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Letzte Aktualisierung: 30.09.2020

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Goethepreis an Dževad Karahasan in der Paulskirche feierlich verliehen

von Ilse Romahn

(31.08.2020) Alle drei Jahre verleiht die Stadt Frankfurt am Main in Gedenken an ihren größten Sohn den mit 50.000 Euro dotierten Goethepreis. In diesem Jahr geht er an den bosnischen Schriftsteller, Dramatiker und Essayisten Dževad Karahasan.

Dževad Karahasan nimmt die Auszeichnung aus den Händen von Oberbürgermeister Peter Feldmann entgegen
Foto: Stadt Frankfurt / Andreas Varnhorn
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Die feierliche Preisverleihung in Anwesenheit des Preisträgers vor Gästen aus Politik und Kultur fand am Freitag, 28. August, in der Paulskirche statt. Oberbürgermeister Peter Feldmann begrüßte die Gäste und überreichte die Preisurkunde. Die Preisrede hielt der Schriftsteller Ingo Schulze.

Das Stadtoberhaupt gratulierte Dževad Karahasan herzlich zum Goethepreis und ergänzte: „Dževad Karahasan steht für ein friedliches Miteinander der Kulturen und Religionen. In Zeiten des wachsenden Nationalismus setzt die Stadt Frankfurt mit dieser Wahl ein Zeichen für Toleranz und Verständigung. Im Werk von Dževad Karahasan finden sich zahlreiche Spuren Goethes, dessen Werk er mit Geist und Leidenschaft in den südosteuropäischen Kulturraum vermittelt.“

Kulturdezernentin Ina Hartwig ergänzt: „Es trifft sich, dass wir in einer Zeit der Pandemie mit Dževad Karahasan ein Preisträger haben, der in seinen Schriften vehement gegen die Selbstabschottung von Staaten und Nationen schreibt und den gemeinsamen europäischen Kulturraum einfordert, für den bereits Goethe Pate stand.“

In seiner Preisrede hielt Ingo Schulze fest: „Wenn im Alltag das, was uns am Leben hält, vernichtet wird, erweisen sich Bücher wie die von Dževad Karahasan als eines jener raren Reservoire, in denen sich, wenn überhaupt, wieder lebensbejahende Kräfte sammeln können.“

Dževad Karahasan, 1953 im Duvno/Jugoslawien geboren, studierte Literatur- und Theaterwissenschaft in Sarajevo, promovierte in Zagreb und lehrte von 1986 bis 1993 Dramaturgie und Dramengeschichte an der Akademie für szenische Künste in Sarajevo. 1993 floh Karahasan aus der umkämpften Stadt, die eine zentrale Rolle in seinen Schriften spielt. Er arbeitete als Dozent für Dramaturgie und dramatisches Schreiben an verschiedenen europäischen Universitäten sowie als Dramaturg und Dramatiker. Sein erstes Prosawerk nahm Bezug auf Goethes „Diwan“ und hieß „Der östliche Diwan“ (1993). Zu seinen wichtigsten Werken zählen „Sara und Serafina“ (2000), „Das Buch der Gärten. Grenzgänge zwischen Islam und Christentum“ (2002), „Der nächtliche Rat“ (2006), „Der Trost des Nachthimmels. Roman in drei Teilen“ (2016) und 2019 der Erzählungsband „Ein Haus für die Müden“. Für sein Werk wurde er mit zahlreichen Preisen, etwa dem Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch (1995), den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung (2004), 2012 mit der Goethe-Medaille des Goethe-Institutes und 2019 mit dem Jeanette Schocken-Preis ausgezeichnet. Dževad Karahasan lebt mit seiner Frau in Sarajevo und in Graz.

Der Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main wird alle drei Jahre am Geburtstag Johann Wolfgang Goethes, dem 28. August, an eine Persönlichkeit verliehen, „die durch ihr Schaffen bereits zur Geltung gelangt und deren schöpferisches Wirken einer dem Andenken Goethes gewidmeten Ehrung würdig ist“.

Das Kuratorium setzt sich in diesem Jahr neben den ständigen Mitgliedern (dem Oberbürgermeister, dem Stadtverordnetenvorsteher, der Kulturdezernentin, der Hessischen Ministerin für Wissenschaft und Kunst, der Präsidentin der Goethe-Universität und der Direktorin des Freien Deutschen Hochstiftes) aus der Dichterin und Übersetzerin Ilma Rakusa, dem Schriftsteller Ingo Schulze und der Leiterin des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Sandra Kegel, zusammen.

Die vergangenen Preisträger waren 2005 Amos Oz, 2008 Pina Bausch, 2011 Adonis, 2014 Peter von Matt und 2017 Ariane Mnouchkine. Frühere Preisträger waren unter anderem Sigmund Freud (1930), Hermann Hesse (1946) und Thomas Mann (1949). Erster Goethepreisträger war im Jahr 1927 Stefan George. (ffm)