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Letzte Aktualisierung: 05.08.2020

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Eltern ermuntern, zu ihren Gefühlen zu stehen – wirksame Prävention von Anfang an

Familienbildungsstätten erfüllen eine wichtige Aufgabe – nicht nur in Zeiten von Corona

von Ilse Romahn

(23.07.2020) Die meisten jungen Eltern können ein Lied davon singen: Das Kind kommt nicht zur Ruhe. Es schreit ausgiebig und aus Gründen, die man nicht versteht. Die ersten Zweifel werden wach, ob man der Aufgabe gewachsen ist, eine gute Mutter oder ein guter Vater zu sein.

 In Frankfurt haben Eltern viele Möglichkeiten, zu diesen Fragen Rat und Hilfe zu finden – im Austausch mit anderen Eltern oder, wenn Probleme komplexer werden, bei Experten. Eine erste Anlaufstelle für werdende und junge Eltern sind die zwölf Familienbildungsstätten in Frankfurt – wohnortnah in den Stadtteilen angesiedelt, sind sie Orte zum Auftanken und ein Platz, wo Gefühle ernstgenommen werden.

Im Nachbarschaftszentrum Ostend (NBZ) ist aktuell viel los: „Es war sehr einfach, den Laden einfach dichtzumachen“, sagt Barbara Conrad-Langner, die Leiterin des Zentrums. „Viel schwerer ist es, ihn wieder in Gang zu bringen.“ Zu tun war und ist viel: Hygiene-Konzepte für die offenen Treffen der Eltern entwickeln, Kurse mit halbierten Teilnehmerzahlen neu organisieren, Abstands- und Verhaltensregeln verankern. Nach dem Lockdown nun der Weg zurück in einen neuen Alltag, den es so noch nicht gibt.

Familienbildungsstätten wie das NBZ im Frankfurter Ostend sind oft eine erste Anlaufstelle für junge Eltern, gerade in einer Großstadt wie Frankfurt. Der Wandel der Nachbarschaft, hervorgerufen durch die hypermobile Arbeitswelt, zeigt sich im Osten der Bankenmetropole besonders deutlich: „Viele der jungen Eltern, die hierher kommen, sind neu in Frankfurt“, berichtet Barbara Conrad-Langner. „Die eigenen Eltern leben an anderen Orten und stehen als Großeltern, die oftmals eine große emotionale Stütze für junge Familien sind, nicht zur Verfügung. Und den Freundeskreis, der hilft, wenn sie Fragen haben oder Nöte, gibt es ja auch noch nicht.“ Kommt dann noch hinzu, dass eines der beiden Elternteile zwölf bis 14 Monate aus dem Beruf aussteigt und sich primär um das Kind kümmert, steigt das Gefühl der sozialen Isolation. „Das ist für junge Eltern sehr belastend.“ Mit den Unsicherheiten, die die neue Rolle mit sich bringt, sind sie oft allein, mit ihren Gefühlen von Ohnmacht und Überforderung auch.

Gerade für diese Familien sind Familienbildungsstätten wie das NBZ Ostend eine Chance, der Isolation zu entkommen – und ein niedrigschwelliges Angebot, sich Rat und Hilfe zu holen, ohne sich sofort als „hilfesuchend“ empfinden zu müssen. Denn hier finden sie Menschen, die in einer ganz ähnlichen Lage sind wie sie, mit denen sie sich austauschen und allmählich ihr eigenes soziales Netz aufbauen können.

Bei diesen offenen Elterntreffs der Familienbildungsstätten werden die ersten Probleme sichtbar, mit denen sich die jungen Väter und Mütter plagen, der Dauerbrenner „Schlafentzug“ zum Beispiel. „Wir schauen dann gemeinsam, wie sie es trotzdem schaffen können, sich Freiräume zu schaffen und zur Ruhe zu kommen. Oft geht es auch darum, wie es gelingt, sich trotz des anstrengenden elterlichen Alltags als Paar nicht aus den Augen verlieren. Indem wir mit den Eltern gemeinsam solche Strategien entwickeln, schützen wir das Kind.“

Familienbildungsstätten – wirksame Orte der Prävention
Familienbildungsstätten erfüllen damit eine wichtige Aufgabe, denn sie wirken präventiv: Ihr Angebot an die Eltern, sich in offenen Treffs frei und kostenlos zu treffen und auszutauschen, hilft, Kinder vor den Gefahren zu bewahren, die von frustrierten und verzweifelten Eltern ausgehen können. „Wenn eine Mutter oder ein Vater sagt, sie fühlten sich gerade so hilflos - ‚ich könnte mein Kind nehmen und schütteln, weil ich nicht weiß, was los ist und was es von mir will‘ - ermuntern wir sie, zu ihren Gefühlen zu stehen“, sagt Conrad-Langner. „Hier lernen sie, das Verhalten ihrer Kinder einzuordnen und Gefühle besser wahrzunehmen – die ihrer Kinder und die eigenen. Können Eltern ihre Gefühle gut artikulieren, hilft das später den Kindern, es ebenfalls zu tun.“ Für die gesunde seelische Entwicklung der Kinder ist dieses Vorbild der Eltern von großer Bedeutung.

In den Kursen und bei den Treffs der Familienbildungsstätten werden Eltern daher dazu ermuntert, die eigenen Gefühle von Wut oder Frustration nicht zu verdrängen oder sich für sie zu schämen. Vielmehr findet sich gerade in diesen Gruppen der soziale Raum, wo vermeintlich negative Gefühle zugelassen sind, ausgesprochen werden dürfen und ernstgenommen werden. Das schafft Vertrauen und führt dazu, dass Eltern Mut schöpfen, weil sie erfahren, dass es den anderen in zentralen Fragen des Elterndaseins ganz ähnlich ergeht. Und zwar ganz unabhängig davon, ob jemand finanziell bestens dasteht oder alleinerziehend ist. „In den Fragen und Nöten, in ihren Bedarfen und Bedürfnissen unterscheiden sich die Eltern nicht: ‚Verstehe ich mein Kind? Warum schreit es so viel? Wie kriege ich genügend Schlaf?´ Väter und Mütter erfahren hier, dass man das Problem lösen kann, nach dem Motto: ‚Ach, die haben es geschafft, dann schaffen wir das auch!´ – ein Grund, warum viele aus diesen Treffen mit anderen Eltern oft gestärkt und beschwingt nach Hause gehen“, sagt Conrad-Langner.

Ähnliche Fragen, unterschiedliche Lösungswege
Auch wenn viele Eltern mit ähnlichen Fragen konfrontiert sind, müssen die Antworten individuell gefunden werden. „Nehmen wir das Problem Nummer 1 am Anfang des Elterndaseins, das Schlafen. Darf das Kind ins Ehebett, ja oder nein?“ In den offenen Treffs oder den Kursen der Familienbildungsstätten wird hier kein Weg vorgegeben. Stattdessen erkunden die Eltern für sich selbst, welche der Lösungen, die andere Eltern entwickelt haben, für sie passt und was in ihrer Partnerschaft und in ihrem Alltag funktioniert. „Unsere Botschaft“, sagt Barbara Conrad-Langner, „lautet ganz einfach: Es gibt nicht den richtigen Weg, sondern Deinen!“ Familienbildungsstätten begleiten Eltern dabei, diesen Weg zu finden und helfen ihnen, eine positive Bindung und Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen. Damit stärken (und schützen) sie zugleich die Kinder. Und zwar schon dann, wenn es noch gar kein Problem gibt.(ffm)