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Letzte Aktualisierung: 20.03.2023

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Dominik Russler ein Jahr Geschäftsführer im Rheingauer Weinbauverband

Exklusiv-Interview mit Frankfurt-Live

von Karl-Heinz Stier

(15.03.2023) Seit Mai 2022 ist Dominik Russler Geschäftsführer des Rheingauer Weinbauverbandes. Der gebürtige Wiesbadener besuchte die Gutenbergrealschule in Eltville, wurde anschließend Winzergehilfe beim Weingut Ernst in Eltville. Seit 2000 oblag ihm die geschäftsführende und operative Leitung von Außenbetrieb, Kellerei und Vermarktung im Weingut Antoniushof in Rauenthal.

Bildergalerie
Geschäftsführer Russler bei der Arbeit an seinem Schreibtisch
Foto: Rheingauer Weinbauverband
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Dominik Russler im Gespräch mit Mitarbeiterin
Foto: Rheingauer Weinbauverband
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Staatsministerin Anna Lührmann spricht beim Besuch der Geschäftsstelle mit Präsident Peter Seyffardt und Geschäftsführer Russler über die Zulassung von Kaliumphosphonaten
Foto: Rheingauer Weinbauverband
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Die Geschäftsstelle im Rheinweg 30 in Oestrich–Winkel
Foto: Rheingauer Weinbauverband
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Danach war er sich bis Ende 2021 in der Agentur Eventquartier Head of Event- und Projectmanagement. In dieser Zeit erweiterte er sein Wissen in Veranstaltungsrecht und –technik sowie Marketing und Event Konzeption. So erreichte er die Zertifizierungzum zum Ausbilder für Veranstaltungskaufleute bei der IHK Frankfurt. Mit seiner Wahl zum Geschäftsführer übernahm der heute 43 Jährige neben dem Rheingauer Weinbauverband in Oestrich-Winkel auch die Rheingauer Weinwerbung, die Rheingau-Taunus-Kultur und Tourismus GmbH und den Zweckverband Rheingau. Kapitular Karl-Heinz Stier stellte dem Geschäftsführer Fragen zu seiner Arbeit.

Stier: Was reizt Sie an ihrer jetzigen Position?
Russler:  In meiner aktuellen  Position kann ich Verantwortung in der kreativen Ideen-Findung, Gestaltung und Umsetzung übernehmen. Durch demographischen-, wirtschaftlichen- und Klimawandel stehen wir bereits jetzt vor großen Herausforderungen, die wir nur gemeinschaftlich bewältigen werden. Gegen Ende des Jahres 2022 kam noch eine weitere Funktion und Aufgabe hinzu. Im Rahmen einer europaweiten Ausschreibung konnte unser in der Rheingau-Taunus Kultur und Tourismus GmbH entwickelte Konzept für das Marketing von Rüdesheim am Rhein überzeugen, so dass künftig die Marketing-Tätigkeiten von Rüdesheim & Assmannshausen am Rhein ebenfalls im Haus der Region angesiedelt sind. 

Stier: Wenn man gelegentlich Klimatologen hört, so sei die Zukunft des Rieslings gefährdet?
Russler: Der Riesling im Rheingau wird noch lange eine aktuelle Rebsorte sein. Die Diskussion ist meiner Meinung nach schon fast ein wenig zynisch: Auf der einen Seite steht der Riesling oftmals in der Kritik zu sauer zu sein und nicht über ausreichend Reife zu verfügen, auf der anderen Seite bescheiden ihm nun manche das Aus in unseren Gefilden. Dies passt für mich nicht so recht zusammen. So gehen wir davon aus,  den Riesling noch lange im Rheingau als heimische Rebsorte anbauen zu können. Selbstverständlich prägt das Klima auch die Geschmacktypizität des Rieslings, so dass sich hier in Anlehnung an Mode und den aktuell gewünschten Weintyp die Anbaumethoden und die Kellerwirtschaft anpassen muss und wird. Der Rebschnitt, neue Erziehungsformen, Gestaltung der Laubwand, Entblätterung, Ertrag, frühere Ernte – um nur einige der Stellschrauben zu nennen, an denen der Winzer drehen kann. Neu hinzugekommen ist allerdings das Thema der Wasserverfügbarkeit in der Vegetationsperiode, was den Anbau und die Methoden verändert. Gerade die kargen, steinreichen und an Feinerde arme Böden im unteren Rheingau oder die sandigen Böden in der Hochheimer Gemarkung, weisen nur eine geringe Wasserhaltekraft auf. Die Niederschläge der Vegetationsperiode verteilen sich oftmals auf wenige Starkregenereignisse, bei denen der Boden das Wasser nicht vollständig aufnehmen kann, bzw. bei denen viel Wasser als Oberflächenwasser abfließt und im Rhein Richtung Nordsee unwiederbringlich davon fließt. Damit einhergehend sinken die Grundwasserspiegel. Die Niederschläge im Herbst und Winter reichen oftmals nicht aus, um die Defizite wieder aufzufüllen. Folglich wird es in Zukunft notwendig sein, Bewässerungsanlagen im größeren Maßstab zu installieren, um auch langfristig Rebanlagen / Weinberge und Erträge zu sichern und somit wirtschaftlich & nachhaltig zu bewirtschaften. Bereits jetzt ist es allen Beteiligten klar, dass dabei nicht das Grundwasser oder das Wasser des Rheins langfristig genutzt werden können, sondern das abfließende Wasser der Niederschläge muss aufgefangen und gesammelt werden.

Stier: Immer mehr kleinere Betriebe schließen aus Rentabilitätsgründen. Wie kann man dem begegnen?
Russler: Die Schließung eines nicht mehr rentabel arbeitenden Betriebes lässt sich weder im Weinbau, wie auch in der Landwirtschaft, dem Einzelhandel, dem Handwerk oder auch der kleinen mittelständischen Industrie, nur schwer aufhalten oder verhindern. Eine immer stärker werdende Mechanisierung mit hohen Investitionskosten ist in aller Regel erst ab einer gewissen Betriebsgröße sinnvoll, da diese Maschinen auch ausgelastet sein müssen um wirtschaftlich tragbar und finanzierbar zu sein. Steigende Lohn-, Energie- und Produktionskosten im Allgemeinen tun hier ihr übriges. Lösungen können hier Lohnunternehmen anbieten, die die maschinellen Arbeiten im Weinberg oder auch im kellerwirtschaftlichen Bereich übernehmen und somit die Fixkosten senken. Ein weiterer Aspekt ist die Vermarktung - kleinere Betriebe funktionieren nur, wenn die Weine als Flaschenwein verkauft werden können.  Essentiell ist es hierbei, dass sich Winzer oder Winzerinnen hierbei als Person und Imageträger und Markenkern vermarkten.

Stier: Auch die Anwendung bestimmter Pflanzenschutzmittel bringt diese Winzer in Schwierigkeiten.
Russler: Aktuell kursiert ein Vorschlag zu einer Überarbeitung der EU PSM Verordnung. Sollte dieser so wie formuliert umgesetzt werden, fallen in den hessischen Anbaugebieten Rheingau und Hessische Bergstrasse insgesamt ca. 920 ha Rebfläche in Gebiete, in denen kein Pflanzenschutz und somit auch kein Weinbau mehr möglich wäre. Diese politische Maximalforderung wird so nicht umgesetzt werden, trotzdem zeigt sie die  Marschrichtung. Aktuell gibt es die Forderung, 50 % an chemischen Pflanzenschutzmitteln bis 2030 einzusparen. Dies wird  einige Auswirkungen auf die Weinbranche haben. Als chemische Pflanzenschutzmittel wird auch der im biologischen Weinbau eingesetzte Netzschwefel sowie das Kupfersulfat angesehen, was im Bereich des Bio-Weinbaus gravierende Auswirkungen haben kann. Gleichzeitig erhält aktuell das Pflanzenstärkungsmittel Kaliumphosphonat im ökologischen Anbau keine Zulassung,  obwohl es ein wirksamer Ersatz & Ergänzung für Kupfer gegen Peronospora wäre.

Stier: 50 Prozent der Weine werden beim Lebensmittel-Einzelhandel gekauft. Müssen sich die Rheingauer Winzer in Ihrer Verkaufsstrategie umstellen?
Russler : Mit seien 3.200 ha nimmt der Rheingau gerade einmal ca. 3,2 % der gesamten deutschen Rebfläche ein. Deswegen spielen Rheingauer Weine auch nur eine untergeordnete Rolle im LEH. Ein Großteil der Abfüllungen im Rheingau verfügt nicht über das Volumen, um z.B. eine Listung im Discounter zu erreichen. In diesem Segment gibt es im lediglich 2-3 Erzeuger, die hier den Rheingau im oberen Preis-segment repräsentieren und so für dessen überregionale Bekanntheit sorgen. Im oberen Preisniveau und der damit beim Verbraucher suggerierten Wertigkeit sehe ich eine Präsenz dieser Weine eher positiv. Aktuell werden ca. 15 % der im Rheingau erzeugten Menge als Fasswein auf dem freien Markt verkauft. Der Rest wird von den Erzeugern direkt oder mit Bewirtschaftungsverträgen zwischen zwei Winzern auf den Markt gebracht. Die restlichen 85 % teilen sich auf den Fachhandel, die Gastronomie, Export und den Endkunden im Versand oder Ab-Hof-Verkauf auf. Unter diesen Aspekten sehe ich hier keine Notwendigkeit, dass die Winzer Ihre Verkaufsstrategie umstellen. Wichtiger für die Erzeuger ist, dass sie die bei der Erzeugung des Weines steigenden Kosten für z.B. Energie, Flaschen, Verschlüsse & Kartons, Lohnkosten, etc. auf den Verkaufspreis umlegen können. Eine solche Preissteigerung findet bei den Großhändlern im Fachhandel, im LEH aber auch beim Endkunden gerade keine Akzeptanz und bleibt somit in den meisten Fällen aus.

Stier: Immer mehr wird alkoholfreier Wein nachgefragt. Was heißt das für die Winzer?
Russler: In der Tat – der Markt für alkoholfreie Still- und Schaumweine wächst weiter rasant. Als Ergänzung zum bestehenden Sortiment empfiehlt es sich für nahezu jedes Weingut ein solches Produkt im Portfolio zu haben. Sei es für die Gastronomie, den Weinprobierstand, eines der zahlreichen Weinfeste oder den Privatkunden. Da der Vorgang der Entalkoholisierung nicht von den Weingütern selbst vorgenommen werden kann und dafür spezielle Anlagen mit einem hohen technischen Aufwand benötigt werden, lohnt sich für die meisten Weingüter keine eigene Produktion. Dies wird von darauf spezialisierten Anbietern angenommen. Durch eine recht hohe  Mindestabnahmemenge ist die Hemmschwelle für eine erste eigene Produktion allerdings  recht hoch. Deswegen haben wir uns als Rheingauer Weinwerbung entschieden, einen alkoholfreien Wein als Gemeinschaftsprodukt anzubieten. Umfasste die letzte Abfüllung im Juli 2022 noch ca. 15.500 Flaschen, liegen wir bei der kommenden Charge – Auslieferung Mitte März schon bei ca. 40.000 Flaschen, die von über 35 Winzern aus dem Rheingau an ihre Kunden vermarket werden. Weitere Produkte  sind bereits in der Planung.

Stier: Ihr Verband ist ja auch für die Wahl der Rheingauer Weinkönigin zuständig. Warum gibt es eigentlich keinen Weinkönig?
Russler: Die Frage zum Weinkönig ist schnell beantwortet – bisher hatten wir noch keinen männlichen Bewerber für diese Position. Wenn das Amt und die damit verbundene Aufgabe den Rheingau zu repräsentieren ernst und engagiert ausgefüllt werden, spricht nichts gegen einen männlichen Bewerber. Aktuell haben wir drei sehr kompetente junge Frauen in den Ämtern der Rheingauer Weinkönigin, bzw. Prinzessin. Gemeinsam mit den drei Majestäten entwickeln wir gerade Optionen und Strategien, wie wir die Präsenz und Relevanz dieser in unsern Social Media Kanälen erhöhen und somit eine größere und jüngere Zielgruppe ansprechen können. Allerdings obliegt  die Organisation und Wahl der Rheingauer Weinmajestäten nicht dem Verband, sondern der Rheingauer Weinwerbung GmbH.

Stier: 2029 findet im in Rüdesheim am Rhein beginnenden Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal die Bundes-Gartenachau statt. Wird daran schon gearbeitet?
Russler: Die Vorbereitungen und Planungen hierzu sind bereits in vollem Gange. Seien es kleinere Projekte, wie ein Weinberg nach historischem Vorbild unter Verwendung des historischen Rebensatzes / Rebsorten der bereits im nächsten Frühjahr gepflanzt werden soll und auch noch lange nach der BuGa für Besucher zugänglich sein wird, oder umfänglichere Projekte wie Anpassungen der Infrastruktur oder der Umbau des Hafenparks in Rüdesheim.

Stier: Im Mai dieses Jahres können Sie auf ein Jahr Tätigkeit als Geschäftsführer zurückblicken. War das ein erfolgreiches Jahr?
Russler: Im letzten Jahr gab es viele Änderungen und Neuerungen im Haus der Region. In der Weinwerbung haben wir ein neues Team aufgestellt, die Projektleitung im Zweckverband wurde neu besetzt und in der RTKT sind wir nun auch zuständig für das Marketing von Rüdesheim.Das erste Jahr nach Corona ist noch kein reguläres und repräsentatives Jahr. Vieles hat sich verändert und wird nicht unbedingt wieder in den Zustand vor Corona zurückkehren. Das Verhalten von Gästen, Touristen und Kunden hat sich nachhaltig verändert. Damit einhergehend  auch das Wesen von Veranstaltungen, Konsum und Reisen. Hinzu kommen Fachkräftemangel, Inflation, umfassende Änderungen im Weinrecht und vieles mehr. Veränderungen und ein neuer Anfang beinhalten immer auch die Chance etwas anders, womöglich auch besseres zu gestalten.Für mich persönlich kann ich das letzte Jahr als durchweg positiv betrachten. Ich habe große Freude an dem was ich tue, kann mit einem tollen Team eine großartige Region repräsentieren und gemeinsam haben wir noch viele Ideen und Pläne, die wir gerne umsetzen möchten.

Stier: Vielen Dank für das Gespräch!