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Letzte Aktualisierung: 19.04.2024

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Gedenken an den Todesmarsch aus Adlerwerken

von Ilse Romahn

(25.03.2024) Am Sonntag, 24. März, jährte sich zum 79. Mal die Auflösung des KZ „Katzbach“ in den Frankfurter Adlerwerken und der Start des Todesmarschs der darin verbliebenen 360 bis 370 Häftlinge nach Hünfeld.

Außenansicht des Gebäudekomplexes der ehem. Adlerwerke
Foto: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Salome Roessler
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Zusammen mit dem Geschichtsort Adlerwerke, dem Gallus Theater, dem Förderverein für die Errichtung einer Gedenk- und Bildungsstätte KZ-Katzbach in den Adlerwerken und zur Zwangsarbeit in Frankfurt am Main sowie dem Verein „Leben und Arbeiten in Gallus und Griesheim“ (LAGG) lud Kulturdezernentin Ina Hartwig zur Gedenkveranstaltung im Gallus Theater ein.
 
Gedenken als Erinnerungsarbeit
Kurz vor dem Einmarsch der Alliierten in Frankfurt im Frühjahr 1945 versuchten die Nationalsozialisten, die Spuren ihrer Verbrechen in den Adlerwerken zu vertuschen und lösten das Konzentrationsaußenlager unter dem Decknamen „Katzbach" auf. So wurden rund 450 erschöpfte Häftlinge ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Nur elf Überlebende dieses Transports sind bekannt. Mehrere Tage blieben die Waggons verplombt und ohne jegliche Verpflegung auf den Gleisen stehen, bevor der Zug sich in Bewegung setzte.
 
Die übrigen 360 bis 370 Häftlinge wurden am Abend des 24. März 1945 auf einen „Evakuierungsmarsch“ geschickt. Dieser entpuppte sich als Todesmarsch. Die Route führte von Frankfurt unter anderem über Maintal, Gelnhausen, Wächtersbach, Schlüchtern und Fulda nach Hünfeld, wo er am 29. März endete. Entlang dieses Weges, den die erschöpften Menschen zu Fuß unter Schikanen der SS-Wachleute und in steter Lebensgefahr zurücklegen mussten, fanden zahlreiche Hinrichtungen statt. Marschunfähige Männer oder solche, die einen Fluchtversuch unternahmen oder sich wehrten, wurden grausam ermordet.
 
Rund um den 24. März organisieren engagierte Vereine im Gallus seit Jahren das Gedenken an die Opfer des KZ „Katzbach" und der Zwangsarbeit in den Adlerwerken. Auch in diesem Jahr fand im Gallus Theater, am authentischen Ort der einstigen Verbrechen und in direkter Nähe zum Geschichtsort Adlerwerke, eine Gedenkveranstaltung mit musikalischer Umrahmung statt.
 
80 Jahre Warschauer Aufstand — 80 Jahre Gründung des KZ „Katzbach"
Die diesjährige Veranstaltung ist mit dem Titel „80 Jahre Warschauer Aufstand — 80 Jahre Gründung des KZ ‚Katzbach'" überschrieben und gewährt einen tieferen Einblick in die Hintergründe der größten Häftlingsgruppe des KZ.
 
Zwischen August 1944 und März 1945, der Zeit des Bestehens des KZ-Außenlagers mit dem Decknamen „Katzbach", wurden in den Adlerwerken insgesamt 1616 Menschen aus elf Nationen unter unmenschlichen Bedingungen zur Arbeit gezwungen und misshandelt. Die größte Gruppe der Häftlinge stammte aus Polen und wurde dort während der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes festgenommen.
 
Am 1. August 1944 erhob sich in Warschau die Polnische Heimatarmee Armia Krajowa, unterstützt von weiteren Untergrundgruppen wie der kommunistischen Volksarmee, Armia Ludowa, um die deutschen Besatzer zu bekämpfen. 63 Tage dauerten die Kämpfe an, bis sie von den Nationalsozialisten blutig niedergeschlagen und Warschau in Schutt und Asche gelegt wurde. Rund 180.000 Menschen verloren ihr Leben, die meisten davon Zivilisten. Etwa 60.000 Menschen wurden in Konzentrationslager deportiert, darunter auch in das KZ „Katzbach" in den Adlerwerken.
 
Am 22. August 1944 kamen die ersten 200 Häftlinge des sogenannten Baukommandos nach Frankfurt. Sie wurden zwei Wochen zuvor, zwischen dem 5. und 10. August 1944, wahllos in Warschau gefangen genommen und über das Durchgangslager Pruszków nach Buchenwald gebracht. Auch der zweite große Transport nach Frankfurt mit insgesamt 1000 Häftlingen kam über das Lager Pruszków und das KZ Dachau nach Frankfurt. Abgesehen von sechs Häftlingen, die direkt aus dem KZ Natzweiler nach Frankfurt kamen, und vier Häftlingsärzten, teilten bis Ende Januar 1945 die Häftlinge des KZ „Katzbach" eine gemeinsame Herkunft und eine gemeinsame Erfahrung: Sie hatten den Warschauer Aufstand erlebt oder beteiligten sich aktiv an ihm.
 
Aufgrund dieser engen Verbindung zwischen dem Warschauer Aufstand und dem KZ „Katzbach" stellte die Gedenkveranstaltung am Sonntag, 24. März, die größte Häftlingsgruppe in den Mittelpunkt. Stellvertretend für die polnische Botschaft spricht der Vizekonsul Jan Krzymowski. Joanna de Vincenz, die für ihr Buch „Die letzten Zeugen“ einige Überlebende des Warschauer Aufstandes und des KZ „Katzbach" interviewt hatte, berichtete zu ihrer Arbeit. Eine Lesung stellte exemplarisch drei Warschauer Häftlinge des KZ „Katzbach" vor. Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung von Saskia Schneider an der Flöte und Anna Naretto am Klavier.
 
Weitere Infos finden sich unter geschichtsort-adlerwerke.de. (ffm)