Das Online-Gesellschaftsmagazin aus Frankfurt am Main

Letzte Aktualisierung: 17.06.2024

Werbung
Werbung

Goethes Faust kehrt nach Frankfurt zurück

von Ralph Delhees

(03.06.2024) In den Produktionen der Spielzeit 2024/25 des Frankfurter Schauspielhauses kommt die Sehnsucht nach mehr und eine Aufbruchstimmung nach menschlich verbindendem stark zum Ausdruck. Das „Große Haus“ am Willy-Brandt-Platz in der Mainmetropole – in der Schauspiel- und Oper gemeinsam residieren - ist für die neue Spielzeit 2024/25 gerüstet, nachdem jetzt Schauspielintendant Anselm Weber die Spielplan 2024/25 vorstellte, das Opernprogramm hatte bereits vor drei Wochen Opernintendant Bernd Loebe bekannt gegeben.

Bildergalerie
Intendant und Geschäftsführer des Schauspiel Frankfurt Anselm Weber stellte mit viel Empathie das sehr gelungene Programm der Spielzeit vor und insbesondere, wie auf dem Bild, das Spielzeitmagazin.
Foto: Schauspiel Frankfurt Jessica Schäfer
***
Das Programm für die Spielzeit des Schauspiel Frankfurt stellten in der Panorama Bar des Hauses von links nachrechts vor: Martina Droste (Leitung Junges Schauspiel), Lukas Schmelmer (Dramaturg), Katja Herlemann (Dramaturgin), Alexander Leiffheidt und Katrin Spira (beide Geschäftsführende Dramaturgen).
Foto: Schauspiel Frankfurt Jessica Schäfer
***

Die neue Spielzeit im Schauspiel beginnt mit Goethes „Faust“ und steht - wie die gesamte Spielzeit - unter dem Ausdruck „Sehnsucht nach mehr“, wie auch der Titel des Spielzeitmagazins es in seiner Farbigkeit zum Ausdruck bringt. Es zeigt die Aufbruchstimmung und Lebendigkeit, wie im Osterspaziergang, wie es Intendant Anselm Weber bezeichnete. Das Ensemble hat sich schnappschussartig im Spielzeitmagazin von Fotograf Szymon Stepniak ablichten lassen und signalisiert so den Begriff der Sehnsucht.

Besucher- und Abonnentenzahlen steigen wieder
Das Schauspiel Frankfurt startet mit 20 Premieren in die neue Spielzeit, darunter sechs Uraufführungen und eine Deutsche Erstaufführung, und gestaltet sein Programm mit einer Mischung aus Kontinuität, Förderung von Nachwuchstalenten und Neubegegnungen. 20 Titel sind im Repertoire der Spielzeit, die 30 feste Ensemblemitarbeiter hat. Besonders machte Anselm Weber auf das Theaterfest von Schauspiel und Oper am 8. September aufmerksam und der Besuch der Matinee im Schauspiel am 6. Oktober unter dem Titel „Der Schmerz des Eigenen, der Schmerz der Anderen – ein Jahr nach dem 7. Oktober“ liegt ihm besonders am Herzen.

Intendant und Geschäftsführer des Frankfurter Schauspiel Anselm Weber hatte auch einige Zahlen zur vergangenen Spielzeit 2023/24 parat, so konnte das Schauspielhaus mit Ende April eine Auslastung von 89 Prozent verbuchen und nähert sich so langsam wieder an die vor Coronazeit. Die Abonnentenzahl ist um 17,5 Prozent auf 5.300 (2022/23: 4.500) gestiegen. Die bestbesuchten Stücke waren u.a. „Der Geizige“ von Molière und „Katharina Blum“ von Böll, wie auch Bram Stokers „Dracula“.      

Die Spielzeit 2024/25 wird am 19. September mit Goethes „Faust 1 + 2“ eröffnet. Faust trägt die Sehnsucht in sich. Die Sehnsucht treibt ihn zusammen mit Mephisto im wahrsten Sinne auf die Schienen einer Geisterbahn. Jan-Christoph Gockel nimmt vornehmlich »Faust 2« in den Fokus und mit ihm das Visionäre, das Heutige des Stücks: Ausbeutung und Zerstörung von Menschen und Natur. Gockel arbeitet erneut mit seinem großen Team, erweitert um den Puppenspieler Michael Pietsch. Das Puppenspiel wird eine wichtige Rolle einnehmen und schlägt eine Brücke zu Goethes Puppentheater, das im Goethehaus in Frankfurt zu sehen ist.

Ein Großprojekt der Sciencefiction-Literatur
Das zweite Großprojekt ist das entfesselnde Szenario „Solaris“, das Meisterwerk der Sciencefiction-Literatur von Stanislaw Lém. Inszeniert wird das Stück von Schauspieler und Regisseur Christian Friedel, der zum ersten Mal nach Frankfurt kommt. Friedel setzt bei der Inszenierung auf das enge Zusammenspiel zwischen Musik und Spiel, Video und Licht, Bewegung und Raum Premiere ist am 26. April 2025.

Uraufführung: „Einfach komisch“?
Uraufführung heißt es am 14. März 2025 im Schauspielhaus mit „Don Quijote“ UA) nach Miguel de Cervantes von Peter Jordan. Eine Steilvorlage für das Spiel, das Theater – und den Witz. Diesen treibt die sehr freie Überschreibung des »Don Quijote« von Peter Jordan auf die Spitze, der dem Publikum auch als Schauspieler bekannt ist und der zusammen mit Leonhard Koppelmann in seiner Inszenierung auf schauspielerischen Turbogang, Timing, Slapstick und eine gute Portion von sehnsüchtigem Wahn setzt. Eine Mischung, die darauf aus ist zu zeigen, wie lustvoll Theater sein kann, wenn man die Sache mit dem Humor ernst nimmt.

Nachstehend die Premieren der Spielzeit 2024/25, die nur im Schauspielhaus stattfinden. Über die Premieren im Kammerspiele und das „Junge Schauspiel“ werden in einer der kommenden Ausgaben von Frankfurt-Live zu lesen sein.

William Forsythe und Thomas Hauert kommen mit ihrem Ensemble
Besonders freuen darf sich das Publikum auf die Premiere am 5. Juni 2025, wenn die Dresden Frankfurt Dance Company (DFDC) unter William Forsythe und Thomas Hauert, die die Choreografien unter sich haben, im Schauspielhaus zu Gast sind. In diesem Doppelabend trifft die heutige Bewegungspraxis des Ensembles der DFDC auf die anspruchsvollen Improvisationstechniken von zwei Gastchoreografen, die für die Company zwei neue Werke entwickeln. Choreograf William Forsythe ist bei den Frankfurtern noch in guter Erinnerung, leitete er doch von 1984 bis 2004 das Ballett in Frankfurt.

Bergman’s „Szenen einer Ehe“ in einer interessanten Fassung von Sebastian Schug
Regisseur Sebastian Schug inszeniert Bergmanns Klassiker, der am 22. September Premiere im Schauspiel hat, in einer interessanten Fassung für zwei Personen, die der Frage nach dem Verständnis von Liebe im 21. Jahrhundert nachfühlt. Der schwedische Filmemacher Ingmar Bergman kreierte 1973 „Szenen einer Ehe“, ein Drama um eine Frau und einen Mann, deren Ehe nach zehn Jahren zerbricht: Alltägliche Situationen kippen plötzlich in Endlosschleifen der Eskalation und setzen eine Kraft und Zerstörung frei, die toxische Geschlechterrollen und Strukturen der Unterdrückung offenlegt.

Ein Mann sieht rot
Wie der Druck gesellschaftlicher Verhältnisse in eine Familie hineinwirkt, zeigt Arthur Millers Zweiakter „Ein Blick von der Brücke“- Premiere im Schauspiel am 18. Januar 2025 -, der unter den italienischstämmigen Einwanderern Brooklyns der 50er Jahre spielt. Ein Mann sieht rot: Eifersucht, Furcht und der Druck der Verhältnisse ergeben eine explosive Mischung, die dem Einwanderer Eddie Carbone und seiner Familie zum Verhängnis wird. Der bekannte niederländische Theatermacher und künstlerische Leiter des Nationaltheaters in Den Haag Eric de Vroedt wird damit zum ersten Mal in Frankfurt inszenieren.

Verborgene Träume
Hinaus aus Athen treibt es die Liebenden in Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“, die Nacht des Waldes setzt die Gesetze des Tags außer Kraft und offenbart verborgene Träume. Zaubertränke fließen, Identitäten verflüssigen sich, Partnerinnen und Partner wechseln und es entsteht ein neuer Möglichkeitsraum. Die langjährige Regisseurin Christina Tscharyiski inszeniert Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ – Premiere 7. Februar 2025 -über die Irrungen und Wirrungen der Liebe im Reich der Elfen und der Menschen, indem sie den urkomischen sowie urmenschlichen Fragen dieses zeitlosen Stoffes nachgeht und das (alb)traumhafte Potenzial des Theaters heraufbeschwört.

Die 1920er Jahre in New York
Ewelina Marciniak nimmt sich in der neuen Spielzeit eines Klassikers der Weltliteratur an: „Der große Gatsby“ nach F. Scott Fitzgerald – Premiere ist am 25. Oktober. Der meisterhafte Roman über eine unmögliche Liebe dokumentiert die Zeit im New York der 1920er Jahre, in der der Weg vom Tellerwäscher zum Millionär am kürzesten war. Marciniaks Inszenierung und die Fassung der Dramaturgin Iga Gańczarczyk beleuchtet die Rückkehr der glitzernden Fassade und sucht nach einer Stimme für jene, die im Schatten der Dekadenz existieren.

Eine Welt voller Gefahren und fantastischer Wesen mit Druden, Rumpelwichte und Graugnome spielt auch im diesjährigen Familienstück - ab 6 Jahren – des Schauspiels Frankfurt eine zentrale Rolle. Astrid Lindgrens Klassiker „Ronja Räubertochter“, Premiere ist am 24. November, eine packende Abenteuergeschichte über Freundschaft, Mut und gegenseitigen Respekt. Regisseur Rüdiger Pape kehrt nach seiner Inszenierung von „Tintenherz“ mit dieser Arbeit über die verfeindeten Räuberfamilien ans Schauspiel Frankfurt zurück.

Lilja Rupprecht bringt den Stoff der „schwarzen Romantik“ auf die große Bühne
Mit E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ kommt unter der Regie: von Lilja Rupprecht ein zentraler Stoff der schwarzen Romantik auf die Bühne – Premiere am 23. Mai 2025 -. Der junge Student Nathanael verliert zunehmend an Halt, als sich mit der Gestalt des Wetterglashändlers Coppola die traumatischen Erlebnisse seiner Kindheit in seine Gegenwart hineinschleichen. Sehnsucht, Liebe, Angst und Wahn geben sich in der Erzählung die Hand. Lilja Rupprecht wird nach u. a. Jelineks »Sonne/Luft« und Fassbinders »Die Ehe der Maria Braun« den Stoff auf die große Bühne bringen.

Räumliches improvisieren
Wann ein Neubau für das Schauspiel kommt, ist noch lange nicht entschieden, einzig ein Standort an den Wallanlagen ist evtl. im Gespräch. Wie es mit dem „Großen Haus“ in Zukunft weitergeht, steht somit noch weiterhin aus und so muss vieles improvisiert werden. Feststeht aber für das Schauspiel, insbesondere was Probebühne und -säle betrifft, es stark an Platznot leidet. Es arrangiert sich räumlich mit der Oper. Die Probebühne im Bockenheimer Depot fällt derzeit komplett aus, da dort Shakespeares „Sommernachtstraum“, der am 7. Februar 2025 Premiere hat, einstudiert wird.