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Letzte Aktualisierung: 03.04.2020

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Fahrradwerkstatt in Kriftel auf neuen Wegen

Gutes Rad ist nicht teuer

von Adolf Albus

(19.03.2020) Aller Anfang war schwer. Wer aus der Wüste Afghanistans zu uns kam, wusste oft gar nicht, was ein Fahrrad ist. Wie man damit umgeht, was zu beachten ist. Das sei nun mal Tatsache, sagt Michael Ackermann, der ehrenamtliche Schrauber und „Radgeber“ von der Krifteler Fahrradwerkstadt in der Goethestraße. Diese wurde 2016 vom Arbeitskreis Flüchtlinge „Willkommen in Kriftel“ ins Leben gerufen – und es gibt sie nach wie vor.

Hala mit Fahrrad
Foto: Alexander van de Loo
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„Die Flüchtlinge haben ja noch nie auf einem Fahrrad gesessen“, weiß er. Deswegen habe es in den Anfängen der schnell erfolgreich etablierten Fahrradwerkstatt zunächst im Krifteler Freizeitpark einen Parcours gegeben. Da haben die neuen Fahrradfahrer aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan erst einmal lernen müssen, mit ihrem bis dato unbekannten Drahtesel umzugehen. Üben, üben, üben, hieß die Devise. Den Gleichgewichtssinn trainieren, die Balance halten. Die Mühe habe sich gelohnt, sagt Ackermann. Denn Fahrräder sind ökologische Verkehrsmittel, die Mobilität schaffen und Wege verkürzen. 

 

Teilhabe schaffen

Die Unterkünfte der Geflüchteten sind oft vom Zentrum der Kommunen abgelegen. Da entstand 2016 die Idee, den Menschen schnell, unbürokratisch und kostenfrei Fahrräder zur Verfügung zu stellen. Mit dem Fahrrad unterwegs zu sein, heißt teilzuhaben am Leben in der Stadt: Sei es Freizeit oder Arbeit, Veranstaltungen oder Schule, Behörde oder Einkäufe – das Rad bringt einen überall hin! Mit einem Fahrrad gibt es die Möglichkeit, aus den Unterkünften heraus zu kommen, das neue Umfeld zu erkunden, den Einkauf zu machen, zum Deutschkurs zu fahren, mit den Kindern einen Ausflug zu machen und vieles mehr.

 

Weiter mobil

„Uns war von Anfang an klar, dass die Flüchtlinge, wenn sie Kurse belegen, in Ausbildung und Arbeit integriert werden sollen, auch mobil sein müssen“, führt Michael Ackermann aus. Das Fahrrad hilft da weiter. Und Ackermann hilft gerne bei der Instandsetzung oder Reparatur der Räder. Er hat ein gutes Verhältnis zu seinen Schützlingen. Gerade kommt Schülerin Hala mit ihrem Vater in den Hof der Fahrradwerkstatt. Sie kommt ursprünglich aus Syrien und möchte ihr repariertes Fahrrad abholen. Sie hat im Sommer Fahrradprüfung, da muss ihr Rad verkehrstüchtig sein. „Ich bin dankbar, dass die Leute in Kriftel helfen“, sagt die Elfjährige mit einem Lächeln. Das freut den ehemaligen Polizisten Ackermann, der vor seiner Pensionierung im Frankfurter Rauschgiftdezernat zu tun hatte. „So bis zu 15 Leute kommen an unserem Öffnungstag jeden Dienstag hier vorbei, um nach Fahrrädern zu schauen“, stellt er fest.

Umsonst seien die aber nicht. Aus gutem Grund: Pro Rad, das an einen Flüchtling abgegeben wird, muss der neue Besitzer zehn Euro bezahlen. „Das erhöht die Wertschätzung für die Räder“, lautet die einhellige Meinung der Betreuer. Die Einnahmen durch die Weitergabe der Räder werden für neue Ersatzteile, Fahrradschlösser oder andere Aktionen des Familienzentrums gebraucht, so Tanja Seitz vom Familienzentrum Kriftel. „Sachspenden werden immer gerne genommen.“

 

Neue Zielgruppen

Nun soll die Zielgruppe erweitert werden. Nicht nur an Flüchtlinge will man sich mit dem Angebot der Fahrräder wenden. Auch Bedürftige, Rentner oder Studenten, „die wenig Geld in der Tasche haben“, so Ackermann, sollen von der Fahrradwerkstatt und ihrem Angebot in Kriftel profitieren. „Da sind tolle Räder dabei“, lobt Ackermann die Qualität auch der Fundräder, die irgendwo vergessen wurden. Seit 2016 habe man 150 Fahrräder verkauft. Allerdings wolle man der Fahrradwirtschaft keine Konkurrenz machen. Deshalb werde schon mal genauer hingeguckt, ob wirklich die wirtschaftliche Notwendigkeit einen Interessenten antreibe.

 

Fahrradautobahnen kommen

Generell sei jedes Fahrrad mehr auf den Straßen ein positiver Beitrag zur Umwelt- und Klimasituation. Dazu passt, dass erst jüngst Landrat Michael Cyriax Pläne für zwei Radschnellwege im Rhein-Main-Gebiet präsentiert hat. Diese „Autobahnen für Fahrräder“ sollen von Bad Soden und von Wiesbaden aus nach Frankfurt auch über Kriftel führen. Ein solcher Radschnellweg wird dann vier Meter breit, gut beleuchtet und ein sicherer Weg sein. Diese Aussichten werden die Attraktivität der kleinen Fahrradwerkstatt in der Goethestraße 5 in Kriftel weiter steigern. Alexander van de Loo

Die Fahrradwerkstatt Goethestraße 5, 65830 Kriftel. Normalerweise geöffnet Dienstag von 16:00 bis 18:00 Uhr,

ACHTUNG: Zurzeit aufgrund der aktuellen Lage geschlossen bis zum Ende der Osterferien