Archiv-Kultur

Frankfurter Medizingeschichte in 39 Scherenschnitten

Am 17. Oktober stellen Benjamin Kuntz und Harro Jenss im Gesundheitsamt ihr Buch „Frankfurter Charakterköpfe“ vor.
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Cover „Frankfurter Charakterköpfe“
Foto: Hentrich&Hentrich

War es Zufall oder Fügung? Im Jahr 2019 gelangte ein rund 100 Jahre altes Büchlein aus Frankfurt in die Hände der beiden Medizinhistoriker Benjamin Kuntz und Harro Jenss. Darin: 39 Scherenschnitte von Mitgliedern der Frankfurter Medizinischen Fakultät, angefertigt von der damals 23-jährigen Medizinstudentin Rose Hölscher, die, während sie in den Hörsälen den Vorlesungen ihrer Professoren lauschte, ebendiese im Scherenschnitt festhielt. Rose Hölscher ließ aus ihren Kunstwerken ein Büchlein drucken und verteilte einige Exemplare mit dem Titel „Frankfurter Charakterköpfe“ an ihre Dozenten und Kommilitonen – „als Erinnerung für spätere Zeiten“.
 
Kuntz, Leiter des Museums im Berliner Robert Koch-Institut, und Jenss, klinischer Internist im Ruhestand, ahnten, dass sie mit dem Buch einen Schatz gefunden hatten. Ihre Leidenschaft fürs Recherchieren war entfacht: Wer sind die 39 Männer, die von einer Studentin im Scherenschnitt festgehalten wurden? Was ist aus ihnen geworden? Wer ist Rose Hölscher? Und was hat es mit der Kunstform des Scherenschnitts auf sich?
 
Rund vier Jahre lang haben Kuntz und Jenss mit Unterstützung der Frankfurter Stadthistorikerin Sabine Hock die Lebenswege der 39 Porträtierten erforscht, von denen in Hölschers Büchlein nichts weiter abgebildet war als eine Silhouette und der jeweilige Nachname, etwa Herxheimer, Eckelt oder Dessauer. Die Ergebnisse ihrer Spurensuche liegen nun als Buch vor: „Frankfurter Charakterköpfe – Die Scherenschnitte der Rose Hölscher in 39 Biografien“, erschienen bei Hentrich & Hentrich. Am Dienstag, 17. Oktober, stellen Kuntz, Jenss, Hock und Antje Buchwald, die als Kunsthistorikerin ein Kapitel zur Geschichte des Scherenschnitts beisteuerte, das Buch anlässlich der Buchmesse um 18 Uhr im Auditorium des Gesundheitsamts, Bereit Gasse 28, vor. Die Teilnahme ist kostenfrei, eine Anmeldung nicht notwendig.
 
Medizinhistoriker Kuntz im Interview
Woher stammt Ihr Faible für Medizingeschichte?
 Ich hatte schon als Schüler ein großes Interesse an Geschichte. Außerdem habe ich Briefmarken gesammelt, auf denen ja oftmals historische Ereignisse vermerkt sind. So habe ich beim Sammeln nebenbei gelernt, Geschehnisse zeithistorisch einzuordnen. Nach meinem Studium der Gesundheitskommunikation und -wissenschaften in Bielefeld bin ich 2010 nach Berlin gezogen. Dort begegnet einem natürlich auf Schritt und Tritt Geschichte.
 
Und wie ist aus Ihrem Interesse Profession geworden?
Mein damaliger Chef und Mentor Thomas Lampert, der mich auch ans Robert Koch-Institut geholt hat, brauchte für einen Vortrag eine Präsentation zu den Wegbereitern der deutschen Sozialmedizin. „Du interessierst dich doch für Geschichte, mach mir doch mal ein paar Folien“, sagte er. Das war die Initialzündung. Denn während der Recherchen stieß ich auf Gustav Tugendreich, der gemeinsam mit Max Mosse einen Klassiker der Sozialmedizin verfasst hatte: das 1913 erschienene Buch „Krankheit und soziale Lage“. Allerdings gab es zu Tugendreich nur sehr spärliche Informationen und noch nicht einmal ein Foto. Ich wollte mehr über den Berliner Kinderarzt und Sozialmediziner wissen, recherchierte auf eigene Faust weiter und stieß auf eine hochinteressante Lebens- und Familiengeschichte, die mich bis nach Los Angeles führte. Diese Arbeit machte mir so viel Freude, dass schnell klar war: Das will ich beruflich machen. Ich verfasste für die Reihe „Jüdische Miniaturen“ ein Buch über Tugendreich und anschließend Biographien über weitere jüdische Ärztinnen und Ärzte. Im Jahr 2022 wurde ich offizieller Medizinhistoriker des RKI, seit diesem Jahr leite ich zudem das Museum des Instituts.
 
Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Ihren Co-Autoren der „Frankfurter Charakterköpfe“?
Harro Jenss hatte Rose Hölschers Büchlein in einem Online-Antiquariat entdeckt und schickte es mir mit den Worten „das ist ein tolles Ding“ zu. Wir hatten 39 Scherenschnitte und 39 Namen – jetzt wollten wir wissen: Wer verbirgt sich dahinter. Zunächst haben wir mit ganz groben Nachforschungen begonnen, eine Tabelle mit allen Namen angelegt, Geburts-, Sterbedaten und Studienorte recherchiert. Das alles fand in der Anfangszeit der Corona-Pandemie statt, als Bibliotheken und Archive geschlossen waren. So verlegten wir unsere Spurensuche ins Internet. Während der ganzen Zeit haben wir uns nur selten persönlich getroffen, aber wöchentlich miteinander telefoniert und sehr viel geschrieben. Das gesamte Autorenteam – also mit Dr. Sabine Hock und Antje Buchwald – wird sich bei der Buchvorstellung in Frankfurt am 17. Oktober tatsächlich zum ersten Mal persönlich treffen.
 
Was sind die schönsten Momente bei der Arbeit an einem solchen Buch?
Es ist natürlich ein besonderer Moment, wenn man am Ende der Arbeit zum ersten Mal das Manuskript im Layout sieht und auch, wenn man das Paket mit den ersten Belegexemplaren öffnet. Aber die Freude fängt schon viel früher an: Jedes Fundstück, das man entdeckt, ist beglückend. Die Recherche zu einem Buch wie „Charakterköpfe“ ist wie ein Puzzlespiel, dessen Teile man nicht bloß zusammensetzt, sondern die man zuvor im ganzen Haus sucht, wo sie verstreut sind. Bei der Recherche nehmen wir oftmals Kontakt zu Nachkommen auf – auch hier gibt es Gänsehautmomente. Wir haben wiederholt Informationen von Kindern oder Enkeln der Porträtierten bekommen und konnten ihnen umgekehrt Geschichten oder Dokumente zurückgeben, die sie so bislang vielleicht noch gar nicht kannten. Das kann sehr bewegend sein.
 
Was haben Sie bei der Arbeit an den „Charakterköpfen“ erfahren, was Ihnen bis dato vielleicht unbekannt war?
Erstaunt hat uns, dass sich an der erst 1914 gegründeten Medizinischen Fakultät der Universität Frankfurt bereits in den 1920er Jahren derart viele herausragende Ärzte und Wissenschaftler versammelten. Im „Biographischen Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten 50 Jahre“ aus dem Jahr 1932/33 sind allein 28 der 39 Charakterköpfe aufgeführt. Offensichtlich wirkte das jüdisch geprägte Frankfurt anziehend auf die Mediziner. Etwa die Hälfte der von uns Portraitierten waren nach nationalsozialistischer Definition Juden, wurden 1933 von den neuen Machthabern entlassen und entrechtet, verfolgt und vertrieben. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, mit unserer Publikation nicht nur die Lebenswege und Familiengeschichte der 39 Männer nachzuzeichnen, sondern auch an das Unrecht zu erinnern, das sie erlebt haben. Und natürlich sollte auch Rose Hölschers Lebensgeschichte erzählt werden, die später in Hamburg einen jüdischen Medizinprofessor heiratete und mit ihm vor den Nationalsozialisten floh und in die USA emigrierte. (ffm)