Archiv-Nachrichten

Die Windkraft ist nur ein laues Lüftchen

Warum Deutschland die höchsten Strompreise der Welt hat

Die Gretchenfrage an Heinrich Faust „Nun sag, wie hast du´s mit der Religion?“ könnte in zeitgemäßer Fassung heutzutage lauten: „Nun sag, was hältst Du von der Windkraft?“ Auch eine gute Frage. Denn während die einen darin eine himmlische Lösung für unsere Energie- und Klimaprobleme wähnen, wiegen andere bedächtig das Haupt und sprechen von einem bestenfalls lauen Lüftchen. Ja was denn nun? Frankfurt-Live wollte zu diesem uns alle tangierenden Thema nicht einfach mit in der ideologischen Suppenküche herumrühren sondern informierte sich ratsuchend bei einem seriösen, hochkompetenten Wissenschaftler und Buchautor, den promovierten Chemiker Prof. Dr. Fritz Vahrenholt.
2023-03-21_Die_Windkraft_i_1_(c)LMV.jpg
Schon 1978 landete der promovierte Chemiker Prof. Fritz Vahrenholt mit seinem Buch „Seveso ist überall“ einen Bestseller.
Foto: LMV

Jener moderne Don Quichotte nämlich hat sich in seinem neuen bestsellerverdächtigen Buch „Die großes Energiekrise und wie wir sie bewältigen können“ wissenschaftlich fundiert mit den Windmühlenflügeln befasst. Und kam zu einem ernüchternden Ergebnis, das er, rhetorisch eingedampft, mit dem Ausdruck „Windpark-Wahnsinn“ bezeichnet. Desillusionierend wirkt vor allem sein Hinweis, dass dem Wind immer wieder mal die Puste ausgeht, was nichts anderes bedeutet, als dass die unbedingt erforderliche Kontinuität der Energielieferung nicht gewährleistet ist.

Mit seinen Worten klingt das so: „Sehen wir einmal davon ab, dass durch den Ausbau der Windenergie schon heute im Jahr 12 000 Greifvögel und 240 000 Fledermäuse und ein beträchtlicher Teil der wandernden Insekten getötet werden und die Wirkung des Infraschalls auf die Nachbarn von Windenergieanlagen zu allergrößter Vorsicht mahnt: Die entscheidende Achillesferse der Erneuerbaren Energie ist ihre Unzuverlässigkeit. Sie erzeugt keine gesicherte Leistung.

Schon heute – und erst recht bei einem verdoppelten Ausbaus der Windkraft an Land, dem Vervierfachen der Windkraft auf See und der Photovoltaik, wie es die Bundesregierung bis 2030 plant – bekommen wir einen extremen Überschuss in wind- und sonnenstarken Zeiten, der zurzeit nicht gespeichert werden kann. Er wird entweder gegen Erstattung des Börsenpreises abgeregelt (2021 waren das 800 Millionen Euro) oder ins Ausland verklappt. Im Zeichen der Flaute, die gerne auch mal bis zu 14 Tage anhält, wenn hier kein Wind weht, dreht sich kein einziges Windrad. Fällt diese Zeit in den Winter, etwa bei einer kalten Hochdruckwetterlage im Januar, wenn die Solarenergie nahe null Strom produziert, nennt man diese Lage Dunkelflaute.“

Und es könne durchaus vorkommen, wie Untersuchungen der letzten 35 Jahre gezeigt hätten, das eine zweite Dunkelflaute folge, ohne dass die Speicher schon wieder aufgefüllt seien. Es sei „ein Ammenmärchen“, wenn behauptet werde, es gäbe in Europa immer irgendwo Windenergie, die dann bei Windstille nach Deutschland importiert werden könnte. Es sei mittlerweile nachgewiesen, dass es eine hohe Korrelation der Windstärke in allen nord- und mitteleuropäischen Ländern gebe. Wenn in Deutschland Flaute herrsche, dann auch in Holland, Dänemark und Polen.

Prof. Vahrenholt, von 1991 bis 1997 Umweltsenator in Hamburg, weiß wovon er spricht. Er ist kein abgehobener Wissenschaftler im Elfenbeinturm oder ideologisch verklappter Besserwisser. Ganz im Gegenteil stand er stets inmitten unseres energiepolitischen Geschehens: Nach seiner Senatorenzeit ging er als Vorstand für Erneuerbare Energien zur Deutschen Shell AG. 2001 wurde er Vorstandsvorsitzender des Windenergie-Anlagenbauers REpower Systems. Danach leitete er bis 2012 die neu gegründete Konzerngesellschaft für Erneuerbare Energien der RWE AG, die Innogy GmbH. 1999 wurde er zum Honorarprofessor im Fachbereich Chemie der Universität Hamburg ernannt und ist des Weiteren Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften Acatech.

Sehen wir also genau hin, wenn er erklärt: „Ein Wind-Solarsystem mit einhundert Prozent Erdgasbackup kann funktionieren. Es war ja das Geheimrezept des Funktionierens der deutschen Energiewende der letzten zehn Jahre. Die deutsche Energiepolitik hat sich fast ausschließlich mit dieser Kombination befasst und darauf verlassen. Immer mehr (russisches) Gas musste einspringen, wenn Wind und Sonne ihren Dienst versagten. Am Ende bezahlt der Stromkunde die deutlich erhöhte Rechnung für zwei parallele Stromversorgungssysteme.

Das war der Grund dafür, dass Deutschland schon in den letzten Jahren die höchsten Strompreise der Welt hatte. Und auch wenn es die Grünen heute nicht gerne hören wollen: Die Kombination von russischem Gas und Erneuerbaren Energien war ein grünes Projekt. Schon im Jahr 2000 warb der grüne Bundesumweltminister Jürgen Trittin für die Kombination von Erdgas und Erneuerbaren Energien: ´Die Partnerschaft des Erdgases kann der weiteren Marktpenetration erneuerbarer Energien entscheidende Impulse geben`.“

Und jetzt haben wir den Salat. „Man glaubt es kaum“, resümiert Vahrenholt, „aber es gibt bis heute weltweit kein funktionierendes Stromsystem auf einhundert Prozent Wind- und Solarbasis. Gleichwohl strebt die Bundesregierung genau dieses in wenigen Jahren an.“ So richtig mulmig wird einem zumute, wenn man liest, was das Wallstreet Journal im Juni 2022 geschrieben hat: „Das deutsche Wirtschaftsmodell basierte auf unrealistischen Annahmen … und wird die derzeitigen Turbulenzen wahrscheinlich nicht überleben. Die deutsche Energiepolitik ist ein chaotisches Durcheinander, ein leuchtendes Beispiel für den Rest der Welt, was man nicht tun sollte!“

Verschärft wird die Situation zusätzlich dadurch, dass die Speicherkapazität für Strom „völlig unzureichend“ ist, betont Vahrenholt. Strom als solcher kann aber, von unbedeutenden Mengen abgesehen, nicht gespeichert werden. Wie es weitergehen könnte, beschreibt er in seinem bereits genannten Buch „Die große Energiekrise und wie wir sie bewältigen können“, erschienen im Langen Müller Verlag GmbH München, ISBN 978-3-7844-3658-6, 22 Euro. Wir können das Buch hier natürlich nicht abdrucken, deshalb unser Rat: Es lohnt sich, die paar Kröten dafür zusammenzukratzen, denn dann erfährt man viel über unsere Wirtschaft und auch uns persönlich betreffendes Wichtige.