Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk im Schauspiel Frankfurt
Kleiner Soldat gegen Machtapparat
Simples Gemüt mit scharfem Verstand, so könnte Soldat Schwejk beschrieben werden. Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg, dieser unvollendete, antimilitaristische Schelmenroman machte den tschechischen Schriftsteller Jaroslav Hašek (1883-1923) berühmt.
Teil I
Schwejk ist zeitlos. Der erste Teil des Theaterabends beginnt mit dem Hašek’schen Švejk.
Großartig, was sich Regisseur Jan-Christoph Gockel da ausgedacht hat – nämlich er lässt einen Stummfilm drehen, in dem Wolfram Koch überzeugend, lebendig, witzig, kühl und menschlich agiert. Große Leistung. Der Stummfilm, den Eike Zuleeg gedreht hat, ist erstaunlich authentisch, weist Kratzer auf. Die Antworten auf die Fragen an den braven Soldaten Schwejk werden mit Antworttafeln filmisch gezeigt. Zum Beispiel die Antwort auf die Frage: „Sind sie ein Idiot?“ - „Melde gehorsamst, dass ja. Ich bin von einer Kommission für völlig blödsinnig erklärt worden“ und „Melde gehorsamst, dass ich überhaupt nicht denke.“ In allen drei Teilen des Abends ist Koch als Schwejk dabei, der einzige ohne Maske, aber mit Helm und Gewehr.
Dieser Schwejk hat autobiografische Züge. Sein Autor war selbst Soldat in der k.u.k. Armee, Missstände kritisierend, Deserteur, des Hochverrats angeklagt, zeitweise mit Hunden handelnd, übergriffiger Alkoholkonsum.
Mit List und Witz, übertriebenem Gehorsam schlägt Schwejk sich durch den Ersten Weltkrieg, dessen Geschütz die „Dicke Bertha“ ein Herzstück des Bühnenbildes ist. Bühnengestalterin Julia Kurzweg hat sie Bühne füllend realisieren lassen. Toll. Lichteffekte von Marcel Heyde und Kostüme, die Janina Brinkmann entwarf, komplettieren das Geschehen.
Teil II
Der deutsche Schriftsteller, Publizist, Satiriker und Kabarettist Kurt Tucholsky (1890-1935), Autor von Schloß Gripsholm, Antimilitarist, dennoch Soldat, Exil, war ein großer Verehrer von Jaroslav Hašek.
Ein anderer war Bertolt Brecht (1898-1956). Im amerikanischen Exil begann er 1943 ein Schweyk-Stück zu schreiben, an dem er auch im Zweiten Weltkrieg weiterschrieb. Noch in Berlin lebend hatte Brecht mit Intendant und Regisseur Erwin Piscator (1893-1966) an dessen Schwejk-Projekt mitgearbeitet, an dem auch der Künstler George Grosz (1893-1959) beteiligt war. Brecht und Piscator planten, den Stoff sogar zu verfilmen. Uraufgeführt wurde Brechts Schweyk (Suhrkamp 1955) nach seinem Tod 1957 in Warschau. Die deutsche Erstaufführung brachte 1959 Intendant Harry Buckwitz (1904-1987) in Frankfurt zur Aufführung. Hanns Eisler (1898-1962) komponierte noch eigens Stücke dazu (Musik und Hörspiel Matthias Grübel). Über diese westdeutsche Aufführung spricht der Verleger Karlheinz Braun (*1932), einst Lektor bei Suhrkamp, dann Mitbegründer des Verlags der Autoren, per Video.
Im Teil II ist Annie Nowak eine fantastische Moderatorin und die kratzige Stimme von Hitler, der als kleine Marionetten-Puppe auftritt. Auch wieder eine tolle Idee der Regie, die Puppenschöpfer Michael Pietsch grandios umsetzt. Vorgeführt werden die Nazis als Monster in einer Kneipe in Prag. Die Ganzkörper-Verkleidung, auch superb gemacht, nimmt allerdings diesen Szenen die sprachliche Vertiefung und sind manchmal überspitzt. Schauspielerisch dagegen Spitze.
Im Gespräch zwischen dem Historiker Götz Aly, Regisseur Jan-Christoph Gockel und Dramaturgin Katrin Spira wird ergründet, wie die Verbrechen der Nazizeit geschehen konnten (Programmheft S. 20-24; Buchtipp Götz Aly „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933-1945 – S.Fischer). „Es ist schon viel, wenn man überhaupt noch da ist heutzutage. Da ist man leicht so beschäftigt mit Überleben, dass man zu nix anderem kommt.“ (S.25)
Teil III
Schlachtfeld von heute. Schwejk kommt nach Bachmut. Die alte Stadt im Osten der Ukraine griffen russische Soldaten zehn Monate lang an. Von 60.000 Toten ist die Rede. Bachmut wurde fast völlig zerstört. „Je näher wir Bachmut kamen, desto mehr Leichen lagen auf dem Schlachtfeld“ (Zitat S.30). Unter fadenscheinigen Versprechungen lockte die russische Regierung ihre Soldaten zum Kampf in diese Stadt. Ihre authentischen Gespräche mit Vertrauenspersonen, alle Namen bleiben verborgen, sind Thema dieses Teils. „Bachmut war eine Hölle wie Verdun und Stalingrad – nur im Jahr 2023“ (S.9).
„Kann man den Soldaten, den wir hier Schwejk nennen, einen Idioten nennen? … Wer wäre Schwejk heute?“ (S.9).
Der Theaterabend dauert drei Stunden und 30 Minuten mit einer Pause. Der intensive Spannungsbogen der Inszenierung lässt keinen Moment zu, unkonzentriert zu sein. Nachdenklich, aber begeistert, verließ das Publikum das Theater.
Weitere Aufführungen am 2., 5., 11., 23. Oktober 2026, mehrere Termine im November.
Online-Karten www.schauspielfrankfurt.de
Vorverkauf Willy-Brandt-Platz Mo-Fr 10-18 Uhr, Sa 10-14 Uhr. Telefonischer Vorverkauf: (069)212-49494
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