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Letzte Aktualisierung: 30.09.2020

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Grillwurst, Kopftuch und der Koran

"Extrawurst“ im Rémond-Theater am Zoo

von Ingeborg Fischer und Karl-Heinz Stier

(16.09.2020) Sichtlich erfreut begrüßte Theaterdirektor Claus Helmer die 100 Premierengäste in seinem Theater am Zoo in Frankfurt. Es darf – wenn auch mit strengen Vorgaben – nach einer halbjährigen Zwangspause wieder gespielt werden, die erste Vorstellung im zweiten Halbjahr.

Ein Höhepunkt der Streithähne (v.l.n.r.): Pascal Simon Grote, Christopher Krieg, Lutz Reichert, Giovanni Arvaneh, Silvia Maleen.
Foto: Helmut Seuffert
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Und was da dem Publikum geboten wurde mit „Extrawurst“ war vom Feinsten, nämlich eine geistreiche Multi-Kulti-Komödie voller Konflikte, in der Gutmenschen ebenso entlarvt werden wie „Political – Correctnes – Menschen“ oder solche, die Stammtisch-Parolen verkünden. Als Autoren zeichnen Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob. 

Vor einfacher, aber passender  Kulisse – kleiner Tresen, Wandregale mit Pokalen, Tisch, Stühle, eine kleine Bank (Bühne Tom Grasshof) - agieren: Lutz Reichert als Vereinsvorsitzender eines Tennisclubs in der Provinz alias Heribert Bräsemann, Christopher Krieg als 2. Vorsitzender Matthias Scholz, Pascal Simon Grote als Torsten Pfaff, Silvia Maleen als dessen Ehefrau Melanie und Giovanni Arvaneh als Erol Oturan. Erol ist Türke, ein selbstbewusster Rechtsanwalt, Moslem, der beste Spieler des Clubs und er spielt mit Melanie äußerst erfolgreich Doppel. 

Man hat zur Mitgliederversammlung eingeladen. Denn es soll für das bevorstehende Sommerfest ein neuer Grill angeschafft werden. 

Melanie problematisiert sofort, dass ein Moslem – Erol ist der einzige im Club – auf keinen Fall eine Wurst von einem Grill essen darf, auf dem auch Schweinewürstchen brutzeln. Also – meint sie – muss ein zweiter Grill gekauft werden. Erol sieht das gar nicht so eng, denn er ist in Deutschland gut integriert. Das bestätigen seine Tennisclub-Kameraden: „Er hat sogar bei der Karnevals-Sitzung mitgeschunkelt!“ Allerdings trägt seine Ehefrau Kopftuch und nimmt die Sache als Muslime sehr viel ernster. 

Die Geister scheiden sich an der Bratwurst vom Schwein und der „Türkenwurst“. Der 2. Vorsitzende Scholz ist beleidigt, dass seine günstigen Kaufangebote für den neuen Grill nicht gewürdigt werden, Melanies Ehemann Torsten spielt sich zunächst als toleranter, liberaler Zeitgenosse und Vegetarier auf, der sich in den eigenen Fallstricken verfängt. Vorsitzender Bräsemann fühlt sich überfordert und will zurücktreten. Es wird auf Minderheitsrechte gepocht, dem wird widersprochen. Es geht um Eifersucht und sogar Erdogan wird in den Diskussionen eingebracht. Dass sich der zu Beginn so souveräne Türke Erol dann auch noch als ziemlich rechts stehend zu erkennen gibt und verächtlich über die anatolischen Bauern, die nach Deutschland gekommen sind, herzieht und dort ihre eigene Gesellschaft leben, macht fast sprachlos. 

Regisseur Thomas Weber-Schallauer baut das Spiel allerdings so geschickt auf, dass es nie zum Klamauk verkommt. Das Publikum wird sogar in den Ablauf als Mitgliederversammlung des Tennisclubs mit einbezogen und hört so manche Wahrheiten. 

Flott und unterhaltsam vergeht die Zeit ohne Pause im Flug. Die Protagonisten mimen die Charaktere, die gezeigt werden sollen, alle ohne Ausnahme hervorragend. Mit langem Schlussapplaus wird das Ensemble dann auch belohnt, und das Publikum ging amüsiert, aber auch ein wenig nachdenklich nach Hause.

Die Vorstellungen gibt es DI-SA  um 20 Uhr, SO um 18 Uhr bis zum 18. Oktober. Karten ab 19 Euro unter Tel: (069)435166. Aufgrund der Abstands- und Hygieneverordnung ist die Saalkapazität auf ca. 100 Zuschauer begrenzt. Weitere Infos unter www.fritzremond.de