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Letzte Aktualisierung: 15.07.2024

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Der Historiker Dr. Jan Gerchow hinterlässt eine große Erbschaft

Nach 19 Jahren geht der Direktor des Historischen Museum Frankfurt in den Ruhestand

von Ralph Delhees

(05.07.2024) Die Religionskriege, die Zeit der Aufklärung, die Umwälzungen in Napoleonischer Zeit, die Freiheitsbewegungen und natürlich die Frankfurter Geschichte, wobei er hier gerne beim Sturm auf die Hauptwach 1833 dabei gewesen wäre. Mehr über die Bewegung der Frankfurter Revolte und ihre Zeit interessieren, sind aber heute nicht mehr so leicht in Erfahrung zu bringen. Dafür weiß der Historiker Dr. Jan Gerchow mehr über Frankfurt und dies nicht nur aus den vergangenen fast 20 Jahren seines Wirkens.

Das Bild wurde mit freundlicher Genehmigung der Pressestelle des HMF aus der „Schneekugel“ Juli 2024, dem zwei Mal im Jahr erscheinenden Journal des Museums entnommen.
Foto: HMF
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Bis zum 11. Juli wird er noch Direktor des Historischen Museum Frankfurt sein und dann nach 19 Jahren in den Ruhestand gehen. Zeit sich der Familie zu widmen, der Musik, hier sei nur u.a. genannt die Cello-Suite Nr. 1 in G-Dur, BWV 1007, Präludium von Johann Sebastian Bach. Aber auch die Wissenschaft wird den Mittelalterhistoriker sicherlich weiterverfolgen.

Dr. Gerchows Wirken in Frankfurt wird immer in Verbindung gebracht werden mit dem Abriss und Neubau des Historischen Museum unter Einbeziehung des Renaissancebaues und der Neuausrichtung und Gestaltung des Museums als sogenanntes „Bürgermuseum". An diesem Freitag wird Dr. Jan Gerchow von der Kulturdezernenten Ina Hartwig in einer kleinen Feierstunde verabschiedet und eine Woche später verabschiedet sich der Direktor von seinen Mitarbeitern persönlich. Nach fast zwei Jahrzehnten, so nach eigener Aussage, ist Dr. Jan Gerchow Frankfurter geworden und es wird bestimmt ein Koffer hier stehen bleiben, „denn die Stadt hat viel zu bieten."

Geschichte, Germanistik und Philosophie als Studienfächer
Dr. Jan Gerchow ist gebürtiger Braunschweiger (Jahrgang 1958), er studierte zwischen 1978 und 1984 an den Universitäten Freiburg und der University of Durham (England) Geschichte, Germanistik und Philosophie. In Freiburg promovierte er über „Die Gedenküberlieferung der Angelsachsen.“ Seine berufliche Vita führte ihn zwischen 1985 und 1990 an den Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte I als Wissenschaftlicher Assistent. In Freiburg. 1990 wechselte er zum Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen, wo er bis 1993 als wissenschaftlicher Referent tätig war. 1993 übernahm er die Position als Leiter der Abteilung für Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit am Ruhrlandmuseum Essen. Seit April 2005 ist Gerchow Direktor des Historischen Museums der Stadt Frankfurt am Main. Er ist Mitglied der Frankfurter Historischen Kommission und weiterer Institutionen. Dr. Gerchow wurde 2007 der KAIROS-Preis, der Europäischer Kulturpreis durch die Alfred Toepfer Stiftung F. V. S. in Hamburg verliehen und 2020 bekam er in Anerkennung den Stiftungspreis „Das beste Heimatmuseum“.

Für Frankfurt und das HMF war es ein Glücksfall den Historiker Gerchow mit der Führung des Museums zu betrauen. Frankfurt bietet immer etwas Neues, ist vielfältig und eine aufgeschlossene Stadt mit ihren Bürgern, die aus allen Richtungen und Herren Ländern hier leben. dies mag der scheidende Direktor von Anfang an und gegen Abwerbeversuche u.a. aus Berlin, München und Basel blieb er standhaft. Dr. Gerchow lockte an Frankfurt u.a. die kuratorische Freiheit, die es in vielen Museen nicht gibt. Geschaffen hat er in seiner Zeit ein Geschichts- und Stadtmuseum, das seiner gleichen Sucht und Vorbild für Museen in aller Welt ist. Frankfurt war eine Herausforderung für ihn insbesondere in der Zeit des Neubaus, bei dem 2012 bei Grabungsarbeiten die Hafenanlage aus der Stauferzeit inmitten des Alt- und Neubaus ausgegraben wurde.

Dem „Hier und Jetzt“ eine Ausstellungsfläche geben
2018 wurde der Neubau eröffnet und das mit der Leitidee, Stadtgeschichte nicht linear zu dokumentieren, sondern vielmehr die unterschiedlichen Aspekte und Ansichten einer Stadt herauszuarbeiten. Wichtig war: Dem Hier und Jetzt der Stadtentwicklung eine eigene Ausstellungsfläche unter Bürgerbeteiligung zu geben.

Geschaffen wurden Ausstellungsthemen, die besonders ansprechen und die Stadt in verschiedenen unterschiedlichen Facetten wiederspiegeln. Besonders die Stadtgeschichte der Gegenwart wird dargestellt und die Vergangenheit geschickt mit einbezogen.

Unvollständig wäre, wenn nicht einige der Ausstellungen mit der Handschrift von Dr. Gerchow, in denen er auch Kurierte genannt würden aus der letzten Zeit: „Frankfurt Jetzt“, „NS-Ausstellung 2021“, „100 Jahre Inflation“, „150 Jahre Paulskirche“. Das HMF ist ein „elastisches Museum“ das immer in Bewegung ist und durch seine Wechselausstellungen von heute auf die Gegenwart schaut, bei denen differenzierte Sichtweisen dargestellt werden.

HMF-Direktor Jan Gerchow verabschiedet sich in einem Beitrag in der „Schneekugel“ – der mit freundlicher Genehmigung des HMF im Wortlaut hier veröffentlicht wird:
Der 1972 eröffnete „Betonbau“ des Historischen Museum wurde wegen seiner Sichtbetonfassade von vielen Frankfurterinnen und Frankfurtern abgelehnt. Innen gab es aber sehr schöne Büros mit wunderbaren Ausblicken auf die Stadt. Den schönsten Blick hatte ich von meinem Büro an der Nordwestseite des Dachgeschosses aus. Ich genoss ihn jeden Arbeitstag von meinem Amtsantritt als Direktor im April 2005 bis zum Abriss im Frühjahr 2011. Schon damals habe ich mir gesagt, dass dieser Blick eigentlich den Besuchenden des Museums gehören sollte. Und als wir dann ein neues Museum planen und bauen konnten, kämpften wir darum, allen Menschen diesen Anblick zu ermöglichen. Und es ist uns gelungen. Dieser „Viewpoint“ an der Westfassade in Ebene 3 des neuen Ausstellungshauses ist einer der schönsten Orte im neuen Museum und mein Lieblingsort.

In meinen fast 20 Jahren als Direktor des HMF gab es nicht nur bauliche Veränderungen. Wir haben das 1878 gegründete HMF auch zum modernen Stadtmuseum umgebaut – mit neu entwickelten Formaten zur kulturellen Teilhabe vieler Menschen, wie dem gegenwartsorientierten Stadtlabor, den Familientouren und den Inklusionsangeboten. Dabei haben wir die schon seit den 1970er Jahren entwickelte Kompetenz, große historische Themen für ein überregionales Publikum in Form von großen Ausstellungen zu spielen, nicht vergessen, sondern als zweites Standbein weiterentwickelt.

Das Historische Museum mit seinem großartigen Team auf diesem erfolgreichen Weg begleitet zu haben, das macht mich ein wenig stolz - und zugleich wehmütig, weil ich es nun für einen neuen Lebensabschnitt verlasse. Den Aussichtspunkt und die vielen noch kommenden Ausstellungen werde ich aber sicher auch in den nächsten Jahren immer wieder besuchen.

Anerkennung
Dr. Gerchow hinterlässt dem Historischen Museum Frankfurt – das eines der ältesten Historischen Museen ist und seine Anfänge 1877 nahm - große Erbschaft an seinen Nachfolger, der bereits feststeht und der am 1. Januar 2025 seine Arbeit aufnimmt. Der Autor des Beitrages zum Abschied von Dr. Jan Gerchow als Direktor des HMF hat den Versuch unternommen, eine Würdigung in Kürze darzustellen, wobei die Übernahme des Beitrages von Dr. Gerchow in der Anfang Juli erschienenen Schrift des HMF „Schneekugel“ einen respektablen Überblick des Schaffens aus eigener Sicht gibt. Der Autor zollt Dr. Gerchow seine Anerkennung und Respekt für seine Innovationen, die dem Zeitgeist eines engagierten Historikers entsprechen, der es nicht scheute, auch Themen zu bearbeiten, die insbesondere die dunkle Vergangenheit sehr evident darstellten. Dabei sollen die vorherigen Amtsträger, Dr. phil. Hans Stubenvoll (1960 -1982) und Prof. Rainer Koch (1983 – 2005) – die der Autor dieser Zeilen als Journalist begleitete - keinesfalls in den Schatten ihrer Berufungen gestellt werden, die sich in einer sozial-kulturellen Zeitschiene der damaligen Darstellung von Historie und Museumsgestaltung befanden.

Anm.: Zum Lebenslauf wurde u.a. Wikipedia verwendet und Informationen aus einem Podcast aus dem Hessischen Rundfunk.