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Letzte Aktualisierung: 04.12.2020

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Frankfurt ist lebenswerter – aber die soziale Spaltung hat zugenommen

Claus-Jürgen Göpfert geht in Ruhestand / OB Feldmann interviewt FR-Urgestein

von Ilse Romahn

(18.11.2020) Hut, Bart – und immer einen gelben Klebezettel zur Hand: So kennen die Frankfurter Claus-Jürgen Göpfert. 35 Jahre lang berichtete er für die „Frankfurter Rundschau“ über das politische Geschehen in der Mainmetropole. Am 11. November hatte die Reporter-Legende seinen letzten Arbeitstag.

Claus-Jürgen Göpfert im Gespräch mit Oberbürgermeister Peter Feldmann
Foto: Stadt Frankfurt / Olaf Schiel
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Zum Abschied lud Oberbürgermeister Peter Feldmann „Göpfi“ in sein Dienstzimmer – zum Gespräch mit verteilten Rollen. Denn diesmal stellte ausnahmsweise das Stadtoberhaupt die Fragen.

Oberbürgermeister Peter Feldmann: Wie fühlt sich das Rentnerleben so an?  
Claus-Jürgen Göpfert: „Im Moment ist es tatsächlich eher anstrengend. Als Reaktion auf meinen ‚Ruhestand‘ gibt es viele Mails, Briefe und Anrufe. Darüber freue ich mich natürlich. Leute haben mich sogar auf der Straße angesprochen und mir einen Blumenstrauß in die Hand gedrückt. Das ist schön, aber auch ein bisschen schräg und unerwartet.“

Feldmann: Was machen Sie jetzt mit der ganzen freien Zeit?  
Göpfert: „Welche freie Zeit? Aber das ist ja das Problem aller ‚Ruheständler‘. Ich denke, ich werde weiter das eine oder andere für die Rundschau schreiben. Schön wäre es, meine Porträt-Reihe ‚Göpferts Runde‘ weiterzuführen. Außerdem interessieren mich natürlich auch weiterhin politisch-historische und kulturelle Themen.“

Feldmann: Fällt Ihnen das Loslassen schwer?  
Göpfert: „Das wird sich noch zeigen. Aber es trifft mich ja nicht unvorbereitet. Ich habe schon länger gearbeitet, als ich es ursprünglich geplant hatte. Aber 2018 war die Rundschau erneut verkauft worden. Und viele Kolleginnen und Kollegen haben damals gesagt, ich solle noch bleiben, gerade wegen meiner Arbeit im Betriebsrat. Für mich war es der fünfte Besitzer in 35 Rundschau-Jahren. Ich hatte also eine gewisse Erfahrung.“

Feldmann: Droht Post-It jetzt die Pleite, wenn Sie als der beste Kunde keine gelben Klebezettelchen mehr brauchen?  
Göpfert (lacht): „Kann natürlich sein, dass der Umsatz insgesamt zurückgeht. Ich weiß nicht, ob die Firma darauf vorbereitet ist. Aber es wird noch einige Gelegenheiten geben, bei denen ich die Klebezettel brauche.“

Feldmann: Als Journalist waren Sie immer an Geheimnissen aus dem Römer interessiert. Erzählen Sie doch mal etwas über sich, was keiner weiß.  
Göpfert: „Eine knifflige Frage! Woran ich mich gerne erinnere und was nicht viele wissen: Mit meiner Freundin habe ich mal einen Engtanz-Wettbewerb gewonnen. Wir waren da nur aus Spaß hingegangen und hatten uns am Ende des Abends tatsächlich den Titel ertanzt.“

Feldmann: Bitte vervollständigen: Die Frankfurter Rundschau ist ohne mich… 
Göpfert: „…eine gute und wichtige Zeitung, die politisch gebraucht wird. Da bin ich zuversichtlich. Es gibt eine tolle junge FR-Generation, auf die ich sehr stolz bin. Wie ich in meiner Abschiedsrede in der FR gesagt habe: Der Spirit ist immer noch da, wenn auch die äußeren Umstände andere sind als im Jahre 1985. Als ich damals zur Rundschau kam, war das ein Unternehmen mit 1700 Mitarbeitern. Heute sind es noch etwas über 100 festangestellte Kolleginnen und Kollegen. Damals umfasste die Rundschau ein kleines eigenes Quartier am Eschenheimer Turm, mit Schlosserei, Schreinerei, Fahrbereitschaft. Natürlich sind durch die technische Entwicklung ganze Berufe beim Zeitungsmachen verschwunden. Als ich zum ersten Mal in den Betriebsrat gewählt wurde, war ich dort als Journalist noch ein Exot zwischen Metteuren und Druckern. Ein Redakteur als Mitglied bei der IG Druck und Papier war ungewöhnlich.“

Feldmann: Würden Sie heute noch einmal Journalist werden wollen?
Göpfert: „In jedem Fall. Auch wenn die Arbeitsbedingungen für junge Kolleginnen und Kollegen heute schwierig sind. Aber Journalist war tatsächlich mein Traumberuf, schon auf dem Gymnasium. Ich habe gezielt darauf hingearbeitet. Ich begann in Frankfurt zu studieren und wechselte dann 1976 an die Kölner Universität. Gleichzeitig habe ich die neue Journalistenschule in Köln besucht, eine linke Gegengründung von Gewerkschaften und Kirchen zur konservativen Münchener Journalistenschule. Ich hätte noch zwei Jahre länger studieren können, aber ich musste Geld verdienen. 1980 ging ich zurück ins Rhein-Main-Gebiet. Ich wollte und sollte bei der Mainzer Allgemeinen Zeitung anfangen, alles schien klar. Doch dann gab es plötzlich Ärger mit meinem Arbeitsvertrag. Der Verleger wollte nicht unterschreiben. Ich hatte im Bewerbungsgespräch auf die Frage, mit welchem lebenden Politiker ich mich identifizieren würde, den Namen von Willy Brandt genannt. Ich begann dann am 1. Januar 1980 bei der Frankfurter Neuen Presse. Nach wenigen Wochen kam der stellvertretende Chefredakteur zu mir und fragte: Kennen Sie eigentlich Königstein und Kronberg? Ich hatte die Orte als Kind mit meinen Eltern besucht, also sagte ich: Ja. Seine Antwort: Prima, denn am Montag fangen Sie dort an. Diese Zeit war eine gute Schule für mich. Ich hatte meist jeden Tag bis zu zwei Seiten zu füllen, musste lernen, schnell zu arbeiten. Und ich habe fotografiert, was das Zeug hält. Bilder brauchen nämlich viel Platz.“

Feldmann: Journalisten sind die besseren Politiker – wahr oder falsch?  
Göpfert: „Nein, so habe ich mich nie verstanden. Politiker und Journalisten haben in der Gesellschaft unterschiedliche Rollen. Ich halte es mit dem legendären Kollegen Hanns-Joachim Friedrichs: ‚Überall dabei sein, aber nirgendwo dazu gehören.‘ Ich war ganz bewusst nie Mitglied in einer Partei. Unabhängigkeit war mir stets wichtig.“

Feldmann: Mit wem würden Sie gerne mal einen Römer-Brief schreiben? 
Göpfert: „Das kann ich spontan nicht sagen. Die Zusammenarbeit bei den Römer-Briefen war etwas ganz Besonderes. Allein mit meinem Kollegen Georg Leppert sind ja mehr als 400 Texte entstanden. Das war eine großartige Zeit. Begonnen hatte ich die Reihe mit meiner Kollegin Jutta Ochs, der ich ebenfalls sehr danke. Es ist nicht selbstverständlich, dass die Zusammenarbeit in unserem Beruf so gut funktioniert. Viele Journalisten sind eher Einzelkämpfer.“

Feldmann: Ihr Lieblingsort in Frankfurt?  
Göpfert: „Der Hauptfriedhof. Hört sich vielleicht ungewöhnlich an. Aber ich fotografiere gerne und beschäftige mich seit Jahren mit der Kultur und Architektur von Friedhöfen, auch in anderen Städten, wie etwa Berlin. Der Hauptfriedhof in Frankfurt ist ein unglaublich vielfältiger kultureller Ort, auf dem ich bei meinen Gängen mit der Kamera immer noch Neues entdecke.“

Feldmann: Wenn Sie zurückblicken: Wo lag die Stadt Frankfurt falsch? 
Göpfert: „Eine Fehlentwicklung, die ich stets kritisiert habe, sind die Hochhäuser nahe des Eschenheimer Turms. Die sind dort städtebaulich fehl am Platz, sie sprengen den Maßstab der Innenstadt. Auch das Projekt ‚Four‘ auf den ehemaligen Grundstücken der Deutschen Bank sehe ich kritisch, besonders aus ökologischen Gründen. Die Verdichtung ist dort extrem. Als Problem sehe ich überdies die ‚Luxus-Inseln‘ an, die in Frankfurt entstehen. Etwa auf dem früheren Areal des AfE-Turms: ehemals ein Ort der Revolte, heute sehr teure Eigentumswohnungen. Welch eine Ironie. Wenn ich auf die zurückliegenden vier Jahrzehnte blicke, so ist Frankfurt insgesamt lebenswerter geworden. Aber die soziale Spaltung in der Stadt hat leider zugenommen. Der soziale Gedanke hat es schwer. Das lässt sich bei der aktuellen Corona-Pandemie ablesen. Etliche Menschen sehen offenbar nicht ein, im Interesse aller für eine bestimmte Zeit sinnvollen Regeln zu folgen.“

Feldmann: …und wo lag die Stadt richtig? 
Göpfert: „Heute sage ich: Es war richtig, auf prägende Gebäude zu setzen, mit denen Menschen sich identifizieren können. Als der Oberbürgermeister Walter Wallmann in den 80er Jahren diese Strategie verfolgt hat, habe ich das damals kritisiert. Etwa bei der Alten Oper. Allerdings sehe ich die neue Altstadt nach wie vor kritisch. Sie ist die Inszenierung eines Traums. Sie sagt also etwas über die emotionalen Defizite des Bürgertums. Mit der historischen Wirklichkeit hat diese nachgebaute Altstadt nichts zu tun. Die Altstadt war eher ein ungeliebtes Viertel, sie war eng, dunkel, mit schlechten hygienischen Verhältnissen. Man ging dort vielleicht hin, um ein Bier zu trinken oder eine Wurst zu essen. Aber man blieb nicht länger als notwendig.“ (ffm)