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Letzte Aktualisierung: 01.02.2023

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Einzigartige steirische Faschingsbräuche

von Ilse Romahn

(05.01.2023) Am 20. und 21. Februar bekommen Besucher in der Steiermark einmalige Einblicke in Jahrhunderte altes Faschingsbrauchtum und erleben immaterielles UNESCO Kulturerbe. Im Ausseerland bestimmen trinkfeste Trommelweiber, festliche Flinserl-Kostüme und die furchterregende Pless das Stadtbild des steirischen Bad Aussee. Im Murtal läuten die Faschingsrenner im Dauerlauf den Frühling ein.

Am Rosenmontag ziehen die Faschingrenner von Hof zu Hof
Foto: Steiermark Tourismus / Tomm Lamm
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Wenn in der Steiermark die fünfte Jahreszeit eingeläutet wird, können Besucher bei den Umzügen am Rosenmontag und Faschingsdienstag alte Faschingstraditionen hautnah miterleben. Die Wurzeln der Bad Ausseer Faschingsgruppen reichen dabei fast 250 Jahre zurück. Zu sehen gibt es Trommelweiber in wallend weißen Nachthemden, über 150 Jahre alte, wertvolle und aufwändig mit Filzfiguren und echtem Silberflitter bestickte Finserlkostüme sowie mit Besenstielen bewaffnete, wandelnde Bienenkörbe. Im Murtal müssen die bunt gewandeten Faschingrenner am Rosenmontag bis zu 30 Kilometer zu Fuß zurücklegen, um pünktlich laut einer Sage das Ross vor dem Teufel zu retten.

Auf Lebzeit ein Trommelweib
Am Rosenmontag und Faschingsdienstag ziehen die Trommelweiber von Wirtshaus zu Wirtshaus, um mit Trommeln und Trompeten den Winter zu vertreiben. Der Name täuscht. Denn unter den wallenden weißen Nachthemden und gerüschten Schlafhauben verstecken sich gestandene Mannsbilder. Aus Angst vor der Rache der Winter-Dämonen verstecken die Trommelweiber ihre Gesichter hinter Masken. Wer zu dieser eingeschworenen Truppe gehören will, muss eine Aufnahmeprüfung bestehen: Per Gelöbnisformel gilt es zu schwören, während der drei Faschingsfesttage „jedweden Arbeitseifer schon im Keim zu ersticken (...) und noch mehr Wirtshäuslichkeit an den Tag zu legen.“ Als Beweis müssen die Anwärter eine scharfe Peperoni essen, einen Viertel Liter Schnaps ex trinken und einen Luftballon aufblasen. Wer dann noch auf den Beinen steht, darf sich auf Lebzeit Trommelweib nennen. Die Entstehung der Trommelweiber ist so überliefert: Die Männer ärgern damit ihre Frauen, die früher ihre Männer im Nachthemd aus den Wirtshäusern gezerrt haben, wenn sie nicht rechtzeitig nach Hause kamen.

Die Flinserln: Glitzernde Frühlingsboten    
Der Flinserlzug findet jedes Jahr am Faschingsdienstag um 14 Uhr statt und beginnt traditionell am Gasthof Blaue Traube. Der Zug besteht aus bis zu 70 glitzernden Teilnehmern, die von der Flinserlmusik – einer eigenen Geigenmusik – angeführt wird. Die Flinserln sind als Frühlingsboten die attraktivsten Figuren des Ausseer Faschings. Deren auffällige Kostüme mit Spitzhut, Halskrause und Stoffmaske sind der italienischen Commedia dell’Arte nachempfundenen, die Leinengewänder aufwändig mit Filzfiguren und echtem Silberflitter (Flinserl) bestickt. Entsprechend wertvoll sind die bis zu 150 Jahre alten, in 400 bis 500 Arbeitsstunden gefertigten und von Generation zu Generation weitervererbten Faschingstrachten. Kinder, die überlieferte Flinserlsprüche aufsagen, werden von den Flinserln vor Ort mit Nüssen und Orangen belohnt. Die erwachsenen Ausseer müssen sich dagegen einiges anhören. Denn in so genannten Faschingsbriefen werden Pannen und Peinlichkeiten des vergangenen Jahres in Reim- oder Liedform satirisch kommentiert.   
   
Die furchterregende Pless   
Die Pless stellt den auszutreibenden Winter dar und steht am Faschingsdienstag etwas im Hintergrund des Bad Ausseer Faschingstreibens. Das furchterregende Gegenstück zu den Finserln bekommt man meistens erst zu Gesicht, wenn die Menge aufgeregt auseinanderstiebt und Jugendliche „Pless, Pless" rufen. Zu sehen gibt es dann in einfache weiße Overalls gekleidete Gestalten mit alten Bienenkörben auf dem Kopf und schmutzigen Fetzen an ihren Besenstielen. Sinnbild: Der Winter wehrt sich mit dem Stock gegen Kinder, die versuchen, ihn mit Schneebällen aus dem Ort zu jagen.       
   
Murtaler Faschingrenner    
Im Murtal zählt das Faschingrennen zu den ältesten Bräuchen der Region. Ziel: Mit Lärm und Tanz den Winter aus- und den Frühling einläuten. Dabei ziehen die Faschingrenner am Rosenmontag schon lange vor dem Morgengrauen bis zum Gebetsläuten um 19 Uhr von Hof zu Hof. Wichtig: Punkt 19 Uhr müssen alle Gruppen an der Kirche sein und ihr Abschluss-Kranzl gelaufen haben. Denn laut der Sage wird das Ross vom Teufel geholt, wenn bis dahin vom Faschingszug nicht jedes Haus besucht und das Gebetsläuten verpasst wird. Den Anfang des Zuges macht die Gruppe der "Schean Fasching", also der schönen Masken, die an diesem Tag meist laufend bis zu 30 Kilometer zurücklegen. Daher der Begriff Faschingrenner. Zu jeder Gruppe gehören bestimmte Figuren: Den Weg bereitet zum Beispiel der "Wegauskehrer", begleitet vom bunt gefiederten "Heahnagreifer". Um es der munteren Schar nicht leicht zu machen, ist vielerorts üblich, vor dem Hof eine Eisenkette (die "Speng") in drei Metern Höhe zu spannen, die vom "Wegauskehrer" und dem ersten "Glockfasching" überwunden werden muss. Die Hof-Eroberung wird mit dem "Kranzltanz" gefeiert und weiter geht’s zum nächsten Hof, denn die Zeit drängt bekanntlich. Für die männliche Jugend gilt es als Ehrensache, dabei zu sein.

Weitere Infos zu den Bräuchen und Terminen unter: www.steiermark.com