Ehrenplakette der Stadt Frankfurt an Elisabeth Abendroth
„Ohne Erinnerung gibt es keine Zukunft der Demokratie“
Sie ist eine zielstrebige Macherin, eine Aktivistin gegen das Vergessen des Naziterrors, des Holocaust, eine außergewöhnliche Redenschreiberin und Autorin. Elisabeth Abendroth hat sich nie in die Öffentlichkeit gedrängt. Ihre große Bescheidenheit ist charakteristisch. Nun wurde die ausgebildete Lehrerin und Sozialwissenschaftlerin im Kaisersaal des Römers zur Verleihung der Ehrenplakette der Stadt Frankfurt am 16. Januar auf die Bühne geholt.
Sie habe, wie es Oberbürgermeister Mike Josef sagte, die Stadt durch beharrliches, verlässliches Wirken geprägt. Früh habe sie erkannt, „dass Erinnern mehr ist als das Bewahren von Fakten ... Es geht um Verantwortung. Um Haltung. Und um die Frage, was wir aus der Geschichte für unsere Gegenwart und unsere Zukunft lernen.“
In der Laudatio des ehemaligen Oberbürgermeisters Andreas von Schoeler folgte eine lange Aufzählung von Projekten und Aktivitäten, die Elisabeth Abendroth oft initiiert und für die sie sich in kräftezehrendem Einsatz engagiert hat. Im Börneplatz-Konflikt zum Beispiel fand sie ihre Berufung. Es ging um ein umstrittenes Bauvorhaben der Stadt Frankfurt, das die Zeugnisse jüdischer Geschichte missachtete. Bei den Bauarbeiten ab 1987 wurden Fundamente von Häusern der Frankfurter Judengasse entdeckt, ein bedeutender archäologischer Fund einer jüdischen Siedlung aus der frühen Neuzeit. Auch die Überreste der 1938 zerstörten Synagoge wurden beseitigt. Elisabeth Abendroth organisierte Veranstaltungen auf dem Börneplatz. Schließlich wurde eine Kompromisslösung nach deutschlandweiten Protesten gefunden. Die Gedenkstätte Neuer Börneplatz entstand.
1990 wurde die Geehrte beim Amt für Wissenschaft und Kunst in Wiesbaden eingestellt. Dort stieß sie das Aufstellen von Denkmälern und das Anbringen von Erinnerungstafeln an.
Sie war Ghostwriterin für Reden von Politikern wie Udo Corts, Ruth Wagner, Hans Eichel, Petra Roth und Roland Koch, weit entfernt von ihren persönlichen Einstellungen, und auch der Laudator bekannte, davon profitiert zu haben.
Mit den Lebenserinnerungen „Noch ein Glück“ (2013) der Holocaustüberlebenden Trude Simonsohn (1921-2022) ist Elisabeth Abendroth wahrlich ein Meisterwerk gelungen. Laudator von Schoeler spricht von Elisabeths Fähigkeit, „Geschichte aus der Sicht der Verfolgten und mit Empathie für sie zu schreiben.“ Jahrelang hat sie mit Trude Simonsohn an dem Buch gearbeitet, sie oft zu Zeitzeugengesprächen in Schulen begleitet.
Trude Simonsohn kam 1955 mit ihrem Ehemann Berthold Simonsohn (1912-1978), Holocaustüberlebender, nach Frankfurt. Er lehrte als Professor für Sozialpädagogik und Jugendrecht an der Universität Frankfurt, sie wurde 2016 als erste Ehrenbürgerin der Stadt Frankfurt ernannt.
„Völlig übertrieben, aber Wort für Wort wahr“, (nach Ignatz Bubis) kommentiert sie die Reden von Oberbürgermeister und Laudator. Ihre mit Humor gespickte Dankesrede richtete sich zunächst an alle, die diese Feierstunde ermöglicht haben - mit feiner Liebesbezeugung auch an ihren Mann, ebenfalls ein unermüdlich an Menschen Engagierter. „Ohne Dich, lieber Herbert Kramm-Abendroth, wäre ich heute nicht hier.“
Begeistert ist sie zu Recht von der musikalischen Darbietung des vorzüglichen Flötisten-Duos Ulrike und Paul Dahme, die Invenzione (Erfindung – Einfall) von Erich Itor Kahn in ihrer Bearbeitung für zwei Flöten spielten. Erich Itor Kahn, geboren 1905 im Odenwald, Ausbildung am Hoch’schen Konservatorium, Anstellung als Pianist und Komponist bei Radio Frankfurt, vertrieben als Jude und „entarteter Komponist“ zusammen mit seiner Frau Frida, einer begabten Pianistin, starb 1956 in New York.
Ihre Dankesrede widmete sie der Ehrung mehrerer Menschen: vor allem ihren Eltern Wolfgang und Lisa Abendroth, eine promovierte Historikerin. Geboren 1947 in Potsdam als ältestes von drei Kindern des Ehepaares, die zum NS-Regime „Nein“ gesagt hatten, hatte sie als Kind das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Ihr Vater Wolfgang Abendroth (1906-1985), in verschiedenen Widerstandsorganisationen tätig, wurde von der Gestapo verhaftet, zu Zuchthaus verurteilt, als „Bewährungssoldat“ in die Strafdivision 999 einberufen und in Griechenland eingesetzt, wo er sich am Kriegsende den Partisanen anschloss und gegen die NS-Truppen kämpfte. Nach dem Krieg als Marxist offen auftretend, wurde ihm, dem Juristen, eine Professur an der Phillips-Universität Marburg verweigert, wohl aber eine Professur für Wissenschaftliche Politik gewährt. Ihre Eltern waren und sind für Elisabeth Vorbild.
Am Herzen liegt ihr auch die Ehrung für Johanna Kirchner, die 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde. „Diese Ehrung ist für die, die vor uns kamen und schon gegangen sind. Für Dich, Trude Simonsohn, für Dich, Arno Lustiger, für Dich, Karl Brozik. Für Stan Zak Kaminski. Für Sie, Ignatz Bubis. Für Dich, Silvia Tennenbaum, für Dich, Valentin Senger, für Dich, Emil Mangelsdorff. Für Euch, Carmen Köper und Peter Eschberg. Für Euch, Ursula und Dieter Trautwein. Für Dich, Micha Brumlik. Für Dich, Hans Bethmann. Ohne Eure massive Unterstützung hätte ich das alles nie tun können. Ich denke viel an Euch und danke Euch von ganzem Herzen ... Wer sich hier so umguckt, sieht: Es sind mir auch viele sehr nah, die leben. Ich bin so glücklich, dass Ihr da seid. Denn diese Ehrung ist für Euch!“ Sie bedankt sich für die Unterstützung vieler realisierter Projekte, deren vollständige Aufzählung den Rahmen sprengen würde. „Ganz besonders gehört diese Ehrung meinen Freundinnen und Freunden aus der Ukraine und aus dem Iran. Dass Ihr heute dabei seid, trotz allem, was zurzeit in Eurer Heimat los ist, ist eine große Ehre für mich. Sehr herzlichen Dank!“
Was für eine Bereicherung, dass Elisabeth Abendroth aus ihrem Öffentlichkeits-Versteck geholt wurde.