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Festkonzert 600 Jahre Roma in Frankfurt am Main

Wenn die Roma und Sinti Philharmoniker am Sonntag, 30. September, um 11 Uhr open air auf dem Römerberg beim Frankfurter Altstadtfest mit einem Festkonzert zu Gast sind, wiederholt sich ein Stück Frankfurter Geschichte: Genau dort trat im Jahr 1418, also vor genau 600 Jahren, eine Gruppe von Roma musizierend und tanzend auf.

Eine im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte erhaltene alte Abschrift aus den im 2. Weltkrieg verbrannten städtischen Rechnungsbüchern ist eine der frühesten Spuren ihrer Anwesenheit nördlich der Alpen. Sie berichtet, dass eine Gruppe von Roma auf dem Römerberg für die Einwohner musizierte und tanzte. Dieses Ereignis steht auch symbolisch für den Beginn einer gemeinsamen Geschichte von Minderheit und Mehrheit in Deutschland, die einerseits durch staatliche Verfolgung und Diskriminierung, andererseits aber durch ein friedliches Zusammenleben auf lokaler und regionaler Ebene gekennzeichnet war. Über die deutschen Grenzen hinaus beeinflussten und prägten Sinti und Roma in vielfacher Weise die Geschichte und Kulturgeschichte der verschiedenen Länder des europäischen Kontinents.

In Frankfurt am Main zu Gast: Die Roma und Sinti Philharmoniker
Das historische Ereignis veranlasste den Philharmonischen Verein der Sinti und Roma Frankfurt am Main e.V., mit Konzerten der Roma und Sinti Philharmoniker und weiteren Veranstaltungen zum Jubiläum „600 Jahre Roma in Frankfurt“ darauf aufmerksam zu machen, dass die Roma- und Sinti-Minderheiten mehr zur europäischen Kulturgeschichte beigetragen haben, als viele glauben mögen. Die Musikwissenschaftlerin Ursula Hemetek weist in einem Fachaufsatz darauf hin, dass „der Stellenwert der Roma-Kulturen für die europäische traditionelle Musik nicht hoch genug einzuschätzen und deshalb als wesentliches Forschungs-Desideratum für die Ethnomusikologie zu betrachten“ sei. Davon legen die über 60 professionellen Musikerinnen und Musiker unter der Leitung des romastämmigen Frankfurter Dirigenten Riccardo M Sahiti in der letzten Septemberwoche in Frankfurt gleich mehrfach Zeugnis ab. 

Konzerte am 28. September
Am Freitag, 28. September, laden die Musiker Kinder und Jugendliche um 11 Uhr in den Großen Saal der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main zu einem Gesprächskonzert ein, um die junge Publikums-Generation für die klassische Musik zu interessieren, die so vielfältige Roma- und Sinti-Einflüsse aufweist.

Am Freitagabend, 28. September, um 19 Uhr wollen die Roma und Sinti Philharmoniker am gleichen Ort mit ihren Zuhörern den Festakt „600 Jahre Roma in Frankfurt“ begehen. Dabei erklingen Teile des Programms, das zwei Tage später auf dem Römerberg zu hören sein wird. In der Hochschule verbindet der Dirigent den Auftrittsort mit der Gelegenheit, einer Studentin der Hochschule eine prägende Erfahrung als Solistin mit Orchester zu machen. Felicitas Schiffner wird mit den Philharmonikern Sarasates „Zigeunerweisen“ als Violinsolistin interpretieren. Der Historiker Dr. Christian Kleinert wird im Laufe des Programms die geschichtlichen Hintergründe des Roma-Jubiläums beleuchten, bevor im zweiten Teil des Abends eine vierköpfige Roma-Kapelle im Foyer der Hochschule traditionelle Roma-Musik und Jazz ihrer ethnischen Herkunft präsentieren wird. Als „special guest“ hat die hochbetagte Saxophonlegende Emil Mangelsdorff zugesagt, mit dem Quartett die eine oder andere Nummer gemeinsam zu musizieren.

Festkonzert auf dem Römerberg
Am Sonntagvormittag, 30. September, um 11 Uhr findet der zentrale Open-Air-Auftritt der Roma und Sinti Philharmoniker auf der Bühne vor dem Frankfurter Rathaus statt. Mit Erno Kallai (Violine) und Rodin Moldovan (Violoncello) treten zwei bekannte Roma-Musiker als Solisten mit dem Orchester auf, während die noch jugendliche Sopranistin Scarlett Rani-Adler mit einer Opernarie unter Beweis stellt, dass auch die nächste Generation der Sinti und Roma wertvolle künstlerische Talente bereithält. Riccardo M Sahiti hat sich mit „seinen“ Philharmonikern, die er im Jahr 2001 unter dem Dach des Philharmonischen Vereins der Sinti und Roma Frankfurt am Main e.V. gründete, ein musikalisches Programm vorgenommen, das zwischen Werken von großer Popularität (ein Ungarischer Tanz von Brahms, die Ouvertüre zu Strauss Oper „Der Zigeunerbaron“) und weniger bekannten, aber nicht von minderem Reiz, changiert (z.B. George Enescus „Romanian Rhapsody“ sowie Pablo de Sarasates „Carmen-Fantasie“). Das Orchester bleibt zugleich seinem Anspruch treu, dass musikalische Erbe der Roma und Sinti zukunftsweisend auszubauen. Mit der „Gipsy-Rhapsodie“ erklingt ein eigens für diesen Anlass geschriebenes Werk des selbst anwesenden Sinto-Komponisten Roger Moreno-Rathgeb. Mit dessen „Requiem für Auschwitz“ haben die Roma und Sinti Philharmoniker in den vergangenen Jahren mehrfach für internationale Aufmerksamkeit gesorgt.

Am gleichen Abend am 30. September um 19 Uhr zeigt das Frankfurter Kino „Orfeos Erben“, Hamburger Allee 45, den Film „Der Dirigent und sein Traum – die Roma und Sinti Philharmoniker“ der Regisseurin Margarete Kreuzer, dessen Erstausstrahlung am 25. Januar 2015 auf „arte“ stattfand. Musiker der Roma und Sinti Philharmoniker umrahmen die Vorführung musikalisch.

Musikwissenschaftliches Podium
Komplettiert wird das Jubiläum „600 Jahre Roma in Frankfurt“ mit einem musikwissenschaftlichen Podium am Donnerstag, 22. November 2018, ab 14 Uhr in der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Der Philharmonische Verein sowie der am Haus tätige Musikwissenschaftler Prof. Dr. Peter Ackermann laden zu Vorträgen und Austausch mit Experten über den Einfluss der Musik der Roma und Sinti auf die europäische Musikkultur ein.

Der Eintritt zu allen Veranstaltungen mit Ausnahme der Filmvorführung ist frei.

Die Feierlichkeiten „600 Jahre Roma in Frankfurt am Main“ des Philharmonischen Vereins der Sinti und Roma Frankfurt am Main finden in Kooperation mit der Tourismus+Congress GmbH Frankfurt am Main, einem Unternehmen der Stadt Frankfurt am Main, mit dem Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main, dem Dezernat für Integration und Bildung der Stadt Frankfurt am Main, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, dem Förderverein Roma und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main statt.

Das Projekt wird gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien als ein Beitrag zum Europäischen Kulturerbejahr 2018 - Sharing Heritage, dem Kulturfonds RheinMain und der Stadt Frankfurt am Main.