Archiv-Nachrichten

Die Wiederauferstehung von Hoechst

Warum es in Pakistan wieder eine Hoechst-Niederlassung gibt

Man kann es kaum glauben, aber es ist so: Den Namen Hoechst, einstmals größtes Pharma- und Chemieunternehmen der Welt, ausradiert vom letzten Vorstandsvorsitzenden Jürgen Dormann, gibt es wieder! Und zwar in Pakistan, wo es dessen früherem Finanzminister Syed Babar Ali nach zähen Verhandlungen gelungen ist, den Namen „Sanofi“ streichen zu lassen und den Namen HOECHST PAKISTAN LIMITED wieder einzuführen. Und so heißt die Firma jetzt tatsächlich wieder HOECHST. Wie es dazu kam, dahinter verbirgt sich eine ebenso unglaubliche wie anrührende Geschichte, die nicht nur den noch lebenden Angehörigen der Familie der Rotfabriker zu Herzen gehen dürfte.

Der frühere Geschäftspartner von Hoechst und ehemalige pakistanische Finanzminister Seyed Babar Ali setzte durch, dass es wieder eine HOECHST PAKISTAN LIMITED gibt.
Der frühere Geschäftspartner von Hoechst und ehemalige pakistanische Finanzminister Seyed Babar Ali setzte durch, dass es wieder eine HOECHST PAKISTAN LIMITED gibt.
Foto: Quelle: The  Lakshmi Mittal and Family South Asia
Dominik von Winterfeldt, der bis heute bei vielen Frankfurtern in guter Erinnerung stehende ehemalige Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der früheren Hoechst AG, spielt eine Schlüsselrolle in der Geschichte, wie Hoechst, wenigstens in Pakistan, wieder zu seinem Namen kam
Dominik von Winterfeldt, der bis heute bei vielen Frankfurtern in guter Erinnerung stehende ehemalige Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der früheren Hoechst AG, spielt eine Schlüsselrolle in der Geschichte, wie Hoechst, wenigstens in Pakistan, wieder zu seinem Namen kam
Foto: Privat

Es gibt Klischee-Formulierungen wie „Totgesagte leben länger“ oder  „Unsere Leichen leben noch“ oder „Dem Grabe entsprungen“. Jetzt ist wieder mal eine Realität geworden, und das – die Märchen aus tausend und einer Nacht lassen grüßen – kam so:  In Pakistan lebt der Geschäftsmann, Philantrop und ehemalige Finanzminister Seyed Babar Ali. Seyed ist ein Adelstitel aus der ehemals afghanischen Royal Family, der die Eltern von Babar Ali entstammen. Und genau diesem ist es zu verdanken, dass, wenigstens in seinem Land, der Name HOECHST wiederauferstanden ist.

Die Schlüsselrolle dabei spielt der heute noch vielen Frankfurtern in guter Erinnerung stehende Dominik von Winterfeld, ehemals Leiter der Zentralabteilung Corporate Relations (Öffentlichkeitsarbeit) und Sprecher der Hoechst AG. Dominik von Winterfeldt begann seine Karriere 1957 bei der Hoechst AG in Frankfurt. Im Laufe der Jahrzehnte stieg er zu einer prägenden Führungskraft des Konzerns auf und bekleidete verschiedene hochrangige Positionen, bevor er in den 1990-er Jahren zu ABB wechselte. U.a. war er Managing Director von Hoechst Pakistan und langjähriger Chairmann und Managing Director von Hoechst United Kingdom Ltd. Heute lebt er in Hamburg.

Alles begann damit, dass er im Jahre 1967 von Kurt Lanz, dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden, der die Geschichte des Unternehmens von 1956 bis 1981 entscheidend mitprägte und als strategischer Kopf galt, der maßgeblich für die Internationalisierung des Unternehmens verantwortlich war, dass er von jenem Kurt Lanz also nach Karachi entsandt wurde. Er sollte die dort existierende Hoechst Pharmaceuticals Ltd. leiten und gleichzeitig eine neue, größere Industrieunternehmung für verschiedene Fabrikationen (Arzneimittel, Pigmente, Mowilith, TH-Produkte) in Karachi-Korangi gründen. Dafür musste von Winterfeldt einen pakistanischen Equity-Partner suchen, der sich zu 48 Prozent beteiligen sollte.

Zu dieser Zeit hatte Hoechst einen wichtigen Privatkunden in Lahjore (Punjab) mit dem Namen „Packages Ltd.“, wo es eine Papierfabrik, Verpackungsartikel und die Vertretung der schwedischen Alpha-Laval und Tetrapak-Gruppe gab. Der Inhaber hieß – jetzt raten Sie mal – Syed Babar Ali.  Dieser erschien von Winterfeldt als der geeignete Partner. Und er gewann tatsächlich seine Zustimmung zu der Idee einer Beteiligung. So gründeten die Beiden die Hoechst Pakistan. Babar Ali war Chairman, von Winterfeld Managing Director.

Gerne erinnert sich the man from Germany noch heute an diese Zeit: „Wir verstanden uns bestens, waren erfolgreich und wurden schnell enge Freunde. Babar wurde jetzt, am 30. Juni, hundert Jahre alt, ist im Kopf völlig klar, beantwortet e-mails sofort selber, liebt Rosen und hat einen riesigen Rosengarten, ein weiser alter Mann und toller Unternehmer.“

Und offensichtlich hat er auch eine sehr soziale Ader. So kümmerte er sich persönlich um seine mehreren tausend Mitarbeiter, für die er eine Milchfarm aufzog, um jedem einzelnen morgens einen großen Becher Vollmilch spendieren zu können. Unter Pakistans Präsident Bhutto war er vorübergehend Landwirtschaftsminister, Mitglied des IWF-Boards,  nach Prinz Philip auch Präsident des WWF sowie Finanzminister Pakistans. Jetzt führt sein Sohn Seyd Hyder Ali die Firma Package und ist auch Chairman in der Sanofi Ltd. geworden.

Bis heute stehen von Winterfeldt und Babar Ali in dauernder Verbindung. „Babar und seine Familie sind außerordentlich liebenswert“, plaudert Dominik von Winterfeldt aus dem Nähkästchen. Babar Ali kannte noch die früheren Hoechst-Vorstandsvorsitzenden Prof. Karl Winnacker und Prof. Rolf Sammet gut. Am meisten hatte er mit Kurt Lanz zu tun, besuchte auch öfter Höchst, meistens mit von Winterfeldt, und verehrte die Firma Hoechst. Dann ließ Jürgen Dormann das Fallbeil über das Unternehmen sinken. Auch in Pakistan erlosch der Name Hoechst und wurde erst zu Aventis, dann zu Sanofi.

Das wurmte Babar Ali, der seine Anteile behalten hatte und  Chairman blieb, und es ließ ihm keine Ruhe, dass es Hoechst in Pakistan nicht mehr gab. Seine Freundschaft zu von Winterfeldt und seine Liebe zum „alten Hoechst“ trieben ihn dazu, sich direkt in Paris an Sanofi zu wenden und dort mit eiserner Faust zu verhandeln, dass der Name Hoechst in Pakistan wieder eingeführt werde. Und es gelang ihm in der Tat nach zähen Verhandlungen, den Namen „Sanofi“ streichen zu lassen und den Namen HOECHST PAKISTAN LIMITED wieder einzuführen.

Das gibt´s wahrscheinlich nur einmal. Als Babar Ali seinem Freund Dominik von Winterfeld das mitteilte, haben beide am Telefon laut miteinander gejubelt. Und als Babar Ali sagte, dies sei auch auf die Freundschaft zu ihm zurückzuführen, dass er so gehandelt habe, war jener so gerührt, dass ihm die Tränen kamen.

Schade, dass Herr Dormann das nicht mehr miterlebt hat. Es hätte ihm vielleicht einiges klargemacht.