Die Sepsis-Sterblichkeit ist viel zu hoch
Sepsis-Stiftung fordert Maßnahmen zur Reduzierung
Aus einer Analyse von 10.000 Krankenakten im Rahmen des Innovationsfonds-Projekts „OPTIMISE“ geht hervor, dass die Sepsis-Häufigkeit in Deutschland deutlich unterschätzt wird und es eine große Zahl an vermeidbaren Todesfällen gibt. Für den Vergleich der Sepsis-Häufigkeit und -Sterblichkeit wurden Studien aus Schweden, Australien und den USA herangezogen. Die Sepsis-Stiftung fordert daher u.a. die konsequente zeitnahe Umsetzung der Krankenhausstrukturreform sowie gesetzgeberische Maßnahmen zur verpflichtenden Schulung von medizinischem Personal.
Übertragung der Sepsis-Zahlen auf Deutschland
„In den Krankenakten aus den zehn an der Studie beteiligten Krankenhäusern waren lediglich 50 Prozent der durch Fachexperten identifizierten Sepsis-Fälle auch von den behandelnden Ärzten mit der Diagnose Sepsis versehen. Der vom statistischen Bundesamt zur Abschätzung der Häufigkeit von Krankheiten und von den Krankenhäusern zur Kostenabrechnung genutzte Diagnosecode für Sepsis war nur bei einem Drittel der sepsis-bedingten Krankheitsfälle dokumentiert“, fasst Projektleiter Dr. Daniel Schwarzkopf vom Universitätsklinikum Jena das Ergebnis zusammen.
Unter der Annahme, dass die Daten für Deutschland repräsentativ sind, bedeutet dies, dass in Deutschland jährlich über 500.000 Menschen eine Sepsis erleiden, auf Basis der beobachteten Krankenhaussterblichkeitsrate von 27,8 Prozent mindestens 140.000 Betroffene bereits im Krankenhaus sterben und 75 Proszent der etwa 360.000 Überlebenden an erheblichen Langzeitfolgen einer Sepsis leiden. Die in der Studie ermittelte Sterblichkeit ist etwa doppelt so hoch wie in Schweden, Australien und den USA.
Für die Repräsentativität dieser Zahlen für Deutschland spricht, dass die auf einer viel breiteren Datenbasis in Schweden, den USA und auch in anderen Ländern erhobenen Zahlen zur Sepsis-Häufigkeit ebenfalls eine Häufigkeit von über 700 Sepsis-Fällen pro 100.000 Einwohnern zeigen. Bei diesen Zahlen ist zu berücksichtigen, dass derzeit in den meisten Erhebungen die durch Viren bedingte Sepsis – wie z.B. bei COVID-19 und Grippe-Infektionen – nicht erfasst wird. Aus einer Studie zur Krankenhausinzidenz im US-Staat Massachusetts, die während der COVID-19-Pandemie zwischen 2020 und 2022 durchgeführt wurde, geht hervor, dass in dieser Periode 7,1 Prozent aller Krankenhauseinweisungen wegen einer bakteriellen und 1,5 Prozent wegen einer viralen Sepsis durch COVID-19 erfolgten.
Notwendige Maßnahmen zur Reduzierung der Sepsis-Sterblichkeit
Die Sepsis-Stiftung erneuert deshalb die Kernforderungen des Appells https://www.gesundheitsreform.jetzt und unterstützt eine zügige Umsetzung der Krankenhausreform als einer der elementaren Voraussetzungen zur Beseitigung der „Tödlichen Lücken unseres Gesundheitssystems (FAZ). Dies bedeutet:
- Die Umsetzung zentraler Forderungen des Appells www.gesundheitsreform.jetzt/ im Rahmen der Krankenhausstrukturreform wie
- Die Korrektur der ökonomischen Fehlsteuerung und der damit verbundenen Qualitätsmängel und Kostensteigerungen für das Gesundheitssystem
- Die Stärkung der Gesundheitskompetenz der breiten Bevölkerung durch weitreichende Bildungs- und Aufklärungskampagnen zur Früherkennung von Sepsis und Präventionsmaßnahmen wie Impfen in Schulen, Bildungseinrichtungen sowie Erste Hilfekursen durch flächendeckende Beratungsstellen und Aufklärungskampagnen
- Die verbindliche Einführung von regelmäßigen Schulungen des behandelnden medizinischen Personals in der Früherkennung unmittelbar lebensbedrohlicher Erkrankungen, in Kombination mit fachübergreifenden innerklinische Notfallteams durch den Gesetzgeber
- Die Konzentrierung der Behandlung von lebensbedrohlichen Akuterkrankungen wie Sepsis, Herzinfarkt und Schlaganfall in spezialisierten Behandlungszentren. Bei gleichzeitiger Stärkung der fachübergreifenden Basisversorgung und Förderung der regionalen Kooperation durch Vernetzung unter Nutzung der Telemedizin insbesondere, aber nicht nur im ländlichen Raum
- Die strukturelle Stärkung der Notfall-, Infektions- und Rettungsmedizin sowie des Öffentlichen Gesundheitsdienstes
- Die tageszeitunabhängige Verfügbarkeit von laborchemischen und mikrobiologischen Verfahren zur Infektionserreger- und Sepsis-Diagnostik in den Notfallzentren und Krankenhäusern. Diese ist derzeit selbst in der Mehrheit der Krankenhäuser nicht gegeben und trägt zur Verzögerung und inadäquater Therapie sowie zu den meist fatalen Folgen bei.
Alleine die verpflichtende Einführung dieser Forderungen für alle Krankenhäuser hat in Australien im Zeitraum 2000 - 2012 zu einer Halbierung der Sepsis-Sterblichkeit geführt“, betont Prof. Konrad Reinhart, der Vorsitzende der Sepsis Stiftung. Durch eine landesweite Qualitätsverbesserungsinitiative in den Krankenhäusern im Bundesstaat Victoria mit der Devise „An Sepsis denken und schnell handeln“ ließ sich die Krankenhaussterblichkeit bei Sepsis von 17,5 Prozent auf 11,3 Prozent senken. Die Behandlungskosten reduzierten sich dabei um 11,7 Millionen, die Kosten für die Durchführung der Kampagne betrugen 1,8 Millionen . „Qualitätssicherungsmaßnahmen reduzieren nicht nur menschliches Leid, sondern sind in hohem Maße auch kosteneffektiv“, so Reinhart weiter.
“In Dänemark hat sich durch Konzentrierung der Behandlung des Herzinfarkts auf wenige Zentren, in Kombination mit der Etablierung von effektiven Transport- und Kommunikationsstrategien, die Krankenhaussterblichkeit beim Herzinfarkt innerhalb von zehn Jahren von acht praozent auf vier Prozent reduziert. In Deutschland liegt sie weiter bei acht Prozent.
Hintergrundwissen zum Thema Sepsis
Sepsis ist eine lebensbedrohliche Erkrankung, die durch eine überschießende Reaktion des Körpers auf eine Infektion ausgelöst wird und die als Notfall behandelt werden muss. Sie entsteht, wenn die körpereigenen Abwehrkräfte die Ausbreitung einer lokalen Infektion nicht mehr verhindern können. Unbehandelt verläuft eine Sepsis nahezu immer tödlich.
Weitere Informationen und Betroffenen-Berichte finden Sie auf der Website der Sepsis Stiftung: www.sepsis-stiftung.de