Archiv-Kultur

Die Moskau-Connection

Ein Dokument über Deutschlands Weg in die Abhängigkeit

Schade, dass man, außer vielleicht in Nordkorea, die Bevölkerung nicht flächendeckend verpflichten kann, bestimmte Bücher zu lesen. Na gut, Nordkorea muss ja nicht gleich sein, aber wenigstens wärmstens empfehlen oder, noch milder ausgedrückt, ans Herz legen darf man dem geneigten Leser besonders interessante Titel schon wie in unserem Falle hier „Die Moskau Connection – das Schröder-Netzwerk und Deutschlands Weg in die Abhängigkeit“.
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\"Die Moskau-Connection\" sollte auch Anlass für eine eingehende Aufarbeitung dieses unrühmlichen Kalpitels deutscher Geschichte sein.
Foto: Verlag C.H. Beck

Über die Verbindungen und Sympathien deutscher Politiker zu Putins Reich der Finsternis wird ja schon seit langem berichtet, dementiert, Neues entdeckt, abgeschwächt, frech gelogen, Erstaunliches geoffenbart. Kurz, eigentlich nichts besonders Neues, über das es sich lohnt, ein Buch zu schreiben. Denkt man. Doch welch ein Irrtum! Man muss sich bemühen, bei der Lektüre der Moskau-Connection nicht den letzten Rest Glauben an die Politik, ja an die Menschen insgesamt zu verlieren.

Was die Autoren Reinhard Bingener und Markus Wehner da sorgfältig und wahrscheinlich auch sehr mühsam recherchiert und detailliert dargestellt haben, kann einen in der Tat sprachlos machen. Aber bevor dies geschieht, noch schnell ein ganz großes Lob für die beiden Autoren dieses Meisterwerks der intensiven Recherche. Wer sind sie: Reinhard Bingener schreibt seit 2008 für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Seit 2014 berichtet der evangelische Theologe als Korrespondent aus Hannover. Und Markus Wehner ist Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in Berlin und berichtet über die Bundespolitik, insbesondere die SPD. Der promovierte Osteuropahistoriker war von Oktober 1999 an fünf Jahre lang Korrespondent der Zeitung in Moskau und schreibt seitdem immer wieder über russische und osteuropäische Themen.

Es ist ein unrühmliches Kapitel deutscher Geschichte, um das es hier geht: Deutschland hat über viele Jahre die Gefahr ignoriert, die von Putins Regime ausging. Es hat die Warnungen seiner europäischen Nachbarn in den Wind geschlagen und sich von russischem Gas immer abhängiger gemacht. Das hat schwere Folgen für die deutsche Energieversorgung, die deutsche Wirtschaft und die Verbraucher, die noch viele Jahre spürbar sein werden. Wie konnte es dazu kommen?

Die Frage klingt rhetorisch, aber in der Tat ist den beiden Autoren das Kunststück gelungen, die Moskau-Connection der deutschen Politik aufzudecken und zu zeigen, wie es zur vielleicht größten Fehleinschätzung der deutschen Außenpolitik nach 1949 kam. Im Zentrum der großen Recherche: Gerhard Schröders verhängnisvolles Netzwerk in Politik und Wirtschaft.

Ein Bild sagt oft mehr als tausend Worte heißt es. Das gilt auch für das Foto (von Daniel Pilar, Hannover) auf dem Cover: Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder verabschiedet den russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin im Café des Artistes in Berlin am 25.11.2010 nach einem gemeinsamen Abendessen mit einer innigen Umarmung. Daneben steht der ehemalige Major des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, Matthias Warnig. Über diesen und diese Szene ist im Buch auch zu lesen.

Weil wir schon bei Bildern sind: Das Buch enthält auch mehrere Fotos im genannten Duktus, zum Beispiel auf Seite 178 Außenminister Sergei Lawrow und Frank Walter Steinmeier 2016 bei der Münchener Sicherheitskonferenz auf Tuchfühlung, sprich sie tätscheln sich liebevoll die Arme, fotografisch festgehalten von dem freien Foto- und Videojournalisten Marc Müller, mueller.photo). Oder auf Seite 189 mit der Bildunterschrift „Autogramm auf Augenhöhe“ ein skurriles Foto von Vizekanzler Gabriel mit Putin, das Bände spricht, einfach unwirklich! Im richtigen Moment auf den Auslöser gedrückt hat hier Thomas Imo (picture alliance/photothek).

Es hat schon seine Gründe, dass die Moskau-Connection allein in diesem Jahr, obwohl erst am 16. März auf den Markt gekommen, bereits in fünfter Auflage erschienen ist. Denn wer möchte nicht wissen, wie es zu all dem kommen konnte, welche Rolle Gerhard Schröder als SPD-Bundeskanzler und späterer Gas-Lobbyist mit seinem weitverzweigten Netz in Politik und Wirtschaft spielte, warum Kanzlerin Angela Merkel keinen weitsichtigeren Kurs einschlug?

Und ganz besonders spannend zu lesen und zu erfahren ist auch, welche geschäftlichen und politischen Verbindungen, aber auch welche wirtschaftlichen und strategischen Interessen dazu führten, dass Deutschland auf Putin setzte, obwohl er schon vor seinem feigen Überfall auf die Ukraine Kriege geführt, die Opposition ausgeschaltet und freiheits- und Menschenrechte missachtet hatte?

Fazit: Wer dieses Buch nicht liest, ist selber schuld. Kompetent mitreden zum Thema kann und sollte er dann aber fürderhin auch nicht.

(„Die Moskau-Connection“ von Reinhard Bingener und Markus Wehner, Verlag: C.H. Beck, 304 Seiten, zehn Abbildungen, eine Karte, ISBN 978.3.406.79941.9, Broschur 18 Euro, e-book 12.99 Euro)