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Letzte Aktualisierung: 18.02.2020

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Der Struwwelpeter musikalisch

Exzellente Aufführung der Volksbühne

von Karl-Heinz Stier

(28.01.2020) Wer den Struwwelpeter für sich gelesen oder seinen Kindern vorgelesen hat, der wird schon einigermaßen überrascht sein, wenn er durch die verzögerte Eröffnung die vorgezogene erste Aufführung der „Volksbühne im Großen Hirschgraben“ als Kinderbuchklassikers erlebt hat.

Bildergalerie
Das Bühnenbild mit dem Ensemble Modern und den Akteuren Quast und Fischmann
Foto: Niko Neuwirth
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Michael Quast und Sabine Fischmann in Aktion
Foto: Niko Neuwirth
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Der Struwwelpeter von dem Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann war ja lange Zeit als „schwarze Pädagogik“ verschrien. Dennoch hat er die Kinderzimmer im Nu erobert und wurde in viele Sprachen übersetzt. Zappelphilipp, Suppenkaspar, Daumenlutscher Konrad, Paulinchen oder Hans-Guck-in-die-Luft sind in die Deutsche Umgangssprache eingegangen und nicht mehr wegzudenken. Die Stadt Frankfurt ist stolz auf ihren Sohn und hat ihm ein eigenes Museum eingerichtet.

Was lag da näher, als das die Volksbühne die gruseligen Geschichten von unartigen Kindern nunmehr auf die Bretter im renovierten Cantate-Saal-Theater bringt. Um es vorweg zu sagen: Michael Quast und Sabine Fischmann bringen in einer Drastigkeit, Dramatik und mit Witz und Komik „den Peter“ in einem Parforce-Ritt über die neue Bühne. Ohne die Kooperation mit dem Ensemble Modern aus Frankfurt, den exzellenten Interpreten moderner Musik, wäre das nicht denkbar. Sie haben den 125 Jahre alten Text vertont und ihm Spaß und Temperament verliehen. Das Ensemble gibt auch - dem Ohr willkommen - musikalisch den Auftakt, während Quast und Fischmann umherlaufen, traditionell tanzen oder im Duett. Quast ließ es sich sogar nicht nehmen,  kurzzeitig die Musiker zu dirigieren.

Doch dann beginnen Hoffmanns Geschichten und die damit einhergehenden drolligen Bilder und instrumentalen Begleitmelodien der zehn Figuren. Auf Zeichnungen aus dem Buch kann die Inszenierung verzichten, die Aktionen werden lebendig dargestellt oder durch bemalte Utensilien wie Schießgewehre, Sonne, Schirme, Mappen, Scheren oder Fische ersetzt, die die Akteure aus dem Hinterteil der Bühne hervorzaubern oder zu der die Musik zu manchen Geschichten aufspielt und zwischendrin mit bekannten klassischen und modernen Musikstücken erläutert und untermalt. So zum Beispiel wenn Minz und Maunz, die Katzen, weil das Paulinchen vom Zündholz nicht lassen kann, ihren Tod beweinen, und „ihre Tränen fließen, wie’s Bächlein auf den Wiesen“. Da erklingt aus Smetanas „Moldau“ die bekannte Melodie, oder wenn der Böse Friederich den Fliegen die Flügel und sogar Vögel tot schlägt, ertönt die Mundharmonika aus Ennio Morricones Western „Spiel mir das Lied vom Tod“. Bei sich anschickenden Drohungen oder nervöser Heiterkeit ist das Ensemble in seinen Aussagen nicht zu bremsen.

Immer wieder wird mit Worten gespielt. Zum Beispiel Sabine Fischmanns jaulende Hundetöne zur Geschichte vom bösen Friedrich oder wie sie sich in kurzer Zeit in das Hoppel-Häschen verwandelt. Bewundernswert auch  ihre  mimischen oder tänzerischen Einlagen zu einzelnen Struwwelpeter-Geschichten. Ihr beschwingtes Amüsement forderte das Publikum oft zu Szenenapplaus heraus.

Exzellent die Begebenheiten vom „fliegenden Robert“, den der Sturm mit seinem Schirm - voran sein Hut - in die weite Welt trägt, bis er nicht mehr zu sehen ist. Feinfühlig dazu die einfühlsame Musik und die Textstellen von Michael Quast. Er lässt den Wind quasi über die Bühne fliegen. Er flattert auch als Vogel oder miaut als Kater – unter der musikalischen Begleitung des Dirigenten-Trio vom Ensemble Modern mit Uwe Dierksen, Christian Hommel und Hermann Kretzschmar. Ihr Orchester mutiert von einer aufwühlenden Rockband schnell zur einsamen Flöte.

Quast vergisst auch nicht den Lebenslauf vom Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann zu rezitieren. Jener kämpfte energisch für Reformen in der Psychiatrie. Den Struwwelpeter schrieb er, weil er im Dezember 1844 in den Frankfurter Buchläden nichts Passendes, nur „alberne Bildersammlungen, moralische Geschichten“ für sein Sohn fand. So schrieb und zeichnete er selbst und legte dem dreijährigen Kind fein gebunden eine Sammlung von zehn Kurzgeschichten unter den Weihnachtsbaum. Vor allem die erwachsenen Bekannten waren begeistert und ein  befreundeter Verleger überredete Hoffmann zur Veröffentlichung. So begann der Struwwelpeter eher zufällig seinen Siegeszug um die Welt. Über die drastischen Abenteuer und über die Erziehungsmethoden bzw. Absichten des Autors wird noch heute in Pädagogikseminaren gestritten. Übrigens Hoffmanns Freundeskreis nannte sich „Tutti Frutti“. Jeder trug den Namen einer Obst– oder Gemüsesorte. Hoffmann selbst hieß „Zwiebel“.

Die Aufführung ist stets anregend, nie langweilig. Quast bezeichnete den Struwwelpeter als ein „Sahnehäubchen“. Es sei ein Quantensprung, wenn eine freie Truppe ein eigenes Haus eröffnen könne. Die gemeinsame Produktion mit Regisseur Matthias Faltz und dem Ensemble Modern sei wegweisend. „Die Zusammenarbeit verschiedener Frankfurter Künstler und Künstlerinnen, die mit einem alten Stoff etwas Zeitgenössisches machen. ist für ein neues Theater programmatisch ein Paukenschlag.“ Dem kann nur zustimmt werden.

Infos unter Volksbühne im Großen Hirschgraben, Großer Hirschgraben 19, 60311 Frankfurt am Main
Tel. (069)24142435 oder www.volksbuehne.net  und  www.barock-am-main.com