Die Welt sitzt mit im Konzertsaal
Wie ernst ein Festival sein eigenes Motto nimmt, zeigt sich weniger in seinen Ankündigungen als in den Menschen, die auf der Bühne stehen. Da ist die venezolanische Pianistin und Komponistin Gabriela Montero die den „Pablo Casals Award - For a Better World“ bei der Eröffnung des Kronberg Festival erhielt und da ist die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv, die mit dem Youth Symphony Orchestra of Ukraine nach Kronberg kommt.
Junge Musikerinnen und Musiker spielen, während ihr Alltag vom Krieg überschattet ist. Musik kann diesen Krieg nicht beenden. Aber sie kann zeigen, dass Menschen sich von ihm nicht vollständig bestimmen lassen. „Courage“ heißt das Motto beim „Kronberg Festival“ dieser Tage. Mit der ukrainischen Komponisten Yuri Laniuk findet die Gegenwart Europas unmittelbar ihren Weg in den Konzertsaal.
Andere Programme suchen den Dialog zwischen Epochen: Avi Avital und die Kremerata Baltica verbinden Alte Musik und Gegenwart. Anna Prohaska, das Ensemble Resonanz und Riccardo Minasi verschränken in „Illumination“ Tradition und Avantgarde.
Und bei „freeEroica“ macht Stegreif – The Improvising Symphony Orchestra Beethovens Dritte Sinfonie als Erfahrung des Aufbruchs neu hörbar.
Courage muss dabei nicht auf der Bühne erklärt werden. Manchmal steckt sie schon in der Entscheidung, ein vertrautes Werk noch einmal anders zu hören.
Der Mut, den eigenen Weg zu finden
Vielleicht zeigt sich Courage aber am unmittelbarsten dort, wo ein Weg noch nicht feststeht. Die Kronberg Young Soloists, junge Musikerinnen und Musiker der Kronberg Academy, stehen deshalb im Zentrum des Festivals. In Konzerten, Proben und öffentlichen Meisterkursen wird sichtbar, was sonst hinter verschlossenen Türen geschieht: Erfahrung wird weitergegeben, eine Generation hört der anderen zu, und irgendwann muss aus dem Gelernten etwas Eigenes werden.
Vom 25. bis 30. September öffnen die öffentlichen Cello-Meisterkurse diesen Prozess für das Publikum. Junge Cellistinnen und Cellisten aus aller Welt arbeiten mit renommierten Lehrenden, probieren aus, korrigieren, verwerfen und beginnen von Neuem.
Das ist vielleicht die unspektakulärste und zugleich ehrlichste Form von Courage: sich vor anderen auf etwas einzulassen, dessen Ausgang noch nicht feststeht.
Nicht erklären, sondern hörbar machen
Natürlich bringt das Kronberg Festival auch in diesem Jahr große Namen zusammen: Gabriela Montero, François Leleux und das hr-Sinfonieorchester, Edgar Moreau, Marie-Elisabeth Hecker, Martin Helmchen, István Várdai, Sheku Kanneh-Mason, Gidon Kremer, Sir András Schiff, Janine Jansen und Fazıl Say gehören ebenso zum Programm wie das Chamber Orchestra of Europe, die Kremerata Baltica, das Ensemble Resonanz und das Jerusalem Quartet.
Doch ein Festival lässt sich nicht allein über seine Besetzungsliste erzählen. Entscheidend ist, was zwischen den Namen geschieht: zwischen Lehrer und Schüler, Tradition und Gegenwart, vertrautem Werk und neuer Interpretation. Prof. Dr. Friedemann Eichhorn, künstlerischer Leiter der Kronberg Academy, nennt es einen „lebendigen Dialog“. Ein Programm entstehe, das Courage „nicht erklärt, sondern hörbar macht“. Vielleicht ist das der entscheidende Satz dieses Festivals.
Was bleibt?
Mit dem Festival beginnt zugleich die Saison 2026/27 in der Kronberg Academie im Casals Forum. Internationale Künstlerpersönlichkeiten treffen auf junge Talente, bekannte Reihen auf neue Formate. Auf dem Programm - bis zum 4. Oktober - stehen unter anderem Mittwochskonzerte, FreundschaftsSpiele, Concerti Brillanti, Bach im Fluss, Jazz@Casals, Lied im Casals Forum, Klavier Solo, Kids@Casals, das Chamber Music Festival und die neue Vokalreihe Chorwelten.
Doch was bleibt, wenn die letzten Töne verklungen sind? Vielleicht eine Melodie. Eine Begegnung. Ein Gedanke, der sich festsetzt. Oder das Gefühl, für einen Augenblick etwas gespürt zu haben, das im Alltag leicht verloren geht: dass eine einzelne Stimme Gewicht haben kann.
Pablo Casals hat diese Vorstellung verkörpert. Kronberg stellt sie in diesem Herbst erneut zur Diskussion.
Courage! Ein großes Wort. Vielleicht genügt manchmal schon der Mut, ihm zuzuhören.
Karten für das Kronberg Festival 2026 und die Saison 2026/27 sind erhältlich unter www.kronbergacademy.de/tickets, per E-Mail an karten@kronbergacademy.de sowie im Kartenbüro im Casals Forum, Beethovenplatz 1, 61476 Kronberg im Taunus.
Weitere Artikel aus der Kategorie: