Die Stiftung von Ingrid zu Solms-Wildenfels
Feierlicher Festakt zur Verleihung des Medizin- und Naturwissenschaftspreises
„Versuche die Welt zu verbessern, bevor Du sie verlässt!“ - Vor 32 Jahren gründete die Ärztin Dr. Ingrid Gräfin zu Solms-Wildenfels, eine der bedeutenden, engagierten Frauen Frankfurts, ihre Stiftung. Zunächst gab es einen Medizinpreis, später kamen Preise für Natur-, Lebens- und Ingenieurwissenschaften, schließlich für Kultur und für Menschenrecht hinzu.
Die mittlerweile über 90jährige Stifterin vergab bisher über 40 Preise an junge hochqualifizierte Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen und Menschenrechtsaktivistinnen. Darüber hinaus fördert sie weltweit Kinder- und Jugenderziehung. Sie ist Trägerin mehrerer Auszeichnungen: 1994: Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland; 2005: Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland; 2010 Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Frankfurt am Main; 2020: Elisabeth-Norgall-Preis. Ihre Veröffentlichungen: Aktiv und selbstbewusst. Programm für ein gesundes Altern, Umschau-Verlag, Frankfurt am Main 1987; Schweigen ist Silber: Zeitreise einer Frau in Reden, Angelika Lenz Verlag 2023.
In der zweiten Novemberwoche wurde in der Villa Wertheimber in Bad Homburg, Sitz des Stadtarchivs und des Hölderlin Zentrums, der Medizinpreis der Ingrid zu Solms Stiftung an die Professorin für Immunologie und Immunogenetik Dr. Petra Bacher von der Christian-Albrechts-Universität Kiel verliehen. Die 1984 in Augsburg geborene Wissenschaftlerin promovierte mit summa cum laude an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und veröffentlichte bisher 60 Publikationen. Sie erhielt mehrere Wissenschaftspreise, unter anderem Dorothea-Erxleben-Award, Georges-Köhler-Preis der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Schleswig-Holstein Chair of Excellence, sowie Drittmittel der Deutschen Forschungs-Gesellschaft und Förderungen durch European Research Council (ERC) und US National Institutes of Health.
Ausgezeichnet wurde sie nun bei der Ingrid zu Solms Stiftung für ihre Arbeit „Selections of cross-reactive T cells by commensal and food-derivated yeats drives cyotoc TH1 cells responses in Crohn’s disease“.
Die Immunologin konzentriert sich in ihrer Forschung auf die Rolle von bestimmten Zellen des Immunsystems, den T-Zellen, die eine zentrale Rolle in der Abwehr haben.
Wie geht das Immunsystem mit den in und auf dem Körper lebenden Mikroorganismen um und was läuft hier bei chronischen Entzündungen falsch? Eine wichtige Rolle bei chronischen Darmentzündungen könnten offenbar fehlgeleitete Immunreaktionen auf Hefepilze spielen.
Petra Bacher untersucht die Rolle antigenspezifischer CD4+ T-Zellen bei Fehlfunktionen des Immunsystems, bei denen man vermutet, dass es zu einer fehlgeleiteten Immunreaktion gegen die Mikrobiota kommt, wie z.B. chronisch entzündlichen Erkrankungen. Sie konnte zeigen, dass das Aufspüren antigenspezifischer T-Zellen eine Verbesserung der klinischen Diagnose ermöglicht und eine Basis für T-Zell-basierte therapeutische Anwendungen schafft. CD4+ T-Zellen, die auch als T-Helfer-Zellen bezeichnet werden, spielen eine zentrale Rolle bei der Verteidigung gegen körperfremde Antigene. Ein Schwerpunkt der Forschung von Petra Bacher liegt dabei auf der Interaktion unseres Immunsystems mit dem Mikrobiom, also den in und auf unserem Körper lebenden Mikroorganismen. T-Helfer-Zellen können ganz spezifisch ein bestimmtes Antigen erkennen und eine zum Antigen passende Immunantwort auslösen. So kann z.B. eine T-Zelle den Hefepilz Candida albicans erkennen, während eine andere T-Zelle auf den Darmkeim E. coli spezialisiert ist.
Petra Bacher und ihr Team haben unter anderem eine neue, innovative Methode zur direkten Analyse von krankheitsrelevanten T-Zell-Reaktionen beim Menschen entwickelt. Diese Methode ermöglicht die Charakterisierung antigenspezifischer CD4+ T-Zellen direkt aus menschlichen Blut- oder Gewebeproben und erlaubt es, eine Vielzahl klinischer Fragen zu beantworten, inklusive der Identifizierung neuer patientenspezifischer diagnostischer Parameter und neuer therapeutischer Ziele. „Mithilfe einer von Prof. Petra Bacher und Prof. Alexander Scheffold entwickelten Methode konnten die Forscher aus der großen Menge verschiedener Immunzellen im Blut gezielt die seltenen autoreaktiven Immunzellen anreichern und analysieren.“ (Aus Management & Krankenhaus 20.9.2024)
Mit ihrer bisherigen Forschungsarbeit konnte Petra Bacher somit einen wichtigen Beitrag zum aktuellen Wissensstand über die Immunreaktionen menschlicher T-Zellen auf Krankheitserreger oder mikrobielle und umweltbedingte Antigene leisten, die bei Infektionen, chronischen Entzündungen, Autoimmunität und Allergien eine wichtige Rolle spielen.
Den Naturwissenschaftspreis 2025 erhielt Dr. Anna Monika Seiler für ihre Doktorarbeit: „Correlated phasis in the vincinity of tunerable van Hove singularities in Bernal bilayer graphene“, die mit summa cum laude bewertet wurde. 2024 wurde sie für diese Arbeit mit dem Gustav-Hertz-Preis der Deutschen Physikalische Gesellschaft ausgezeichnet.
Die Begründung: „Die DPG zeichnet sie damit für ihre grundlegenden Beiträge zum Verständnis wechselwirkender elektronischer Phasen in Festkörpersystemen aus, insbesondere für ihre Beobachtung korrelierter Zustände in einem System aus zwei Graphenlagen ohne deren gegenseitige Verdrehung [...] Welche Phasen bilden sich aus, wenn Elektronen stark miteinander wechselwirken? Ihr gelang die unerwartete Entdeckung, dass sogar ohne gegenseitige Verdrehung der Graphenlagen korrelierte Zustände auftreten, so dass sie eine isolierende Phase mit besonderen Eigenschaften in der Nähe der Bandkante messen konnte.“
Anna Seiler, geboren 1996, Abitur am Schiller-Gymnasium Witten, studierte Physik mit Masterabschluss an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Während ihrer Promotion bei Prof. Thomas Weitz wechselte sie mit ihm an die Georg-August-Universität Göttingen, wo sie 2023 ihren Doktorgrad erhielt. Seit April 2024 ist sie als Postdoktorandin an der Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH) tätig. Dort ist sie Mitarbeiterin der Professur für Quantenelektronik. Sie beteilligte sich an mehreren Publikationen.
Für diesen frankfurtlive-Beitrag schickte sie eine allgemeine Zusammenfassung ihrer Doktorarbeit: „In meiner Doktorarbeit erforschte ich neuartige kollektive Zustände von Elektronen in einem scheinbar einfachen Material: Doppellagen-Graphen - zwei übereinanderliegende Schichten aus Kohlenstoff, die jeweils nur ein Atom dünn sind.
Ziel meiner Arbeit war es zu verstehen, wie sich Elektronen gegenseitig beeinflussen, wenn sie auf engstem Raum zusammengedrängt sind - und wie aus diesen Wechselwirkungen ganz neue Eigenschaften von Materialien entstehen können. Solche quantenmechanischen Effekte bestimmen maßgeblich, ob ein Stoff leitet, isoliert oder sogar ungewöhnliche magnetische Phänomene zeigt. Mit hochpräzisen Messungen der elektrischen Leitfähigkeit bei extrem tiefen Temperaturen - nur wenige Tausendstel Grad über dem absoluten Nullpunkt - konnte ich zeigen, dass sich Doppellagen-Graphen unter bestimmten Bedingungen von einem metallischen Leiter in einen Isolator verwandelt.
In diesem Zustand ordnen sich die Elektronen nicht mehr zufällig an, sondern bilden ein regelmäßiges, kristallartiges Muster - einen sogenannten Wigner-Kristall. Besonders bemerkenswert ist, dass dieser Zustand zusätzlich topologische Eigenschaften aufweist, die sich in charakteristischen magnetischen Signaturen zeigen. Damit konnte ich erstmals experimentelle Hinweise auf einen bislang nur theoretisch vorhergesagten Quantenzustand beobachten - den sogenannten anomalen Wigner-Hall-Kristall.
Diese Arbeit zeigt, dass selbst einfache, natürlich vorkommende Materialien ein überraschend reiches Spektrum an kollektiven Quanteneffekten aufweisen können - und eröffnet neue Perspektiven für das Verständnis und die gezielte Kontrolle von Elektronenkorrelationen in der Festkörperphysik.“
Die beiden hochqualifizierten jungen Wissenschaftlerinnen haben die Preise zurecht verdient und gehören nun zum Fellowship der Ingrid zu Solms Stiftung.