Droht die Deindustrialisierung?
Prof. Fritz Vahrenholt beschreibt die bitteren Folgen der grünen deutschen Energiepolitik
Der promovierte Chemiker war von 1991 bis 1997 Hamburger Umweltsenator. Anschließend ging er als Vorstand für Erneuerbare Energien zur Deutschen Shell AG. 2001 wurde er Vorstandsvorsitzender des Windenergie-Anlagenbauer REpower Systems. Danach leitet er die neu gegründete Konzern-Gesellschaft für Erneuerbare Energien der RWE AG, die Innogy GmbH bis 2012.
Seit 1999 ist Vahrenholt Honorarprofessor im Fachbereich Chemie der Universität Hamburg. Er ist des weiteren Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften Acatech. Sein Bestseller „Seveso ist überall“ (1978) war eine der wirkmächtigsten Buchveröffentlichungen in den Anfangsjahren der Umweltbewegung. 2020 erschien sein Bestseller „Unerwünschte Wahrheiten“ (zusammen mit Sebastian Lüning), im Februar 2022 sein Buch „Die große Energiekrise- und wie wir sie bewältigen können“.
Das also schreibt Prof. Vahrenholt in seinem aktuellen Newsletter: „Im Mai 2024 ging der Wert der deutschen Exporte kalender- und saisonbereinigt um 3,6 Prozent zurück. Besonders dramatisch sank der Export nach China um 10,2 Prozent. Die Industrieproduktion sank im Mai um 2,5 Prozent gegenüber dem Vormonat und erreichte damit den niedrigsten Stand seit vier Jahren.
Eine der wesentlichen Ursache sind die nach wie vor deutlich höheren Strompreise in Deutschland. Sie steigen auf Grund der Energiewende durch stark ansteigende Netzkosten sowie durch die hohen CO2-Zertifikate von Gas -und Kohlekraftwerken. Daher liegen die Stromerzeugungskosten in Deutschland etwa doppelt so hoch wie in Frankreich und dreimal so hoch wie in China und den USA.
Der Arbeitgeberverband Metall und die IG Metall sehen ´bedrohliche Symptome einer Deindustrialisierung´. So hieß es in ihrer gemeinsamen Mitteilung: ´Die Bundesregierung muss allem voran für konkurrenzfähige Energiekosten sorgen sowie attraktivere Investitionsbedingungen schaffen.´
Seit drei Jahren Ampelregierung werden Jahr für Jahr etwa 100 Milliarden Euro von deutschen Unternehmen im Ausland investiert. Umgekehrt werden nur noch 22 Milliarden von ausländischen Unternehmen in Deutschland investiert. Um die Zahlen einordnen zu können: Das Statische Bundesamt gibt für die Schaffung eines Arbeitsplatzes eine Investition von 500 000 Euro im produzierenden Gewerbe an. Das bedeutet, dass mit 100 Milliarden jährlich 200 000 Arbeitsplätze im Ausland geschaffen werden, und das Jahr für Jahr. Das sind die bitteren Folgen einer grünen deutschen Politik, die im Alleingang die CO2- Emissionen auf Null bringen will.
Bis 2030 will Deutschland aus der grundlastfähigen Kohleverstromung aussteigen, nachdem es bereits aus der Kernenergie ausgestiegen ist. Der Bericht des Energy Institutes zeigt das ungebrochene Wachstum der Kohleverbrennung in China und Südostasien und die Wirkungslosigkeit des deutschen Vorgehens zur Reduktion der weltweiten CO2-Reduktion. China vereinigt 56 Prozent des Kohleverbrauchs der Welt. Warum Träumer? Wir erinnern uns an Frau Baerbock Aussage im Wahlkampf 2021:´Die nächste Regierung ist die letzte, die noch aktiv Einfluss auf die Klimakrise nehmen kann.´
Deutschlands Einfluss auf die weltweite CO2-Emission ist nahe Null, belastet aber seine Bürger und seine Industrie mit jährlichen zweistelligen Milliardenbeträgen durch CO2-Abgaben. Deutschlands Hauptwettbewerber China, Exportweltmeister, produziert Güter ohne Rücksicht auf die Kosten zur CO2-Vermeidung: Seit 2013 hat Deutschland seine Emissionen um 27,7 Prozent reduziert (von 815 Millionen Tonnen CO2 auf 589 Millionen Tonnen CO2) und China seine Emissionen von 10444 Millionen Tonnen auf 12603 Millionen um 21 Prozent erhöht. (Quelle : Energy Institute, Download S.18). Seit Beginn der Ampel-Regierung ist die CO2-Verminderung in Deutschland geprägt durch einen Rückgang der energieintensiven Industrieproduktion.
Nun wird bei einem Vergleich Chinas mit Deutschland immer daraufhin gewiesen, dass doch China eine viel höhere Bevölkerungszahl hat. Doch teilt man die Emissionen durch die Bevölkerungszahl (83 Millionen in Deutschland bzw. 1425 Millionen in China), so kommt man zu einer pro Kopf Emission in Deutschland von 7,1 t/Einwohner und in China von 8,9 t/ Kopf. Von den durchschnittlichen Emissionen der Weltbevölkerung von 5 t CO2/Kopf ist Deutschland nicht mehr weit entfernt. Das Ziel der Nullemission wird in diesem Kontext immer fragwürdiger. Der Bericht des Energy Institutes (s.18) liefert darüber hinaus eine neue, wichtige Zahl für die politische Debatte: Deutschland hat 2023 nur noch einen Anteil von 1,5 Prozent an der CO2-Emission der Welt.
Es gibt noch zwei weitere Märchen, mit denen der Bericht des Energy Institutes aufräumt. Oft hört man: Indien und China würden ja viel mehr in Solar investieren als in Kohle. Falsch! In Indien wuchs die Erzeugung durch Kohle 6,5 mal schneller als durch Solar, in China zweimal schneller. Von Substitution von Kohle durch Solar ist nirgendwo die Rede.
Das zweite Märchen ist, dass weltweit der Zubau an Solar und Wind größer sei als der Zubau der fossilen. Der Ölverbrauch durchbrach in 2023 erstmals die 100 Millionen-Barrel-Grenze (plus zwei Prozent, der Kohleverbauch stieg auf einen neuen Rekord (plus 1,6 Prozent). 81,5 Prozent der Weltprimärenergieversorgung stammen aus Kohle, Öl und Gas. Aber nur 2,7 Prozent stammt von Wind und Solar, den Technologien, auf die Deutschland allein setzt. Zwar sind die Zubauten an Solarflächen und Windkraftwerken auf Rekordkurs, aber der wachsende Energiehunger ist größer. Der Zuwachs an Kohle, Öl und Gas ist größer als der Zubau an Solaranlagen und Windkraftanlagen.
Ist der weltweite CO2-Zuwachs schlimm?
Trotz der ungebrochenen Dominanz der fossilen Energieversorgung ist keine Katastrophenstimmung und schon gar keine Katastrophenpolitik angesagt. Trägt man nämlich die reale Entwicklung in die Szenarien des Weltklimarats ein, so wird immer deutlicher, dass das katastrophale Szenario (8.5 s.u.), das eine Verdreifachung der CO2 Emissionen annimmt, völlig irreal ist. Aber mit diesem Szenario wird Politik gemacht. Achten Sie darauf, wenn wieder mal eine Studie Angst erzeugen will. Sie fußt dann in der Regel auf diesem völlig irrealen Szenario. Die reale Entwicklung entspricht eher dem 4.5-Szenario mit einem leichten Anstieg bis 2050.
Für das 4.5-Szenario sagt der Weltklimarat IPCC eine Erwärmung von etwa 2,7 Grad – also noch weiteren 1,5 Grad gegenüber heute – voraus. Diese Annahme steht auf tönernen Füssen. Denn ich konnte im letzten newsletter zeigen, dass drei Viertel der Erwärmung der letzten Jahre auf dem Rückgang der Wolken zurückzuführen ist. Es gibt eine CO2-bedingte Erwärmung, auf die man sich aber einstellen kann. Aber die Katastrophe können wir getrost absagen.
Und was macht die Bundesregierung?
Würde die Bundesregierung die Erkenntnisse des Energy reviews zur Grundlage ihrer Politik machen, könnte Sie die Zumutungen für Bürger und Industrie, von Heizungsgesetz bis Verbrennerverbot, von Kohleausstieg bis zur unbezahlbaren Wasserstoffwirtschaft bei Seite schieben. Doch die Bundesregierung legt sich immer weiter auf das Null-CO2 Szenario fest, das auf den irrealen Extremszenarien des Weltklimarates fußt.
Sie hat in ihrem neu vorgelegten Haushaltsentwurf hohe Subventionen für Gaskraftwerke, die später auf Wasserstoff umgerüstet werden sollen, angekündigt. Diese Subventionen will Herr Habeck aus dem Klimafond nehmen, der gespeist wird aus der CO2-Abgabe in den Öl- und Gasrechnungen der Mieter und Vermieter sowie aus der CO2-Abgabe, die die Autofahrer an der Tankstelle zu entrichten haben. Die Bundesregierung räumt ein, dass trotz dieser Subvention diese Wasserstoffkraftwerke nur dann wirtschaftlich betrieben werden können, wenn der CO2-Preis für Kohle- und Gaskraftwerke weiter steigt. Mit anderen Worten, die Bundesregierung räumt ein, dass der Preis des Wasserstoffkraftwerksstroms deutlich höher liegen wird als die heutigen Strompreise.
Man kündigt auch schon an, dass man zur Finanzierung dieses teuren Wasserstoffstroms die Verbraucher durch eine neue Stromsteuer zur Kasse bitten wird. Diese Steuer soll aber – so wird beruhigt – lediglich im niedrigen Nachkommastellenbereich liegen. Das hört sich an wie die Kugel-Eis-Schätzung der Energiewendekosten durch Jürgen Trittin. Wie sagte Robert Habeck im Januar 2022 zu seinen Energiewendeplänen: ´Voll ins Risiko – und vielleicht gelingt es ja auch´.
Diese Energiepolitik gehört dringend abgelöst!“
Nachtrag zum weltweiten Temperaturanstieg
Der Einfluss des El-Ninos geht zurück, so dass in den nächsten Monaten mit einem starken Rückgang der globalen Mitteltemperatur zu rechnen ist. Die außergewöhnliche Erwärmung der letzten Jahre ist im Wesentlichen auf den El Nino, den Vulkanausbruch Hunga Tonga 2022 sowie die erhöhte Durchlässigkeit der Wolken für die Solareinstrahlung zurückzuführen. Der ausgeprägte Temperaturanstieg von 2022-2024 kann nicht allein von CO2 verursacht worden sein, denn die Zunahme der CO2-Emissionen ist in den letzten Jahren gebremst worden. Die Emissionen schwächen sich ab und die Verbesserung der CO2-Bilanz wird durch Aufforstung und stagnierende Waldrodung verbessert.
Der brandneue Bericht Statistical Review of World Energy des Londoner Energy Institutes (früher BP nun KPMG und AT Kearney) zeigt, dass die Verminderung der CO2-Emissionen in Deutschland, England, Japan und USA durch das extreme Wachstum in Südostasien zunichte gemacht wird Niemand wird den Nachholbedarf von China und Indien in Frage stellen. Doch in Frage stellen sollten wir sehr wohl, ob das Ziel einer Nullemission bis 2045 in Deutschland gerechtfertigt ist, wenn dies zu einer Zerstörung des Wohlstands in Deutschland führt. Denn selbst wenn Deutschland seine sämtlichen CO2-Emisisonen (2023: 589 Millionen Tonnen CO2, Quelle Energy Institute, S.18) auf Null bringen würde, würde dies allein durch das Wachstum in China in einem einzigen Jahr wieder wettgemacht.
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