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Letzte Aktualisierung: 17.05.2021

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Förderung von Schülern in Corona-Zeiten

von Helmut Poppe

(28.04.2021) Frankfurts Schulen mussten am ersten Tag nach den Osterferien ein wildes Durcheinander erleben: Grund hierfür war ein Missverständnis der zuständigen Stelle in der Verwaltung. Denn bei einem Schwellenwert der Inzidenz von 165 gilt deutschlandweit die Regelung einer Aufhebung des Präsenzunterrichts. Es hieß aber noch kurz vor Montag Festhalten dieser From des Unterrichtens, dann teils-teils bis endlich die Entscheidung fiel, weitgehend auf Distanzunterricht zu setzen.

Bildergalerie
Kleine Tablets oder schwere Ranzen?
Foto: frankfurtlive, Poppe
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Gut für Distanzlernen, bitte aber nicht länger als 15 Minuten dafür interaktiv und multimedial
Foto: frankfurtlive, Poppe
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Dass Deutschland bei der Digitalisierung hinterherhinkt, wurde nicht nur in Corona-Zeiten bei der Impf-Problematik und bei der Nachverfolgung offensichtlich. An Schulen läuft es nicht rund. Eltern sind  zwar teilweise ganz zufrieden mit der Art und Weise wie ihre Kinder unterrichtet werden in Grundschulen. In weiterführenden Schulen stellt sich die Lage aber anders dar. Ein großes Problem sind die in Corona-Zeiten unerkannt bleibenden Schulverweigerer, die „Drop-Outs“. Deren Anzahl ist unbekannt, dürfte aber in die Tausende gehen.


Studien zeigen, dass Pandemiebedingte fehlende persönliche Kontakte zu Pädagogen und den Gleichaltrigen nicht nur zu erheblichen Wissens- und Kompetenzrückständen führen sondern dass auch die Gesundheit und die Psyche unseres Nachwuchses leiden. Dies ist kein Wunder, denn fehlende Kontakte zu Gleichaltrigen, stundenlanges Sitzen vor dem PC oder die Beschäftigung mit dem Handy bringen körperliche und Probleme mit sich. Jugendliche verbrachten letztes Jahr täglich über vier Stunden mit Handy und PC laut einer „Jim-Studie“, die sich mit dem Medienverhalten Jugendlicher beschäftigt. Die Bildschirmzeit ist seitdem noch deutlich angestiegen. Grund hierfür sind fehlende Beschäftigungszeit durch regulären Unterricht, Langweile und der Wille, Kontakt zu suchen über andere Kanäle. Der volkswirtschaftliche Schaden durch entgangene Lernzeit und daraus entstehende Folgeschäden beziffern Wirtschaftsexperten auf mehrere Hundert Milliarden Euro. Für Deutschlands Wirtschaft und unseren Wohlstand bedeuten die Bildungsrückstände ein geringeres Einkommen der jetzigen jungen Leute und ein schwächeres Wachstum. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) recherchierte, dass 37 Prozent der Schüler in der Oberstufe während der Schulschließung täglich weniger als zwei Stunden gelernt haben, nur 27 Prozent machten mindestens vier Stunden etwas für die Schule.
Deutschland zählt etwa 800.000 Lehrer, die aktiv im Beruf stehen. Bald eine halbe Million befinden sich im Ruhestand laut dem Statistischen Bundesamt. Da stellt sich die Frage, ob es nicht bei dieser hohen Anzahl einen Anteil gibt, der seine alte Begeisterung für den Beruf hinüber genommen hat in die Pension und online oder anders Kindern und Jugendlichen helfen möchte. Sind es in ‚normalen‘ Zeiten etwa fünf bis zehn Prozent des Nachwuchses, die Nachhilfe nötig haben, ist die Anzahl mit Sicherheit gestiegen durch die jetzigen Unterrichtsausfälle, durch technische Probleme zuhause, die dem Distanzunterricht zuwiderlaufen, und wegen mangelnder Elternaufsicht und schlichtweg fehlender Motivation.


Die Frage lautet nun, was macht Schule – gemeint sind damit nicht nur die Schulen selbst, sondern auch Schulämter, soziale Einrichtungen und Privatinitiativen um hier zu helfen? Gibt es ähnlich wie bei der Unterstützung von mangelndem Personal beim Impfen durch Ärzte im Ruhestand dergleichen auch bei Pädagogen, helfen diese jungen Menschen in der jetzigen Situation?


Frankfurtlive hat sich in unserer Region umgehört bei Schulämtern, Schulpsychologen und Schulen selbst.
Bemerkenswert war hierbei, dass die Kontaktpersonen des Staatlichen Schulamtes in Rüsselsheim problemlos zu erreichen waren. Hier gab es allerdings keine Kenntnis von einem Forum oder einer Anlaufadresse für die Fragestellung „Pool an pensionierten Lehrern, die Nachhilfe geben möchten, am besten online und kostenlos?“ Im Frankfurter Schulamt wird eine entsprechende Anfrage an das Personalamt weitergeleitet. Grund hierfür ist, dass Schulen durchaus Bedarf anmelden können, falls sie Lücken bei der Versorgung ihrer Schüler sehen. Das Schulamt kann dann, sofern ein Antrag vorliegt, versuchen, über einen „TVH-Vertrag“ pensioniertes Personal zu aktivieren. Unklar allerdings ist, ob dieser Personalbedarf  von Schulen überhaupt in Anspruch genommen wird. Schätzt man die mögliche Anzahl von pensionierten Pädagogen in unserer Region ein nach den Kriterien „Bereitschaft“ und „digitale Kompetenz für Distanzkurse“ ergibt sich ein möglicher Anteil von 3 bis 5% bei Lehrern im Ruhestand, was in Zahlen ausgedrückt immerhin einige Hundert mögliche „Nachhelfer“ ausmacht.  Die knappe Antwort aus dem Frankfurter Schulamt lautet allerdings „Nachhilfe ist Privatsache. Wir sind da nicht zuständig“. Schade, dass eine wichtige Aufgabenstellung so kategorisch abgewiesen wird. Ein Blick in den Norden der Region: Selbst in Zeiten von Homeoffice während Corona dürfte es, wie in Bad Homburg geschehen, nicht passieren, dass Anrufe zur Informationseinholung im Schulamt  ins Leere laufen, da der Hörer nicht abgenommen wird.

Bei einem Versuch Antworten zu erhalten in Schulen und dort bei den Leitungen oder dem Sozialdienst, gewinnt man den Eindruck, dass derartige Anfragen keinen Ansprechpartner finden oder Nachrichten versickern. Es stellt sich hier die Frage, welche Kriterien eingesetzt werden zur Erkennung einer Hilfsbedürftigkeit von Kindern und Jugendlichen, falls es solche valide Messungen überhaupt gibt. Sind es die Anzahl der abgegebenen Arbeitsblätter, die Anwesenheit und das Gesicht im Videounterricht, die Beteiligung dort, oder schlichtweg die Noten, auf welchen Grundlagen auch immer sie erstellt werden? Die Aussage „Schule ein Secret Garden der Bildung“ erhält hier wohl seine Bestätigung. Ein kommerzieller Anbieter – wohl nicht ganz ohne Eigeninteresse – bietet immerhin kostenlose Nachhilfe online an. Wohl den Eltern, die sich dergleichen Unterstützung konstant leisten können. Insgesamt ein Tropfen auf dem heißen Stein, wenn auch gut gemeintes Marketing.


Die Redaktion wird dem Thema zukünftig Aufmerksamkeit schenken. In Rhein-Main leben einige Zehntausend Lehrer im Ruhestand und in Frankfurt alleine über 100.000 Schüler laut Staatlichem Schulamt. Wann wird den geschätzt fünf  oder Zehn-Tausend nachhilfebedürftigen jungen Menschen geholfen, wann deren schulischer Erfolg unterstützt und wann wird auf die psychische Gesundheit des Nachwuchses mehr geachtet??