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Letzte Aktualisierung: 06.07.2020

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Hölderlin in Homburg: seine Aufenthalte und die Spuren, die er hinterlassen hat

von Ilse Romahn

(03.06.2020) Das Hölderlin-Festival, das im März durch die Corona-Pandemie abrupt abgebrochen wurde, nimmt wieder Fahrt auf!

Friedrich Hölderlin
Foto: Stadtarchiv Bad Homburg
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Die Hölderlin-Städte im Südwesten Deutschlands sowie Jena und Frankfurt wollen alle die 250. Wiederkehr des Geburtstages des großen deutschen Poeten feiern. Auch Bad Homburg vor der Höhe! Was aber hat die Kurstadt zwischen Taunus und Main-Metropole mit Friedrich Hölderlin zu tun? Wir geben einen kurzen Einblick: 

Zwei Mal lebte Hölderlin für jeweils über zwei Jahre in Homburg, das ihm – über seinen Freund Isaac von Sinclair – Zuflucht bot. Und zugleich einen Ort, an dem der Dichter ausgesprochen produktiv sein konnte. In Homburg entstanden etliche seiner wichtigsten Werke. Der erste Aufenthalt begann 1798 nach seinem Abschied aus Frankfurt, wo er im Haus des Bankiers Jakob Gontard den Sohn Henry unterrichtete und in Susette seine große Liebe fand. Hölderlin hatte nach dem Schulbesuch in Nürtingen an den Stiften Denkendorf, Maulbronn und Tübingen studiert und das Studium mit dem Magister-Examen abgeschlossen. Stipendien gaben ihm die finanzielle Grundlage, waren aber mit der Auflage verbunden, sich anschließend als Pastor zu verdingen, ersatzweise als Hauslehrer zu arbeiten. Weil Hölderlin den klerikalen Beruf ablehnte, kam er schließlich als Haushofmeister, wie man Hauslehrer damals bezeichnete, zu den Gontards nach Frankfurt. Die Liebe zwischen ihm und Hausherrin Susette - seiner Diotima – ist bekannt. In jenen Zeiten musste sie an den Standesregeln scheitern, so dass sich die beiden trennten und Hölderlin nach Homburg ging. Ende Mai 1800 entschied er sich weiterzuziehen. 

Es war ebenfalls Sinclair, der Hölderlin Halt geben wollte, als dieser sich 1804 in einem schon erkennbar zerrütteten Geisteszustand befand. Er holte seinen Freund nach Homburg und finanzierte ihm eine Pro-Forma-Stelle als Bibliothekar am Landgrafenhof. Als sich Hölderlins Zustand jedoch immer mehr verschlechterte, konnte auch Sinclair nichts mehr tun. Am frühen Morgen des 11. September 1806 wurde Hölderlin mit Gewalt in eine Kutsche verfrachtet und in die Authenriet’sche Klinik in Tübingen gebracht. 

In Homburg schrieb Hölderlin den zweiten Teil des Briefromans „Hyperion oder Der Eremit in Griechenland“ sowie die bekanntesten seiner Oden und Elegien. Das „Homburger Folioheft“, ein Quartheft und zahlreiche lose Bögen, Blätter und Briefe blieben erhalten und befinden sich im Eigentum der Stadt Bad Homburg. Sie hat die insgesamt neun Mappen aus konservatorischen Gründen als Dauerleihgabe an die Württembergische Landesbibliothek in Stuttgart gegeben. 

Die beiden Häuser in der Haingasse, in denen Hölderlin lebte, existieren nicht mehr, das dritte in der Dorotheenstraße wurde orginal getreu wieder aufgebaut. Aber es gibt viele andere Orte in Bad Homburg, an denen Besucher dem Geist Hölderlins nachspüren können: das Schloss und die Schlosskirche mit der Landgrafengruft, deren Zugang eine Platte mit einem Vers aus Hölderlins „Patmos“ verschließt, das Sinclair-Haus und das eigentliche Wohnhaus Sinclairs wenige Schritte davon entfernt, das Hölderlin-Denkmal im Kurpark, der Pavillon in Reimers-Park auf der Wingertsberg-Anhöhe, wo Hölderlin gesessen haben soll, um nach Frankfurt zu blicken und seiner Diotima nachzusinnen. Vom Schloss führt seit einigen Jahren der „Hölderlinpfad“ nach Frankfurt und zum Großen Hirschgraben, dem Gontard-Wohnsitz. 

Mit der brandneuen Stempelpass-App erfahren die Smartphone-Nutzer an 19 Stempelstellen interessante und spannende Informationen zu Friedrich Hölderlins Aufenthalten in Homburg. Man gelangt an Orte, an denen er Menschen begegnete, mit denen er gewöhnlichen Umgang pflegte – Regierungsbeamte, Lehrer, Pfarrer und Isaac von Sinclairs Familie –, aber auch Orte, an denen er mit seinen Geistesfreunden diskutierte und philosophierte. Außerdem kann man in die Audio-Datei mit Geschichten und Gedichten reinhören oder am virtuellen Spielespaß teilnehmen. Die Hölderlin-App kann unter „Stempelpass“ kostenlos im APP Store oder im Google Play Store heruntergeladen werden. 

Seite 1983 bereits ehrt die Stadt ihren prominenten einstigen Mitbewohner durch die Verleihung des Hölderlin-Literaturpreises. Träger dieser wichtigen und renommierten Auszeichnung sind die bekanntesten zeitgenössischen deutschsprachigen Schriftsteller. In diesem Jahr findet die Preisverleihung wegen der Corona-Krise mit Verzögerung erst am 1. November statt. Über den Preisträger 2020 wird die Jury nach den Sommerferien entscheiden. 

Bad Homburg setzt, abgesehen von den „Geburtstags“-Veranstaltungen, weitere langfristige Vorhaben um. Die Villa Wertheimber im Gustavsgarten, in der sich das Stadtarchiv mit seinem umfassenden Bestand auch an Hölderlin-Literatur und -Dokumenten befindet, wird zu einem Hölderlin-Zentrum. In Kürze wird die dort neu eingerichtete Hölderlin-Wohnung erstmals bezogen, und zwar von dem Schriftsteller Peter Henning. Und im nächsten Jahr soll dann das Hölderlin-Kabinett eröffnet werden, das über das Leben und Wirken des Dichters in Homburg informiert.