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Letzte Aktualisierung: 17.05.2021

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Erntehelfer in Hesen nicht genug geschützt

DGB Hessen fordert besseren Sozialversicherungsschutz

von Karl-Heinz Stier

(30.04.2021) Mit dem Saisonstart in der Landwirtschaft kommen auch in diesem Jahr tausende ErntehelferInnen nach Hessen. Im Juni 2020 waren laut Daten der Bundesagentur für Arbeit mindestens 4.198 von ihnen ohne Kranken-, Arbeitslosen- oder Rentenversicherung auf den Feldern im gesamten Bundesland, mit Schwerpunkt in südhessischen Landkreisen wie Darmstadt-Dieburg, Bergstraße und Groß-Gerau, beschäftigt.

Auch in diesem zweiten Corona-Jahr hat die Bundesregierung die eigentlich auf 70 Tage begrenzte Frist, innerhalb der die Erntehelfer sozialversicherungsfrei beschäftigt werden können, ausgeweitet – auf insgesamt 102 Tage und trotz Pandemie. 

„Ohne die Saisonbeschäftigte aus Rumänien, Polen oder Bulgarien gibt es kein Spargel, keine Erdbeeren und keinen Wein. Aber in der Landwirtschaft gilt das Credo: Billig müssen die Arbeitskräfte sein“, kritisiert Michael Rudolph, Vorsitzender des DGB Hessen-Thüringen. „Die Bundesregierung ist auch dieses Jahr vor der Landwirtschaftslobby eingeknickt und öffnet der Umgehung der Sozialversicherungspflicht für vier Monate Tür und Tor. Wir lehnen diese missbrauchsanfällige Regelung ab. Sie ist ursprünglich für die Ferienzeit von Schülern und Studierenden gedacht. Darauf muss sie auch wieder begrenzt werden“, fordert Rudolph.

Auch in diesem Jahr werden die Unterkünfte wieder überbelegt sein. Sanitäreinrichtungen sind Mangelware und unhygienisch, Hygiene- und Infektionsschutzregeln werden nicht eingehalten und zu wenig kontrolliert, prognostiziert Rudolph: „Wegen Corona müssen Schlafräume eigentlich einzeln belegt werden. Aber auch da lässt die Bundesregierung Schlupflöcher: Wenn eine Einzelbelegung nicht möglich ist, dann darf mit einer halbierten Belegungsdichte einfach weitergearbeitet werden. Beschäftigte müssten nachts in einem Doppel- oder Vierbettzimmer schlafen, ohne zu wissen, ob Ihre Kollegen Sie vielleicht anstecken. Wenn wir hier vor Ort nicht bald Zustände haben wollen wie in der Fleischwirtschaft, dann brauchen die Beschäftigten besseren Schutz. Zumindest für die Dauer der Pandemie muss eine zwingende Unterbringung in Einzelzimmern gelten.“

Der DGB fordert Sozialversicherungsschutz ab dem ersten Tag der Beschäftigung, einen wirksamen Arbeits- und Infektionsschutz und das Ende von Mindestlohnbetrug, miesen und überteuerten Unterkünften und Missbrauch. „Wenn die Zustände weiter menschenunwürdig bleiben, dann finden wir bald niemanden mehr, der auf deutschen Feldern arbeiten will. Schon jetzt werben die Betriebe vermehrt in Drittstaaten wie Moldau oder Georgien an“, gibt Rudolph zu bedenken. Er fordert, dass Arbeitgeber an den Verhandlungstisch mit der zuständigen Gewerkschaft IG BAU kommen: „Wir brauchen einen Flächentarifvertrag, in dem die Rechte der Beschäftigten verbindlich abgesichert sind.“