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Letzte Aktualisierung: 30.09.2022

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Fußball WM in Katar: Wäre der Boykott möglich gewesen?

von Bernd Bauschmann

(15.09.2022) Die Kritik wurde von den Fußballfans immer lauter. Die WM in Katar wäre eindeutig zu verhindern gewesen. Angeklagt wird, dass weder die Regierungen noch die Fußballverbände ihr Veto eingelegt haben.

Lusail Iconic Stadium, Qatar. Austragungsort des Endspiels der Fußball-Weltmeisterschaft 2022
Foto: Unsplash / Visit Qatar
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Der Boykott wäre laut vielen Fachkreise möglich gewesen. Die Arbeitsbedingungen von Arbeitsmigrantinnen und -migranten sind vor Ort bekanntlich verheerend. Die Fifa-Funktionäre wissen Bescheid und schauen letztlich weg. Neben der kommenden Corona Welle im Herbst rückt somit auch dieses Super Event immer näher.

Haben die Sportverbände versagt?
Unterm Strich liegt es am Konsument, inwieweit dieser in letzter Konsequenz die WM 2022 in Katar boykottiert. Starke Zeichen könnten für die Zukunft gesetzt werden. Eines ist klar, aus ethischer Sicht ist diese WM kritisch zu betrachten. Der Eindruck bleibt, dass die Fifa sich letztlich alles erlauben kann. Ein Schleier des Wegschauens zieht bis heute über die Ende des Jahres 2022 stattfindende WM hinweg. Werden die Fans eine deutliche Sprache während der WM 2022 in Katar sprechen?

Es wird von Ethikern eindeutig angeklagt: Die diesjährige WM findet auf den Gräben von Immigranten statt. Diese reisen in Scharen an, um unter menschenunwürdigen Bedingungen die WM-Stätten zu errichten. Sie arbeiten nicht nur bis zur Erschöpfung, sondern bis zum Tod. Das Prinzip der drei Affen machte sich breit: Die Augen geschlossen halten, die Ohren verschließen und nicht sprechen.

Kann die WM Katar Veränderungen für das Land bringen?
Ganz umsonst waren die internationalen Proteste nicht. Eine leichte Verbesserung ist eingetreten. Die weltweit wichtigste Organisation für Arbeitsrecht eröffnete in Katar ein Büro. In Saudi-Arabien sowie in den Vereinigten Arabischen Emiraten wurde keine Genehmigung erteilt. Katar genehmigt diesen Sitz. Katar war zudem bereit, diverse Menschenrechtschartas zu unterschreiben. Die Umsetzung lässt bis heute zu wünschen übrig. Einige der besten Wettanbieter in Deutschland spekulierten in den letzten Jahren, ob die WM nun wie geplant in Katar stattfinden würde. Allerdings zeigen die Einschätzungen der Insider, dass der Austragungsort zu keinem Zeitpunkt wirklich angezweifelt wurde.

Amnesty International klagt jedoch an, dass nach wie vor teilweise Zwangsarbeit vor Ort herrscht. Aus ethischer Sicht wäre somit ein Boykott möglich gewesen. Der Deutsche Fußball Bund scheute einen Konflikt mit der Fifa. Ein Alleingang der Deutschen wäre unrealistisch gewesen. Wäre Europa gemeinsam aufgestanden, hätte es durchaus anders ausgesehen. Aktive Fans lassen ihre Stimme sprechen und mobilisieren gegen die WM. Diese WM ist anders als die anderen. Die Fans machen ihren Unmut durch Banner sichtbar. Der 1. FC Kaiserslautern ließ einen großen Banner sprechen. Für jedes ausgetragene Spiel hätte es 300 Tote gegeben.

Katar will sein Image polieren
Mit 150 Milliarden Euro findet Ende 2022 die teuerste WM aller Zeiten statt. Inmitten einer knallharten Kultur wird weggeschaut. Homosexualität ist verboten. Kritik gegen den Golfstaat steht unter Strafe. Eine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau findet nicht statt. Gewerkschaften und Parteien gibt es auch keine. Unter teils sklaven ähnlichen Zuständen arbeiten Immigrantinnen und Immigranten für den Erbau der WM-Fußballstätten. Es wird weltweit zum Boykott aufgerufen. Das TV-Gerät soll aus bleiben.

Katar hält dagegen und möchte erstrahlen. Tausende von Gastarbeitern wurden aus Bangladesch, Indien und Nepal ins Land geholt. Durch die voranschreitende Privatisierung des Fußballs scheint der Protest weltweit ins Leere zu laufen. Nach außen hin will der Golfstaat sein Image kräftig polieren. Die Fans sprechen eine deutliche Sprache und werfen der Fifa Mafia artige Zustände vor. FIA-Boss Gianni Infantino verlegte seinen zweiten Wohnsitz nach Doha. Katar gehört mittlerweile zum internationalen Spitzenfußball.

Die Welt schaut hin
Der Wirtschaftsethiker Thomas Beschorner klagt an, die Fußballverbände schauen weg. Umso genauer schauen mittlerweile die Fußballfans hin. Für Beschorner gibt es nur eine klare Entscheidung, der Boykott wäre richtig und wichtig gewesen. Er geht fest davon aus, dass die Fans den Boykott mitgetragen hätten. Der DFB wurde in einem offenen Brief im Mai 2022 nahegelegt, alle 7 Milionen Mitglieder des DFB zu befragen, ob sie einen Boykott der WM in Katar möchten. Gleichzeitig sollten die Ergebnisse veröffentlicht werden. Die Befragung fand nicht statt.

Weltweit machten die Fußballfans in den Stadien ihrem Unmut Luft. Banner wurden gehisst. Von 15.000 Toten wurde gesprochen. Lediglich mit einer global konstatierten Aktion wäre über den Druck der Fans die Chance groß gewesen, einen Boykott zu erzwingen. Die Macht wäre durchaus von den Fans ausgegangen, wenn die Funktionäre nicht zu einem Boykott bereit sind.

Unsere WM ist es nicht
Die Fußballwelt ist gespalten. Doch die anklagenden Stimmen verstummen nicht. Die WM würde als Sportwashing von den Sponsoren der Fifa genutzt. Die Vorstellung der Fußballfans liegt klar auf der Hand. Diese menschenverachtenden Spiele sollen boykottiert werden und dementsprechend auch die Merchandising Produkte. Welche Auswirkungen der Protest tatsächlich hat, wird sich erst am Ende der Spiele zeigen.

Werden die Fußballfans tatsächlich wegschauen? Gibt es nochmals eine verstärkte Protestwelle? Es ist davon auszugehen, dass die Fans, welche einen Boykott erreichen wollten, ihren Protest weiterhin kundtun werden. Fakt ist jedoch, die Spiele werden stattfinden. Ein tatsächlicher Protest in der Außenwelt, welcher eine Veränderung hervorruft, wird jetzt nicht mehr stattfinden. Augenscheinlich hat die Mehrheit der Fußballfans für sich entschieden, die Entscheidung der Fifa zu akzeptieren. Egal wie anklagend der Unmut war, er lief ins Leere. Fans gaben den Fifa-Funktionären die Schuld, an dem Tod zahlreicher Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten zu sein.