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Letzte Aktualisierung: 16.08.2022

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Eine Frankfurterin im Garten Eden

Die eigentlichen Herrscher sind die Steinböcke

von Dr. Ina Knobloch

(21.07.2022) Von Frankfurt zum norditalienischen Gran Paradiso. Der Nationalpark wird in diesem Jahr 100. Zu diesem Jubiläum folgt eine Frankfurterin dem Ruf des Rangers und besteigt den Berg „im Paradies“ als wäre sie auf der Alm geboren. Heidi lässt grüßen.

Bildergalerie
Ranger-Chef Giovanni Bracotto ist der heimliche König von El Paradiso.
Foto: Dr. Ina Knobloch
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Junge Steinböcke im Valle d´Aosta
Foto: Maurice Chaterlain
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Exkursion im Val Ferret in Valle d´Aosta
Foto: Enrico Romanzi
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Das schönste Blüamerl auf der Welt, das ist das Edelweiß, heißt es im Lied. Hier sind welche im Naturpark El Paradiso zu sehen.
Foto: Dr. Ina Knobloch
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Das Paradies liegt bekanntlich nicht im Himmel, sondern auf Erden, genauer in der autonomen Region Aostatal und dem angrenzenden Piemont, im Norden von Italien: Der Nationalpark Gran Paradiso. Zumindest hatte sich das der erste italienische König Viktor Emanuel II. wahrscheinlich gedacht, als er das Gebiet in den Grajischen Alpen 1854 als Jagdrevier erwarb und sein Nachfolger das „Große Paradies“ zum Nationalpark erklären ließ.

Weil das Paradies ein Paradies bleiben sollte, ließ der König seinen „Garten Eden“ streng bewachen. Und so ist es heute noch, nur dass nicht mehr der König über das Paradies wacht, sondern Chefranger Giovanni Bracotto, der auch so etwas wie ein Sheriff im Paradies ist, denn er ist bewaffnet und hat die gleichen Rechte wie ein Polizeichef in seinem Gebiet.

Fast 60 Wildhüter stehen ihm zur Seite und patrouillieren ebenfalls in den fünf Tälern des Parks. Manche nennen ihren Chef auch den Herrn der Steinböcke, weil niemand so gut wie Giovanni die Steinböcke aufspüren kann. „Geißenpeter“ ist sein heimlicher Spitzname. Um nach den Steinböcken Ausschau zu halten ist auch Heidi (Name geändert) zurück ins Paradies gekehrt.

Nachdem Heidi in ihrem Leben schon einige Marathon, Triathlon und Ironman erfolgreich bestritten hat, den Kilimandjaro mit schwerem Gepäck leichtfüßig bewältigt hat, fällt es ihr nicht schwer, mit dem Geißenpeter Schritt zu halten. Die Frankfurterin ist trotz ihres Alters, jenseits der 60, in Topform. Der steile, schmale Pfad auf den fast 3000 Meter hohen Berg ist ein Kinderspiel für sie.

Dabei sind Geißenpeters Schritte schnell und groß. Schließlich ist es seine Aufgabe, über das ganze Paradies zu wachen, Wilderer zu verjagen oder zu verhaften, verirrte Wanderer auf rechte Pfade zu bringen oder sie zurechtzuweisen, wenn sie das Paradies vermüllen – und nach den Steinböcken Ausschau zu halten.

Steinböcke sind die eigentlichen Herrscher im Paradies, nur hier hatten sie überlebt, als im gesamten Alpenraum die majestätischen Tiere im 19. Jahrhundert ansonsten ausgerottet wurden. Sämtliche heute im Alpenraum lebenden Tiere gehen auf die letzten überlebenden Steinböcke im Gran Paradiso zurück. Der Legende zu folge ist es allein der Jagdliebe des italienischen Königs zu verdanken, dass die Steinböcke im Gran Paradiso überlebten.

Tatsächlich ist es eher so, dass der König den Bock zum Gärtner machte: Wilderei war strengstens untersagt und Wilderer wurden streng bestraft, dafür engagierte er die Willigen als Wächter und entlohnte sie fürstlich. So war er nicht nur die Wilderer los, sondern hatte auch noch hervorragende Wächter, die sein Schutzgebiet wie ihren Augapfel hüteten.

So konnten sich die Steinböcke prächtig vermehren, obwohl der König den ein oder anderen in die ewigen Jagdgründe schickte. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben ihre Nachfahren leben heute noch. Das mit dem Sterben passierte in den letzten Jahren leider nur allzu häufig, nach der jahrzehntelangen freudigen Vermehrung zu mehr als 10.000 Exemplaren sind es jetzt gerade noch etwa 3000. Die diesjährige Bilanz steht noch aus. Niemand weiß warum der Bestand so dramatisch geschrumpft ist, im Verdacht stehen Klimaerwärmung, Inzucht und Wilderei.

Um dem Steinbock-Schwund auf den Grund zu gehen ist auch Heidi in die Berge zurückgekehrt. Geißenpeter alias Giovanni Bracotto steigt nämlich nicht mit jedem oder jeder auf die paradiesischen Berge. Vor allem Wissenschaftler, die den Steinbockschwund oder andere Geheimnisse der alpinen Bergwelt im Gran Paradiso erforschen wollen, geleitet der Ranger im Stechschritt auf den Berg.

Einhalt gebietet ihm nur die Natur: Hier ein pfeifendes Murmeltier, dort ein üppig blühender Almrausch, da ein kleiner blauer Enzian und dort ein großer Gelber und schon geht’s weiter den schmalen, steilen Pfad hinauf, bis der Schweiß aus allen Poren bricht und die Aussicht kaum grandioser sein könnte.

Oberhalb der Baumgrenze öffnet sich der Blick nach allen Seiten, mit gewaltigen Aussichten bis zum höchsten Berg von Europa: Dem Mont Blanc, dessen Südseite sich ebenfalls ins Aostatal erstreckt. Die Gletscherzungen, die in der Hitze hecheln und dahinschmelzen lassen sich aus der Ferne erahnen, aber wahrscheinlich nicht mehr lange. Der Rückzug der Eismassen ist gigantisch, die Klimaerwärmung nagt erbarmungslos an den zu Eis gefrorenen Schneefeldern. Auch „im Paradies“ strömen die Gletscher-Tränen.

Giovanni stöhnt über die frühe Hitze im Paradies, alles zu früh, alles zu trocken. „Der Bach rauscht doch kräftig“, hält Heidi entgegen und deutet auf den gräulich schäumenden Gebirgsfluss zu ihren Füßen. Traurig schüttelt der Ranger seinen Kopf und deutet zum Wipfel des Gran Paradiso: „Alles Gletscher-Schmelze, unfassbar was in diesem Jahr da runter kommt. Und die Steinböcke waren um die Jahreszeit auch noch nie so weit oben wie jetzt.“

Es heißt, dass einst heimlich kleine Steinböckchen aus dem „Paradies“ geschmuggelt worden wären, da ansonsten in den Alpen rauf und runter sämtliche Exemplare gewildert worden waren und kein einziger Steinbock übrig geblieben war. Nach der Gründung des Nationalparks im Herbst 1922, wurden einige Tiere auch ganz offiziell zur weiteren Vermehrung in den Alpen an andere Parks abgegeben.

Der europäische Steinbock hat sein Überleben allein dem königlichen Schutz dem späteren Nationalpark Gran Paradiso zu verdanken. Alle heutigen Steinböcke gehen auf die Kolonie zurück, die nach der extremen Bejagung im 18. Und 19. Jahrhundert dort überlebt hat. Auch heute  noch, lassen sich nirgendwo sonst so gut die Tiere beobachten, wie in dem Nationalpark – vor allem im Herbst und Frühjahr. Sie sind die Könige und Symbol der Alpen, Opfer des Klimawandels und Gärtner der Hochebenen.

Eigentlich. Giovanni setzt sein Fernglas enttäuscht ab und schüttelt den Kopf. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr machen sich die Tiere besonders rar. Die Vegetation ist einen ganzen Monat früher dran, als üblich und die Schneedecke hat sich so schnell zurückgezogen, wie noch nie. Und mit dem Schnee die Steinböcke. Die anmutigen Huftiere würden sonst verdursten, sie können nicht trinken, sondern nur lecken und stillen ihren Durst ausschließlich mit Schnee.

Heide ist dennoch glücklich, genießt die atemberaubende Aussicht von einem der vielen Wipfel im Paradies und strahlt den Geißenpeter an: „Dann muss ich im Herbst noch einmal wiederkommen.“

Leichtfüßig steigt die Frankfurterin hinter dem enttäuschten Ranger hinab und lässt ihre Glieder in der Therme des Tals entspannen, mit Blick auf den heiligen Berg „Mont Blanc“ und zum „Paradies“ auf der anderen Seite. Wenn der Berg ruft, ist Heidi glücklich, ganz besonders, wenn der Ruf aus dem „Paradies“ kommt.

Tipps für das Aostatal

Anreise über oder durch den Brenner. Wenn man über die interne Buchungsplattform zwei Übernachtungen bucht, bekommt man ein Ticket für den Großen St. Bernard Tunnel vom Aostatal geschenkt.
Mit der Bahn bis Bern, dann Shuttle organisieren.
Aktuelle Infos, auch zu den Wetterverhältnissen, direkt auf der Infoseite des Aostatals: Prospekt | Aostatal (lovevda.it)

Sehr zu empfehlen nach einer anstrengenden Wanderung ist Entspannung im heilenden, warmen Wasser in der einzigen Terme im Tal, QC-Monte Bianci. Die historische Kuranlage wurde komplett entkernt, modern und sehr elegant restauriert, zahlreiche Becken mit mineralreichem warmen Thermalwasser aus den Tiefen der Erde, laden neben verschiedenen Saunen zum Entspannen ein.
QC-Terme Monte Bianci in Pré Saint Didier https://www.qcterme.com/it/pre-saint-didier/qc-terme-pre saintdidier?gclid=Cj0KCQjwz96WBhC8ARIsAATR250mqUvXTvy1aQTuSunVlfkgrXSsnChddrXLH8bFBlzgAn35IwjmW_kaApbyEALw_wcB
Unbedingt zu empfehlen ist außer "paradiesischen" Wanderungen, die Seilbahn auf den Montblanc. Die "UFO"-förmige Glaskuppel dreht sich während der Auffahrt um 360 Grad und sorgt für eine grandiose Aussicht in alle Richtungen.