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Letzte Aktualisierung: 16.04.2024

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Der Hip-Hop wird 50

Die Schirn zeigt den tiefgreifenden Einfluss auf Kunst und Kultur im 21. Jahrhundert

von Ralph Delhees

(04.03.2024) „The Culture“ nennt sich die neueste Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt die am Mittwochabend eröffnet wurde. Unter dem Namen kann man sich viel vorstellen, aber es bedeutet etwas ganz Besonderes, eine Hommage an den Hip-Hop, der in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag begeht.

Ausstellungsansicht
Foto: Schirn Kunsthalle Frankfurt 2024 / Emily Piwowar / NÓI Crew
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Es handelt sich um eine große interdisziplinäre Ausstellung, die sich mit dem Hip-Hop und seinem tiefgreifenden Einfluss auf die aktuelle Kunst und Kultur unserer Gesellschaft beschäftigt. Die Schirn ist der einzige Ausstellungsort von „The Culture“ in Deutschland und ist mit zahlreichen inner- wie auch außerhäuslichen Programmpunkten bis zum 26.Mai zu besuchen. Rund 170 Künstler stellen mit farbenfrohen kräftigen Bildern, Graffitis, Mode, Fotos, Musik, Klunker-Schmuck, Macho-Sprüchen, das Phänomen Hip-Hop vor.

Hip-Hop entstand in der Bronx im New York der 1970er-Jahre als kulturelle Bewegung unter Schwarzen und lateinamerikanischen Jugendlichen. Durch große Blockpartys entwickelte er sich schnell zu einer Kultur, die auf den vier Säulen MCing oder Rappen, DJing, Breaking oder Breakdance und Graffiti gründet. Von Anfang an übte Hip-Hop Kritik an vorherrschenden Strukturen und kulturellen Erzählungen und bot neue Möglichkeiten, um diasporische Erfahrungen auszudrücken und Alternativen zu bestehenden Machtverhältnissen zu schaffen. Dies ging mit einem wachsenden sozialen und politischen Bewusstsein sowie Wissensbildung einher, die als fünfte Säule gelten.

Heute ist Hip-Hop ein globales Phänomen, das zahlreiche Innovationen in Musik, Mode, Technologie sowie bildender und darstellender Kunst vorangetrieben hat. Basierend auf den Ursprüngen des Hip-Hops in den USA präsentiert die Ausstellung „THE CULTURE“ über 100 Arbeiten zumeist aus den letzten 20 Jahren, darunter Gemälde, Fotografien, Skulpturen und Videos sowie Mode von international bekannten Künstlerinnen und Künstlern der Gegenwart, darunter Lauren Halsey, Julie Mehretu, Tschabalala Self, Arthur Jafa, Kahlil Joseph, Virgil Abloh und Gordon Parks. Sie gliedert sich in die sechs Themenbereiche Pose, Marke, Schmuck, Tribut, Aufstieg und Sprache. „THE CULTURE“ beleuchtet die politischen, kulturellen und ästhetischen Merkmale, die Hip-Hop zu einem globalen Phänomen gemacht und ihn als künstlerischen Kanon unserer Zeit etabliert haben. Die Ausstellung greift zudem zeitgenössische Themen und Debatten auf – von Identität, Rassismus und Appropriation bis hin zu Sexualität, Feminismus und Empowerment.

Die Ausstellung „TheCulture Hip-Hop und zeitgenössische Kunst im 21. Jahrhundert“ wird gefördert durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain mit zusätzlicher Unterstützung von Deutsche Börse Group. Sebastian Baden, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt, betonte bei der Vorstellung der Ausstellung: „Hip-Hop ist eine gesellschaftlich prägende und einflussreiche kulturelle Bewegung, die in der Schirn erstmals in Deutschland in einem künstlerischen Ausstellungskontext zu sehen ist. Wir zeigen zusammen mit internationalen Partnerinnen und Partnern den großen Einfluss, den Hip-Hop auf die zeitgenössische Kunst und die Pop-Kultur der letzten 20 Jahre hatte. Mit einem umfassenden Rahmenprogramm greift die Schirn zudem Aspekte der lokalen Hip-Hop-Szene auf – ihre Verbindungen, aber auch die Unterschiede zur US-Geschichte sowie zeitgenössische Debatten über Empowerment und Identität.“

Die Kuratorin Andréa Purnell (Community Collaborations Manager) sprach davon, das der Einfluss des Hip-Hop auf die Kultur so maßgeblich ist, dass er zu einem neuen Kanon geworden ist. „Dieser“, so Purnell, „mit der westlichen kunsthistorischen Tradition, an der sich viele Museen orientieren und ihre Ausstellungen entwickeln. Hip-Hop zeigt alternative Ideale hinsichtlich künstlerischer Qualität und Exzellenz, die sich auf Afro-lateinamerikanische Identitäten und Geschichten konzentrieren. Die Ausstellung ‚The Culture‘ verdeutlicht, dass viele der überzeugendsten bildenden Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart sich in ihrer Praxis direkt mit diesem Kanon auseinandersetzen. Die visuelle Kultur des Hip-Hop mit ihren subversiven Taktiken und ihrem Einsatz für soziale Gerechtigkeit taucht überall in der heutigen Kunst auf, in Malerei, Performance, Mode, Architektur ebenso wie auch in der Technologie."

In sechs Sektionen präsentiert sich die Ausstellung

„THE CULTURE“ präsentiert in sechs Sektionen künstlerische Arbeiten in einem dynamischen Dialog mit Mode und historischen Ephemera. Einige Werke stehen in direktem Bezug zu Hip-Hop-Songs, die in der Ausstellung über QR-Codes aufgerufen und angehört werden können. Unter die modischen Highlights der Ausstellung fallen u. a. Looks aus den Kollektionen von Virgil Abloh für Louis Vuitton, der legendären Streetwear-Marke Cross Colours sowie von Daniel „Dapper Dan“ Day und Gucci. Zu den berühmten historischen Ephemera gehören eine Kopie des Albums Beat Bop / Test Pressing (1983) von Jean-Michel Basquiat und Rammellzee, ein Vivienne Westwood Buffalo Hat (1984), den Pharrell Williams bei der Grammy-Verleihung 2014 berühmt machte, und mehrere von Lil’ Kims ikonischen Perücken, nachgestaltet von der Original-Hairstylistin Dionne Alexander.

Die künstlerischen Arbeiten in der Sektion „Pose“ untersuchen, was sich über Gesten, Körperhaltung und die Art, wie sich jemand präsentiert, vermittelt. Binärgeschlechtliche und rassistische Stereotype, werden erforscht und ausgelotet die Grenze zwischen Wertschätzung und Aneignung. die Beziehung zwischen Publikum und Darstellerinnen/Darsteller betrachtet.

Die Differenzierung und Vermarktung kommerzieller Güter
Die Sektion „Marke“ beschränkt sich nicht nur auf die Differenzierung und Vermarktung kommerzieller Güter. Vielmehr umfasst es auch die Art und Weise, wie eine Person die verfügbaren Kommunikationstechnologien einschließlich der sozialen Medien nutzt, um sich in der Öffentlichkeit zu positionieren. In den vergangenen Jahrzehnten fungierten Hip-Hop-Künstlerinnen und Künstler als inoffizielle Werbepartnerinnen und -partnern großer Marken. Sie greifen Konsum, Zurschaustellung von Luxusgütern sowie komplexe und festgefahrene Vorstellungen von Männlichkeit auf, die sich bei vielen Hip-Hop-Stars beobachten lassen.

Konzepte in Frage stellen
Während Stil, so in der Sektion „Schmuck“, durch Klasse und Politik bestimmt wird, kleidet sich kaum eine Kultur so exzentrisch – und so einflussreich – wie der Hip-Hop. Von bunten Perücken bis hin zu den überbordenden Goldketten. Gefeiert wird sowohl das Kunsthaar als selbstbewusste Form des Schmucks in Schwarzen Communities als auch das Haarstyling als eigenständige Kunstform. Der Schmuck im Hip-Hop ist in der Lage, eurozentrischen Schönheitsidealen etwas entgegenzusetzen und Konzepte von Geschmack und gesellschaftlichen Konventionen infrage zu stellen.

Tribut: Was wichtig ist
Die vierte Sektion nennt sich „Tribut“ hier wird in einem Song bis hin zum Porträt von verstorbenen Rap-Legenden auf einem T-Shirt oder als Tattoo – Hommagen, Respekt und „Shout-Outs“ als Zeichen von Dank sind ein wesentlicher Bestandteil der Hip-Hop-Kultur. Solche Verweise zeigen, wer Einfluss hat und wer wichtig ist; sie würdigen und ehren das Erbe und Vermächtnis verstorbener Künstlerinnen/Künstler und schaffen untereinander Netzwerke. Als globale Kunstform ist Hip-Hop zu einem Maßstab für Künstlerinnen und Künstler des 21. Jahrhunderts geworden. Mit dem Tribut an den Hip-Hop wird infrage gestellt, was als schön gilt, wer ikonisch ist und wessen Geschichte wertvoll ist.

In der Sektion fünf wird der „Aufstieg“ angegangen.  Der Tod sowie Vorstellungen von Auferstehung beziehungsweise Aufstieg und dem Leben nach dem Tod tauchen häufig in Hip-Hop-Songs auf: von der Trauer um eine oder einen verstorbenen Freundin oder Freund über die ständige Gefahr, sich als Schwarze Person im städtischen Raum zu bewegen bis hin zu Gedanken über die Unsterblichkeit, die durch Ruhm entsteht. Die Ausstellung zeigt Werke, die von den Themen des spirituellen Aufstiegs in der Kultur inspiriert sind. Auf diese Weise wird Hip-Hop auch als Ausdrucksform, um Verlust zu verarbeiten, zu trauern und zu gedenken benutzt.

Hip-Hop ist eine Kunstform, in der es im Wesentlichen um Sprache, die sechste Sektion, geht: die visuelle Sprache des Graffiti, eine musikalische Sprache, die Scratching und Sampling umfasst, und natürlich das geschriebene und gesprochene Wort. Call-and-Response-Gesänge, gefolgt von Rap-Reimen und Texten, die über die Tracks gelegt werden, bilden die Grundlage für Hip-Hop-Musik. Neben dem Sprechgesang ist eines der erkennbarsten Merkmale des Hip-Hop das Graffiti. Seit den 1970er-Jahren bemalen oder besprühen Graffiti-Writer den öffentlichen Raum mit grellen Farben. Viele Writer signieren ihre Werke mit wiedererkennbaren „Tags“.

Die Schirn zeigt Werke zentraler Elemente des Graffitis auf Papier, Leinwand oder großformatigen Holzplatten. Manche Botschaften sind für alle verständlich, während andere in Verweisen, Technologien oder Formen verschlüsselt sind, die Insiderwissen erfordern und für sich beanspruchen, nicht allgemein verstanden zu werden.

Die Ausstellung wurde organisiert vom Baltimore Museum of Art und dem Saint Louis Art Museum und wird präsentiert in Zusammenarbeit mit der Schirn Kunsthalle Frankfurt.

Kurze Information zur Ausstellung „The Culture“:
Ort: Schirn Kunsthalle Frankfurt, Römerberg, 60311 Frankfurt am Main. Dauer bis 26. Mai 2024. Öffnungszeiten Di, Fr bis So 10-19 Uhr, Mi und Do 10-22 Uhr. Eintritt: € 12. Katalog € 45 in englischer Sprache.

www.schirn.de