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Letzte Aktualisierung: 01.03.2021

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Die Zahl der Obdachlosen in Kriftel steigt langsam aber stetig

von Adolf Albus

(11.02.2021) „Zur Vermeidung drohender Obdachlosigkeit sind derzeit insgesamt 28 Personen, davon 11 Kinder, durch das Ordnungsamt der Gemeinde Kriftel in Notunterkünften untergebracht“, heißt es in einem Bericht, den der Erste Beigeordnete Franz Jirasek den Gemeindevertretern in der laufenden Ausschussrunde vorlegte.

„Wohnungen privater Vermieter und Pensionen mussten dank der verfügbaren Unterbringungsmöglichkeiten in einem gemeindeeigenen Wohnhaus sowie in den Mobile Homes in der Hofheimer Straße nicht in Anspruch genommen werden.“

Die Zahl der Obdachlosen hat dabei in den vergangenen Jahren 15 Jahren stetig zugenommen: Waren es im Jahr 2007 noch sieben gemeldete Obdachlose in Kriftel, stieg die Zahl 2008 sprunghaft auf 23 Obdachlose an. Jahrelang blieb die Zahl dann bei etwa 20 Menschen konstant, in den letzten Jahren sei jedoch ein stetiger Anstieg festzustellen, so Jirasek. Der Grund sei unter anderem, dass sich immer wieder auch Großfamilien mit mehreren Kindern obdachlos melden und die Zahlen somit sprunghaft in die Höhe gehen. Das Ordnungsamt muss im Fall von Obdachlosigkeit als „Gefahrenabwehrbehörde“ tätig werden.

 

Häusliche Gewalt, Zwangsräumung oder Familiennachzug

Einige wenige Obdachlose sind in Wohnungen der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft (Gewobau) untergebracht, der Großteil - 21 Personen, davon 9 Kinder - leben derzeit in den Mobile Homes an der Hofheimer Straße. Die Kosten für die Unterbringung der Obdachlosen werden in der Regel durch den Main-Taunus-Kreis übernommen.

Einige Fälle werden in dem „Bericht über die Unterbringung von Obdachlosen in der Gemeinde Kriftel“ genauer beschrieben: So wurde eine Frau vom Ordnungsamt im Februar 2018 mit ihrer Tochter zunächst in eine Wohnung der Gewobau eingewiesen, nachdem sie nicht mehr bei ihrer Bekannten unterkommen konnte und auch eine Rückkehr zum Kindsvater aufgrund von häuslicher Gewalt nicht möglich war. Durch Schimmelbefall in der Wohnung musste sie im Dezember 2019 in ein Mobile Home umziehen. Zudem brachte sie im Dezember 2019 einen Sohn zur Welt. „Nach Auskünften des zuständigen Familienhelfers ist sie derzeit erneut schwanger. Der Vater der jüngeren beiden Kinder kann diese nicht zu sich nehmen, da er ebenfalls in einer Notunterkunft für Flüchtlinge untergebracht ist“, heißt es in dem Bericht.

Eine neunköpfige Familie (Eltern mit ihren sieben Kindern) sind in zwei Mobile Homes untergebracht. Nachdem der älteste Sohn bereits vor einigen Jahren als unbegleiteter Minderjähriger nach Deutschland kam, folgten die Eltern. Da der Sohn zunächst im Vincenzhaus in Hofheim lebte, wurden die Eltern ebenfalls im Main-Taunus-Kreis, in diesem Fall in Kriftel, untergebracht. Im November 2019 kam das jüngste Kind in Deutschland zu Welt. Aufgrund einer Härtefallregelung konnten im Dezember 2019 die weiteren fünf Kinder im Alter zwischen 4 und 14 Jahren nach Deutschland geholt werden. Diese hatten sich bis dahin alleine im Libanon aufgehalten. „Da Personen, die durch einen Familiennachzug nach Deutschland kommen, kein Asylverfahren durchlaufen, und der Familie keine Unterbringungsmöglichkeit zur Verfügung stand, waren sie als Obdachlose einzuweisen“, wird im Bericht dargelegt. Im Juli 2020 zog auch der älteste Sohn auf Betreiben der Eltern in die Obdachlosennotunterkunft.

In weiteren sechs Mobile Homes sind insgesamt neun alleinstehende Personen zur „Vermeidung drohender Obdachlosigkeit“ eingewiesen, nachdem diese aufgrund von Zwangsräumungen oder dem Auslaufen von Mietverträgen ihre Unterkunft verloren haben. Die sieben männlichen Obdachlosen sind in der Regel zu zweit in einem Mobile Home untergebracht. Zwei alleinstehende Frauen wurden aufgrund von „psychischen Auffälligkeiten“ einzeln in einem Mobile Home untergebracht.

 

Sozialarbeiterin Eroglu-Buch fungiert als Ansprechpartnerin

Die Unterbringung der obdachlosen Personen erfolgt in Absprache mit der bei der Gemeinde angestellten Sozialarbeiterin Semiha Eroglu-Buch. Sie unterstützt bei Einweisungen sowie Umsetzungen von Personen und nimmt gemeinsam mit dem Ordnungsamt Termine vor Ort sowie zur Vereinbarung von Ratenzahlungen wahr. Die obdachlosen Personen erhalten von ihr zusätzliche Hilfe bei der Wohnungssuche und beim Stellen und Ausfüllen von Anträgen sowie Sachmittel aus dem „Come in“ des Familienzentrums. Da sie regelmäßig in der Unterkunft „Hofheimer Straße 56a“ vor Ort ist, kennt sie die obdachlosen Personen und ihre Lebensumstände, kann Probleme wie Zahlungsrückstände schnell ansprechen und fungiert als Ansprechpartnerin.

Neben steigenden Obdachlosenzahlen gibt es aber auch von Erfolgen zu berichten: Im Jahr 2020 war es möglich, für eine dreiköpfige obdachlose Familie in Flörsheim eine Mietswohnung zu finden. Drei alleinstehende Männer sind ebenfalls in eigene Unterkünfte gezogen und nicht mehr obdachlos. Ein weiterer Mann begab sich im Sommer 2020 aus der Obdachlosenunterkunft in eine Entzugsklinik. „Eventuell kann hier durch die dortige Sozialarbeit ebenfalls eine eigene Wohnung gefunden werden“, heißt es im Obdachlosen-Bericht.