Der langsame Verfall einer Familie – „Buddenbrooks“ im Schauspielhaus
Mit der Premiere von „Buddenbrooks“ am 25. April 2026 bringt das Schauspielhaus einen der großen Romane der Weltliteratur erneut auf die Bühne. In der Bühnenfassung von Johanna Wehner wird Thomas Manns Jahrhundertwerk nicht nur als Familienchronik erzählt, sondern als vielschichtiges Panorama einer Gesellschaft im Umbruch – und als zeitloses Stück über Werteverlust, Generationenkonflikte und die Frage, was Erfolg eigentlich bedeutet.
Im Zentrum steht ein Satz, der wie ein moralischer Grundpfeiler über dem Leben der Handelsdynastie Buddenbrook schwebt: „Sei mit Lust bei den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, dass wir bei Nacht ruhig schlafen können.“ Jahrzehntelang sicherte dieses hanseatische Credo Wohlstand und gesellschaftliches Ansehen. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt es zu bröckeln. Thomas Buddenbrook, Urenkel des Firmengründers, sieht sich bei einem Jubiläum dem steinernen Leitspruch gegenüber – und zugleich den Folgen einer verhängnisvollen Spekulation. Der Kauf einer unreifen Ernte, durch Hagel vernichtet, markiert den Anfang vom Ende des einst florierenden Handelshauses.
Parallel zum wirtschaftlichen Niedergang erzählt die Inszenierung vom inneren Zerfall der Familie über vier Generationen hinweg. Die einstmals klaren Lebensentwürfe lösen sich auf, die Interessen der Kinder und Enkel driften auseinander. Wo früher Pflicht, Ordnung und Geschäftssinn dominierten, treten nun Kunst, Ästhetik, Krankheit und eine leise Todessehnsucht in den Vordergrund. Der wirtschaftliche Verfall wird zum Spiegel eines umfassenderen Wertewandels – einer Gesellschaft, die sich verändert und dabei ihre alten Sicherheiten verliert.
Johanna Wehner, die in Frankfurt zuletzt mit „Dracula“ und „Hiob“ überzeugte, ist für ihre vielstimmigen, präzisen Romanbearbeitungen bekannt. Auch bei den „Buddenbrooks“ setzt sie nicht auf Verkürzung, sondern auf Verdichtung. Thomas Manns detailreiche, oft humorvolle Sprache erhält Raum, gleichzeitig wird die weit verzweigte Familiengeschichte mit einem großen Ensemble auf der Bühne lebendig gemacht. Regie und Dramaturgie folgen dabei weniger einer linearen Nacherzählung als einem szenischen Geflecht aus Erinnerungen, Brüchen und Übergängen.
Unterstützt wird die Inszenierung von einem markanten Bühnenbild (Daniel Wollenzin), das zwischen repräsentativer Kaufmannswelt und innerer Leere changiert, sowie von Kostümen (Ellen Hofmann), die soziale Zugehörigkeit ebenso sichtbar machen wie den schleichenden Bedeutungsverlust. Die Musik von Vera Mohrs verstärkt die melancholische Grundstimmung, ohne sich in Nostalgie zu verlieren.
Dass Thomas Mann den Roman bereits mit 23 Jahren schrieb und ihm später der Nobelpreis zuerkannt wurde, steht heute sinnbildlich für die nachhaltige Wirkung dieses Textes. „Buddenbrooks“ ist mehr als ein historischer Stoff – er stellt Fragen nach Verantwortung, nach familiären Bindungen und nach dem Preis des Erfolgs, die auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben.
Mit Christoph Bornmüller, Heidi Ecks, Stefan Graf, Tanja Merlin Graf, Anna Kubin, Johanna Link, Christoph Pütthoff und Matthias Redlhammer steht ein starkes Ensemble auf der Bühne, das die Figuren nicht museal, sondern gegenwärtig interpretiert. Die kommenden Vorstellungen im Mai zeigen: Der langsame Verfall der Buddenbrooks bleibt ein eindringliches Bild – und vielleicht auch eine leise Mahnung an eine Gesellschaft, die sich zwischen Tradition und Aufbruch neu orientieren muss.
Weitere Vorstellungen: 1., 8., 13., 17., 22., 30. und 31. Mai 2026
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