Meron Mendel, in Frankfurt eine Kooperation im Bereich der politischen Bildung. Der Minister sagte: „Politische Bildung ist seit jeher ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung in unserer Steuerverwaltung. Nicht zuletzt da junge Menschen sich auch bei ihren ersten Schritten im Berufsleben mit den gesellschaftlichen Fragen des Zusammenlebens konfrontiert sehen. Jugendliche und junge Erwachsene suchen häufig nach Antworten auf Fragen, die sich aus gesellschaftlichen und persönlichen Veränderungen ergeben. Wir lassen sie dabei nicht alleine. Die neue Kooperation mit der Bildungsstätte Anne Frank zeigt deutlich: Unsere Verwaltung engagiert sich intensiv gegen Diskriminierung und für gesellschaftliche Vielfalt. Wir stärken gezielt die politische Bildung unserer Anwärterinnen und Anwärter und sorgen für Aufklärung über den richtigen Umgang mit Anfeindungen, Intoleranz und Rassismus. Damit stärken wir zugleich weiter nachhaltig das Demokratieverständnis unserer Verwaltung.“

Die BAF ist seit ihrer Gründung im Jahr 1997 im Bereich der Stärkung von demokratischen und interkulturellen Kompetenzen tätig. Als Zentrum für politische Bildung und Beratung entwickelt sie Konzepte und Methoden, um Jugendliche und Erwachsene für die aktive Teilhabe an einer offenen und demokratischen Gesellschaft zu stärken und zu ermutigen. Anliegen der BAF ist es, Jugendlichen und Erwachsenen eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte zu ermöglichen und sie für diskriminierendes Verhalten und gefährliche Ideologien zu sensibilisieren. Von dem vielfältigen Angebot der BAF können nun auch die Auszubildenden und dualen Studentinnen und Studenten der Hessischen Steuerverwaltung profitieren: „Die Seminare finden entweder in den Räumen der Bildungsstätte oder vor Ort in einem der 35 hessischen Finanzämter statt. Die Teilnehmenden befassen sich mit den Herausforderungen des demokratischen Zusammenlebens in einer pluralistischen Gesellschaft, natürlich auch und gerade im Kontext der Arbeitswelt. Dazu gehört der angemessene Umgang mit Antisemitismus, Rassismus und Homophobie. Es geht im Kern um die Vermittlung zentraler Werte unseres demokratischen Miteinanders“, berichtete der Finanzminister, der weiter sagte: „Die jungen Menschen bekommen in den Seminaren auch Lösungswege aufgezeigt, wie sie mit möglichen unangenehmen Situationen umgehen können. Das halte ich für wichtig. Gerade in diesen politisch und gesellschaftlich bewegten Zeiten nehmen auch die verbalen Angriffe und Diskriminierungen, die von außen an unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter herangetragen werden, stetig zu. Damit setzen wir uns auf ganz verschiedenen Ebenen intensiv auseinander und bereiten unsere Beschäftigten darauf vor. Auch mit dieser neuen Kooperation. Ziel ist es, dass jede Anwärterin und jeder Anwärter im Laufe der Ausbildung oder des Studiums das neue Angebot in Anspruch nimmt.“

Auch Dr. Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, begrüßte die neue Kooperation: „Rassismus, Antisemitismus und andere menschenfeindliche Haltungen treten nicht nur in Schulen, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen auf, auch am Arbeitsplatz. Mit präventiven Bildungsangeboten lässt sich jedoch in vielen Fällen ein Umdenken erwirken. Ich freue mich deshalb, dass das Hessische Ministerium der Finanzen heute eine Kooperation mit der Bildungsstätte Anne Frank eingegangen ist – gerade im gegenwärtigen politischen Klima, in dem extrem rechte Positionen salon- und koalitionsfähig geworden sind, ist das ein wichtiger Schritt für die Stärkung des demokratischen Miteinanders.“

Der Oberfinanzpräsident der Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main, Jürgen Roßberg, sagte: „Toleranz, Respekt und Vielfältigkeit – diese Werte sind nicht nur Grundwerte einer lebenswerten Gesellschaft, sondern auch essentiell für unsere Arbeit in der Steuerverwaltung. Unser Anspruch ist es, den jungen Kolleginnen und Kollegen, die sich für ein Studium oder eine Ausbildung bei uns entschieden haben, mehr als nur das Steuerrecht zu vermitteln. In Zeiten eines immer extremeren politischen Diskurses – nicht zuletzt in den sozialen Medien – ist ein moralischer Kompass mit diesen Werten und ein ausgeprägtes Demokratieverständnis wichtiger denn je. Wir freuen uns außerordentlich nun mit der Bildungsstätte Anne Frank einen erfahrenen und vielseitigen hoch anerkannten Partner zu haben, der unsere Ausbildung mit Seminaren zur Förderung der demokratischen und interkulturellen Kompetenz ergänzt.“

„Es gilt gerade in diesen Tagen politische und gesellschaftliche Entwicklungen besonders sensibel in den Blick zu nehmen. Insbesondere vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte. Wir müssen wachsam sein und dürfen Fehlentwicklungen, die unsere Demokratie gefährden, nicht einfach hinnehmen. Aus der Geschichte zu lernen, heißt Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft zu übernehmen. All das lehrt uns durch ihre Arbeit auch die Bildungsstätte Anne Frank. Ihre Arbeit ist so wertvoll, weil sie Solidarität und Menschlichkeit ins Zentrum des Handelns stellt. Und wo diese Werte gelebt werden, ist kein Platz für menschenverachtende Ideologien und Diskriminierung. Ich danke allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bildungsstätte für ihre wunderbare Arbeit“, fand der Finanzminister lobende Worte. Thomas Schäfer kündigte an, den gemeinnützigen Verein und seine Bildungsarbeit mit 1.000 Euro aus Lottomitteln des Finanzministeriums unterstützen zu wollen.  

Wider das Vergessen: Dies war und ist auch der Leitgedanke des ehemaligen Finanzministers Karl Starzacher (1995-1999). Ihm ist es zu verdanken, dass Ende der 1990er Jahre die Akten der Hessischen Finanzverwaltung aus der Zeit des Nationalsozialismus für die wissenschaftliche Forschung geöffnet wurden. Seine Entscheidung ermöglichte letztendlich auch die bekannte Wanderausstellung „Legalisierter Raub – Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933-1945“, organisiert vom Fritz Bauer Institut und dem Hessischen Rundfunk. Finanzminister Thomas Schäfer begrüßte heute in Frankfurt Karl Starzacher, der an der Veranstaltung teilnahm: „Auch die Finanzverwaltung in Hessen hat in der NS-Zeit Unrecht begangen. Dazu haben wir uns bekannt. Wir haben hingeschaut, nicht weggesehen, und dabei auch der Wissenschaft wichtige Zeitzeugnisse zur Verfügung gestellt. Karl Starzacher hat diesen Prozess in seiner Amtszeit angestoßen. Für diese historisch wichtige Richtungsentscheidung sind wir ihm, bin ich ihm persönlich, bis heute sehr dankbar. Ohne die Aufarbeitung der Vergangenheit können wir nicht aus der Geschichte lernen. Auch unseren jungen Anwärterinnen und Anwärtern möchten wir dieses Ansinnen vermitteln. Die neue Kooperation mit der Bildungsstätte Anne Frank bietet dafür eine weitere Gelegenheit.“

Ein Besuch von Seminaren, unter anderem zu möglichen Diskriminierungen am Arbeitsplatz, wird im Übrigen ab sofort auch den jeweiligen Ausbildungsleiterinnen und -leitern offenstehen. Auch Führungskräfte der Steuerverwaltung sollen zukünftig die Seminare besuchen können, um für etwaige Fehlentwicklungen am Arbeitsplatz besonders sensibilisiert zu sein.

Dr. Thomas Schäfer betonte heute, dass sich auch die Hessische Finanzverwaltung sehr intensiv mit der Akzeptanz und Wertschätzung gesellschaftlicher Vielfalt am Arbeitsplatz beschäftigt. Der Minister sagte: „Es braucht Wertschätzung und Respekt für den einzelnen Menschen, ganz gleich beispielsweise welche Religion er ausübt oder wen er liebt. Durch die Verankerung des Themas Vielfalt schafft die Finanzverwaltung mit Formaten und Kooperationen, wie beispielsweise mit der Bildungsstätte Anne Frank, Räume, die die Integration der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter untereinander, auf Basis eines besseren Verständnisses füreinander, noch weiter verbessern sollen.“ Das Vielfalts-Management in der Finanzverwaltung steht für einen ganzheitlichen Ansatz, der auf Wertschätzung basiert. Denn Vielfalt umfasst viele verschiedene Dimensionen, beispielsweise die Persönlichkeit eines jeden einzelnen Beschäftigten, das Alter, Geschlecht, oder die Religion und Weltanschauung, aber natürlich auch die sexuelle Orientierung und Identität sowie den Familienstand und die Ausbildung.