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Letzte Aktualisierung: 06.04.2020

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Ein Meister des feinen Humors stellt aus

Peter Schäfer zeigt Cartoons und Karikaturen ab Freitag in Kelkheim

von Norbert Dörholt

(28.01.2020) Kelkheim. Immer wenn man denkt, der Kunst- und Kulturförderer Adolf Guba schafft es angesichts der bislang erstaunlichen 195 von ihm organisierten Ausstellungen beim nächsten Mal bestimmt nicht mehr, ein besonders Highlight zu finden, erlebt man eine Überraschung. Und in der Tat hat er mit seiner ersten Ausstellung im neuen Jahr einen ganz besonders glücklichen Coup gelandet. Kein geringerer als der weithin bekannte Frankfurter Cartoonist Peter Schäfer wird köstliche Kostproben seines Könnens zeigen.

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Eröffnet wird die Ausstellung am Freitag, 31. Januar, um 18.30 Uhr im Foyer der Firma Deutsche Rondo Blei + Guba in der May-Planck-Straße 18 in Kelkheim. Ihr Titel lautet hintergründig voyeuristisch „Nachbarschaftsbeobachtungen – Cartoons frankforderisch von Peter H. Schäfer“. Denn es ist das Markenzeichnen des Künstlers, mit hellwachem Verstand zu registrieren, was sich rings um ihn herum so alles tut und die liebens- oder manchmal auch nicht so liebenswerten Schwächen von Mitmenschen und Verhältnissen mit milden Augenzwinkern, niemals bösartig, darzustellen.

Das Wort Karikatur stammt ab, wie könnte es anders sein, von dem lateinischen Wort „currus“ für Karren, sinnbildlich auch Überladung, ab. Im italienischen heißt caricare in der Tat überladen oder auch übertreiben. Eine Karikatur ist demnach die komisch überzeichnete Darstellung von Menschen oder gesellschaftlichen und politischen Zuständen.

Peter Schäfer steht in einer langen Tradition seiner Zunft. Die ersten Karikaturen soll es bereits in der Antike gegeben haben. Auf altägyptischen Papyri, griechischen Vasen und als römische Wandmalerei fanden sich vereinzelt karikaturähnliche Darstellungen. In mittelalterlichen Kirchen sieht man an Kapitellen der Säulen oder in der Buchmalerei dieser Zeit satirische Motive. Während der Reformationszeit wurden auf Flugblättern Vertreter des Protestantismus und Katholizismus von der jeweiligen Gegenseite derb karikiert. Auch Leonardo da Vinci zeichnete einige groteske Zerrbilder von Zeitgenossen.

Die eigentliche gesellschaftliche Karikatur entwickelte sich im 18. Jahrhundert in Großbritannien. In Frankreich kommt es im 19. Jahrhundert zu einer Blüte der karikaturistischen Zeichnung.

Ein naher Verwandter der Karikatur, mit dem Peter Schäfer sich ebenfalls auf gutem Fuß bzw. bestem Handstrich versteht, ist das Cartoon. Ein Cartoon ist eine Grafik, die eine komische oder satirische Geschichte in einem Bild mit einem Text erzählt. Der Begriff Cartoon kommt ausnahmsweise nicht aus dem Lateinischen, sondern stammt vom französischen carton für Pappe ab und bezeichnet ursprünglich auf Karton gezeichnete Entwürfe für Fresken und Tapisserien.

Peter Schäfer hat gleich mehrere besondere Gaben, die ihn zu einem Meister dieser Kunstform prädestinieren. Grundlage ist seine menschlich-milde Art, die Schwächen seiner Mitmenschen nicht mit Häme oder Verbissenheit, sondern mit sanfter Ironie aufs Korn zu nehmen. Dazu kommt seine zeichnerische Kunstfertigkeit, mit wenigen Strichen den Kern seiner Aussage jedem halbwegs informierten Zeitgenossen vermitteln zu können, dann seine Fähigkeit, genau zu beobachten, zu analysieren und so einen Kosmos von Themen zu finden und satirisch umzusetzen  – und, ja, dann gibt es noch etwas ganz besonderes:

Die Figuren von Peter Schäfer sprechen frankforderisch, ein ihm vertrauter Dialekt. Er zeichnet nicht nur mit spitzer Feder, er schreibt auch Gehörtes, in den Mund Gelegtes, Erdachtes. „Unsere Frankfurter Mundart ist die Klammer für all die komischen oder weniger komischen Alltagssituationen“, sagte er selbst, als 2004 sein Buch „Frankfurter Nachbarschaftsbeobachtungen“ erschien. Manchmal fragt man sich beim Betrachten seiner kleinen, so vergnüglichen Kunstwerke, was schöner ist, die Zeichnung oder die lebendige Sprache, liebenswert, grob, direkt. Doch die Frage ist falsch gestellt: Beide Merkmale ergänzen sich. Das Buch ist übrigens seit langem ausverkauft. Eine Neuauflage wäre schön.

Hier nun einige Marksteine des künstlerischen Lebensweges von Peter Schäfer:

Der echte Höchster Bub des Jahrgangs 1939 mit grafischer Fachausbildung hinterlässt seit Jahrzehnten im westlichen Frankfurt und drum herum seine markant-heiteren und bisweilen bissigen Spuren: Ich nenne nur einige:

die Cartoon-Bücher „Laufen“ und „Radfahren“,

die Zeitung „Alt-Höchst“ der Bürgervereinigung Höchster Altstadt seit 1975,

weitere Cartoon-Bücher, Illustrationen, Prospekte und Bücher für das Porzellan-Museum im Kronberger Haus, die Justinuskirche, den Höchster Orgelsommer, die Jazz-Freunde Höchst, Shorts at Moonlight, Neues Theater, Tassen, Teller und Becher, verziert mit seinen Motiven. Auch das Höchster Schlossfest-Emblem und -Heft zu gestalten gehörte ab Mitte der 1970-er Jahre zu seinen Aufgaben als Grafic Designer.

Dann wieder ein Bestseller, seine Illustrationen zum Buch „Höchst erstaunliche Geschichte“, 1994 von Dr. Wolfgang Metternich geschrieben. Zu dem humorvollen Text – Geschichte einmal anders – hat Peter Schäfer vortreffliche Zeichnungen beigesteuert. „Das Zeichnen war damals ein Riesenspaß“, erinnert er sich noch heute gerne an diesen Abschnitt seiner Schaffensperiode. Erhabenes und Lächerliches lagen eng beieinander, was ihm natürlich sehr entgegen kam. Der Ritterschlag des Knappen Hostat (den es nie gegeben hat), der Leichenzug des Bonifatius, unheilige Allianzen, zarte Bande, Albrecht Dürer im Karpfen, der 30-jährige Krieg, Goethe, Höchster Porzellan-Manufaktur etc. etc. Eine höchst erstaunliche und humorige Geschichte eben.

Hier noch eine weitere kleine Geschichte aus seinem erfolgreichen Werdegang:

Anfang der 1980er Jahre wird in der Hoechst AG die Idee eines Stadtmarathons, des Hoechst-Marathons, verwirklicht. Vorbilder sind New York, Boston, Chicago. Die ersten Plakatentwürfe des Hoechst/Marathons zeigen fröhliche Familien beim Joggen – für richtige Marathonläufer ein Unding. Einer Anfrage des Initiators, drei Plakatentwürfe zu gestalten, kommt Peter Schäfer gerne nach. Von ca. schließlich 400 Entwürfen werden von einer Jury die besten ausgesucht.

Nr. 1, Nr. 2 und Nr. 4 sind, von Peter Schäfer. Das Plakat gehört später zu den zwölf weltbesten Plakaten. „Ein schöner Erfolg“, kommentierte Peter Schäfer dies selbst und bewies damit, dass er nicht nur ein Meister der Übertreibung, sondern auch des Understatements ist.

Sein Vorschlag, zur Pressekonferenz am Vorabend des Laufs – alle bekannten Zeitungen Deutschlands sind vertreten – einen Cartoon-Kalender an die Journalisten als give-away zu verschenken, findet riesige Zustimmung. Der Cartoon-Kalender, ausschließlich seine Ideen, finden sich darin, ist kratzig gezeichnet mit „Ziehfeder“ und Tusche auf rauem Karton. Er ist das Highlight der Konferenz, eine tolle Bestätigung, ein unvergesslicher Abend.

Jede große deutsche Zeitung bringt einen Cartoon mit Text und Werbung für den Hoechst Marathon am nächsten Tag. Zwei weitere Marathoons-Kalender von Hoechst und zwei weitere mit Eta, dem Symbol für Energievernunft, und Frankfurt folgen. Das schon genannte Cartoonbuch Lauf(s)paß mit einer Auflage von 4000 erscheint und ist binnen zweier Monate vergriffen, ebenso wie das Buch „Radspo(r)tt.

Wie geht es weiter mit unserem Künstler: Eine lange Liste mit Cartoon-Ideen, in zwei, drei kurzen Sätzen notiert, jederzeit abruf- und vorstellbar, wartet auf das Zeichnen: Fahrgäste in der S-Bahn, Handy, Hund und Frauchen/Herrchen, Kaffeerunden, Beerdigungen. Zu allem fällt ihm etwas ein. Und vielleicht findet man diese neuen Cartoons ja wieder in einem neuen Cartoon-Buch.

Die Ausstellung ist bis 31. März 2020 montags bis freitags von 8.30 bis 13 Uhr und nach Vereinbarung (Tel. 06195/98 10 100) zu besichtigen.
Deutsche Rondo Blei + Guba, May-Planck-Straße 18, 65779 Kelkheim