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Letzte Aktualisierung: 15.10.2021

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Dr. Peter Tinnemann: „Jeder Nicht-Geimpfte bereitet mir Kopfschmerzen“

von Pelin Abuzahra und Mirco Overländer

(11.10.2021) Gesundheitsamtsleiter Dr. Peter Tinnemann über die ersten 100 Tage im neuen Amt, Perspektiven in der Pandemie und künftige Aufgaben

Gesundheitsamtsleiter Peter Tinnemann,
Foto: Stadt Frankfurt, Foto: Ben Kilb
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Herr Dr. Tinnemann, Sie haben zum 1. Juni 2021 – mitten in der Coronapandemie – die Leitung des Frankfurter Gesundheitsamtes übernommen. Wie verlief Ihre Einarbeitung?
Peter Tinnemann: Ich habe ja bereits vorher ein Gesundheitsamt geleitet und die Abläufe, auch in der Coroanpandemie, sind relativ standardisiert und ähneln sich in allen deutschen Gesundheitsämtern. Die Anzahl der Mitarbeitenden und die Größe der Stadt sind natürlich herausfordernd. Allein der zeitliche Aufwand, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, die berechtigterweise dauernden Fragen der Presse, haben aber eine andere Dimension. Die Gesundheitsämter waren noch nie so stark im Fokus, und auch die ständigen Veränderungen, auf die wir reagieren müssen, sind außergewöhnlich.
 
Worauf führen Sie die seit den Sommerferien wieder gestiegenen Infektionszahlen zurück?
Es ging auf die Sommerferien zu und die Zahlen sind runtergegangen, das war ein schöner Übergang. Mein Vorgänger Professor Gottschalk hat mir ein gut aufgestelltes Amt hinterlassen, mit überdurchschnittlich engagierten und motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Erwartungsgemäß steigen die Zahlen nun Richtung Herbst und nachdem die Leute aus dem Urlaub zurück sind, wieder an. Zusätzlich wissen wir aus dem vergangenen Jahr, dass die Fallzahlen wieder steigen, wenn die Menschen wieder engeren Kontakt in begrenzten Räumen haben. Wie sich der Umfang der Impfungen dagegen auswirkt, müssen wir noch sehen. Wir sehen zurzeit wenig Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen, das war die große Herausforderung im vergangenen Jahr mit bewegenden menschlichen Schicksalen und schweren Krankheitsverläufen bis hin zum Tod. Jetzt gibt uns die Impfung aber eine andere Ausgangslage, wir gehen also vermeintlich besser gewappnet in den Herbst. Aber gleichzeitig haben wir auch die Delta-Variante, die offensichtlich ansteckender ist und wenn wir alle zurück in unser normales Leben wollen, sollten wir, auch wenn es menschlich ist die Maske öfter mal wegzulassen, sie doch noch regelmäßig tragen.

In seinem Abschiedsinterview merkte Ihr Vorgänger Professor Gottschalk nicht ohne Stolz an, er habe Ihnen eines der modernsten Gesundheitsämter der Republik hinterlassen. Teilen Sie seine Einschätzung?
Unbedingt. Professor Gottschalk war der mutigste Amtsarzt in Deutschland und er hat das großartigste Gesundheitsamt hinterlassen. So wie Frankfurt aufgestellt ist, gibt es kein zweites Gesundheitsamt. Was er aufgebaut hat und wie auch die Stadt bereit war, in die unterschiedlichen Bereiche zu investieren, ist beeindruckend. Nur wenige Gesundheitsämter sind so leistungsfähig. Deshalb sind wir ein guter Partner für das Robert Koch-Institut und für den Frankfurter Flughafen. Wir kommen unseren Aufgaben in Notfallsituationen nach und haben sehr viele sehr gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das ist aber nicht genug. Denn es kommen immer neue Aufgaben hinzu wie die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels. Auch da müssen wir uns aufstellen. Großstädte sind bei derartigen Themen wie ein Brennglas, da die Probleme hier intensiver als zum Beispiel in kleineren Gemeinden zur Geltung kommen.
 
Wie lautet rund 100 Tage nach Amtsantritt Ihre erste Zwischenbilanz: Worauf lässt sich aufbauen und was wird sich unter Ihrer Ägide im Gesundheitsamt perspektivisch ändern?
Wir müssen die Nähe zur Universität, zur Wissenschaft und Forschung erhalten und weiter ausbauen, das hat auch die Corona-Krise gezeigt. Zudem muss die Digitalisierung voranschreiten, das hat sich in vielen gesellschaftlichen Bereichen gezeigt. Frankfurt hat in den vergangenen Jahren bereits an einer Software für Gesundheitsämter gearbeitet, das muss nun umgesetzt werden. Aber auch Ahrweiler und die Flutkatastrophe haben die Menschen in diesem Sommer bewegt. Der Klimawandel und deren Auswirkungen sind mitten in Deutschland angekommen. Auf diese großen Herausforderungen müssen wir uns vorbereiten. Frankfurt hat eine lange Tradition in der Zusammenarbeit mit der Branddirektion in Krisensituationen. Da sind nicht nur die Ausrüstungen standardisiert und die Menschen qualifiziert, sondern es bestehen auch wichtige Netzwerke. Wer sich gut kennt und gemeinsam trainiert, kann sich im Ernstfall aufeinander verlassen. Aufeinander verlassen funktioniert in Frankfurt im Ernstfall auch mit vielen anderen Ämtern. Sie haben uns in der Pandemie mit viel Personal ausgeholfen und das hat uns zusammengeschweißt. Das Thema Gesundheit besser im Kanon der Verwaltung zu verorten und aufzustellen, ist wichtig.
 
Sie plädieren also für stärkere Vernetzung einzelner Ämter?
Ich bin ein leidenschaftlicher Bevölkerungs- und Sozialmediziner. Ich finde es wichtig, dass Ämter frei agieren, denn wir müssen gesellschaftlich relevant bleiben können. Der direkte Zugang zu den Menschen ist wichtig. Darum frage ich mich, wie wir zum Beispiel die vom Magistrat ermöglichte Gesundheitskommission noch besser in unsere Arbeit einbinden können. Gerade liberale Großstädte wie Frankfurt eignen sich gut für derartige innovative Wege, die Vorreiter sein können. Denn trotz der Größe dieser Stadt sind die Wege in der Verwaltung kurz, man hat engen Kontakt untereinander. Diese Kultur habe ich bei der Leitungskonferenz gesehen, da kommen alle Amtsleiterinnen und Amtsleiter in einem sehr offenen und transparenten Austausch zusammen. Da steckt viel Potenzial drin.
 
Ihr Haus genießt tatsächlich großes nationales Renommee. Haben Sie den Eindruck, dass die Bundesregierung aus Ihrer Sicht bei der Pandemiebekämpfung auf dem richtigen Weg ist?
Mein Vorgänger hatte es schon gesagt: Man muss irgendwann in einer Ausbruchssituation überlegen, wie man steuert. Am Anfang ist es wichtig, die Containment-Strategie zu fahren, mit der man versucht die Krankheit in der Bevölkerung einzuschränken. Wir haben jetzt den Ausbruch in der Gesamtbevölkerung, den wir zu kontrollieren versuchen. Es wäre aus unserer Sicht wichtig, dass wir uns nun immer mehr auf die vulnerablen Gruppen konzentrieren, also auf die Gruppen die besonders verwundbar sind. Beispielsweise auf die Kinder und Jugendliche, damit sie zur Schule gehen können. Wenn ein Kind positiv getestet wurde und die Kinder in der Klasse alle Maske aufhatten, dann geht es um eine individuelle Risikobeurteilung, ob und wer in Quarantäne muss. Das praktizieren wir in Frankfurt bereits seit Monaten. Die Maske ist ein Barriereschutz, deshalb ist sie uns so wichtig. Denn wir wollen, dass Kinder weiter in die Schule gehen. Es geht nicht nur darum, dass Kinder lesen und schreiben lernen, Schule ist auch ein wichtiger sozialer Raum und Rückzugsort.
 
Falls sich die Impfquote nicht signifikant steigert, steht Deutschland ein unangenehmer Herbst bevor oder gehen Sie eher entspannt in die kalte Jahreszeit?
Entspannt eher nicht. Wir wissen, je mehr Leute sich durch eine Impfung schützen, umso mehr sind auch alle anderen geschützt. Jeder Nicht-Geimpfte bereitet mir Kopfschmerzen. Es sind über ein Drittel der Menschen in Frankfurt noch gar nicht geimpft. Von diesen Menschen können einige aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden oder sind zu jung. Damit besteht für noch zu viele Menschen das Risiko, ins Krankenhaus zu kommen. Nicht jeder stirbt an der Erkrankung, aber das Risiko steigt mit dem Alter. Wie sich dieser Herbst und Winter entwickeln wird, werden wir erfahren.
 
Welche Impfquote würde Sie denn ruhiger schlafen lassen?
Wir müssen ausschließen können, dass es zu weiteren Ansteckungen mit großer Ausbreitung kommt. Das Virus ist in der Breite der Bevölkerung angekommen, dass die Zahl Null unwahrscheinlich ist. Doch je mehr sich impfen, umso größer ist der Schutz. Herdenimmunität durch Ansteckung ist der völlig falsche Weg. Jede Ansteckung birgt das Risiko eines schweren Verlaufs oder eines Todesfalls. Wir werden nicht zu 100 Prozent Covid-Tote vermeiden können, aber jeder Covid-Tod ist einer zu viel.  
 
Reichen die bisherigen Unternehmungen, um die Impfquote rechtzeitig auf das nötige Niveau zu heben?
Wir haben gelernt, die Prozesse im Impfzentrum zu verschlanken, wir können viel schneller und unkomplizierter Menschen impfen. Die Impf-Teams sind jetzt in der Lage, auf der Straße oder im Zelt zu impfen. Die mobilen Teams sind in der Stadt unterwegs, die Haus- und Betriebsärzte impfen und auch im Gesundheitsamt können wir impften. Wir versuchen, jedem ein passendes Angebot zu machen. Um auch den allerletzten zu erwischen, müssen wir alles geben.

Die Bekämpfung der Coronapandemie bindet noch immer große personelle Ressourcen. Wie lange lässt sich dieser Aufwand noch betreiben, ohne die regulären Aufgaben des Amtes zu vernachlässigen?
Es ist nicht leicht, den Kolleginnen und Kollegen im Gesundheitsamt klar zu machen, dass draußen das normale Leben weiterläuft und sie am Wochenende weiterhin arbeiten müssen. Die Motivation und die Kräfte, das Engagement aus „Wir gegen das Virus“ schwinden. Nach hohem Einsatz über Monate hinweg sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erschöpft und trotzdem geben sie weiterhin alles. Auch der Ton bei den Personen, die angerufen werden, wenn sie positiv sind oder Kontaktperson waren, hat sich geändert. Er ist bisweilen genervt und sehr unfreundlich. Uns unterstützen aber noch einige Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ämtern und externe Helfer wie Studierende. Ich will nicht den Teufel an die Wand malen, aber wir müssen uns auf alles einstellen: Es kann weitere Mutationen geben, die noch ansteckender sind. Das hofft niemand. Dennoch müssen wir in der Lage sein, das zu kontrollieren. Vor diesem Hintergrund diskutieren wir intern, wie lange und in welchem Umfang wir unsere anderen Aufgaben als Gesundheitsamt wie beispielsweise die Schuleingangsuntersuchungen aussetzen können. Wir wollen auch wieder für Menschen da sein, die in prekären Verhältnissen leben, die wir vor der Pandemie aufgesucht haben und die unsere Hilfe benötigen oder über unsere humanitären Sprechstunden direkten Zugang zur Gesundheitsversorgung bekommen.
 
Trotz steigender Inzidenzen ist die Hospitalisierungsquote im Vergleich zum Vorjahr eher niedrig. Liegen die schlimmsten Entbehrungen hinter uns und ist dies der Weg zurück in die Normalität ohne Masken und Restriktionen?
Es wird eine Vor-Corona-Normalität und eine Mit-Corona-Normalität geben. Der kommende Herbst wird zeigen, wie es weitergeht, wie die Zahlen in den Krankenhäusern wieder steigen, und wie weit sie steigen. Es ist gut, dass die Zahlen der Krankenhaus- und der Intensivbelegung mit in die Beurteilung fließen. Aber dieser Wert bildet nur die zurückliegenden Wochen ab. Für uns ist aber die tagesaktuelle Lage entscheidend. An diesen Zahlen sehen wir, wie das Infektionsgeschehen läuft. Wir werden den Inzidenz-Wert weiterhin im Auge behalten, um jetzt zu sagen, was in vier Wochen auf uns zukommt. Er ist weiterhin das zentrale und essentielle Steuerungsmerkmal. Wir nutzen allerdings bereits seit Beginn der Pandemie auch andere Indikatoren: Wie viele liegen im Krankenhaus, wie ist die Übertragung gerade und jetzt auch wie viele sind geimpft? Aus diesem Zusammenschnitt können wir die Gesamtsituation einschätzen. Dieser Gesamteindruck ist die Grundlage, um das Gesundheitsamt und die gesamtgesellschaftliche Situation mit Maßnahmen wie einer Allgemeinverfügung zu steuern.

Ihr Haus hat sich, etwa bei der Genehmigung von Großveranstaltungen mehrfach von den Empfehlungen der Landesregierung abgesetzt. Fühlen Sie sich in diesen mutigen Beschlüssen bestätigt?
Diese Beschlüsse haben wir nach einer fachlichen Betrachtung der Situation und in engem Austausch mit Veranstaltern wie Eintracht Frankfurt getroffen. Wir haben mit der Eintracht einen konstruktiven Dialog und einen sehr offenen Austausch. Ähnliches haben wir auch mit den Schauspielhäusern gemacht. Den Rahmen gibt der Gesetzgeber vor und innerhalb dessen muss man fragen: Was ist sinnvoll und was will der Veranstalter? Wenn man sich mit ihm nicht einig wird, dann hat das Gericht das letzte Wort. Wir müssen besser darin werden, solche Entscheidungen empirisch und wissenschaftlich zu bewerten, um die Zahlen nach außen mit wissenschaftlicher Evidenz zu belegen.
 
Zum Schluss eine Frage fernab von Corona und Gesundheitsamt: Sind Sie gut in Frankfurt angekommen?
Ich habe schon zig unterschiedliche Grüne Soßen probiert und finde sie super. Statt Apfelwein bleibe ich aber gerne beim Bier. Was ich an Frankfurt aber jetzt schon schätze ist, dass alles so nah beieinander ist. Fast alles ist mit dem Fahrrad erreichbar. Außerdem ist mir aufgefallen, dass in Frankfurt ein anderer Ton herrscht. An meinem bisherigen Wohnort Berlin ist das Enthusiastischste, was Sie einem Berliner entlocken können: „Da kann man nicht meckern“. In Frankfurt sind die Menschen viel offener und freundlicher. Es wird mehr gelacht und gescherzt. Das ist wunderbar. (ffm)