Archiv-Kultur

36. Hessische Film- und Kinopreis in der Alten Oper

Höhepunkte des Galaabends

Von Anfang an war es eine Freude, wie die Journalistin, Fernsehmoderatorin, Autorin Katrin Bauerfeind durch den Galaabend führte: intelligent, pfiffig, kritisch. Später gab sie mit dem Pianisten des Abends auch noch eine kurze Hörprobe ihres Saxofon-Könnens. Begrüßt wurde das Publikum von Hessens Kulturstaatssekretär Christoph Degen, der von mutigen Nachwuchsprojekten, von großen, international erfolgreichen, hessischen Serien vor vielen Gästen aus Politik, aus Gesellschaft, aus Kino- und Filmbranche sprach. Der Gesamtpreis von 215.000 Euro wurde aufgeteilt zwischen 19 gewerblichen und 11 nicht gewerblichen Kinos.

alle Preisträger – innen
alle Preisträger – innen
Foto: Sonja Schwarz & Jason Sellers / HMWK
Mala Emde und Vera Brandes mit dem Filmteam Berlinale 2025
Mala Emde und Vera Brandes mit dem Filmteam Berlinale 2025
Foto: Renate Feyerbacher
Regisseur Tim Fehlbaum im DFF April 2025
Regisseur Tim Fehlbaum im DFF April 2025
Foto: Renate Feyerbacher

Mit dem Newcomerpreis, der Vorschlag kam von Hessens Kunst- und Kulturminister Timon Gremmels, wurde die in Frankfurt geborene und aufgewachsene Mala Emde (*1966) ausgezeichnet. Sie war beim Galaabend nicht anwesend, da sie zusammen mit Vera Brandes in New York weilte, wo beide auf Einladung den Film Köln 75 vorstellen konnten. Erfrischend natürlich kam ihre Videobotschaft aus dem New Yorker Hotelzimmer rüber. Schauspielerin Mala Emde, die mit der Rolle der Anne Frank in der Dokumentation Meine Tochter Anne Frank der Durchbruch gelang, wurde beim diesjährigen Deutschen Filmpreis als beste weibliche Hauptrolle in Köln 75 nominiert. In diesem Film spielt sie die Rolle der jungen, Jazz-begeisterten Vera Brandes, einer Nichte von mir, der als Teenager ein großartiges Vorhaben in Köln gelang, das bis heute im Gedächtnis von Jazz-Kennern verankert ist.

Es geht in dem Film um die widrigen Umstände vor dem Konzert des weltberühmten amerikanischen Jazzpianisten Keith Jarrett, geboren 1945, das am 24.Januar 1975 im ausverkauften Kölner Opernhaus stattfand. Der Kölnerin Vera Brandes, die mit 16 Jahren begann, Konzerte zu organisieren, gelang es zwei Jahre später, den Künstler nach Köln zu holen. Der Flügel war das Problem des Abends. Der Opernhaus-Intendant hatte versprochen, dass der vom Künstler geforderte Börsendorfer-Flügel auf der Bühne steht. Stattdessen stand da ein Instrument, auf dem Keith Jarrett sich weigerte zu spielen, obwohl das Opernhaus ausverkauft war. In ihrer Verzweiflung, Jarrett saß bereits im Auto, um abzufahren, rief die 18 jährige Vera Brandes ihm den Satz zu: „Wenn Sie nicht spielen, bin ich am Arsch – und Sie sind es auch!“ Er starrte sie an: „Okay, ich spiele aber nur für Dich“ (zitiert aus Gespräch am 8.3.2025 in der NZZ). War der Flügel wirklich so schlecht? Das Köln Concert ist das meistverkaufte Klavier-Album aller Zeiten. Einiges ist fiktiv in diesem Biopic, bei dem der in New York lebende Ido Fluk Regie führte und das Drehbuch schrieb. Es gibt keine Originalmusik von Keith Jarrett im Film, weil er die Rechte nicht freigab. Wie Mala Emde die Rolle der Vera Brandes spielt - lebhaft, keck, wütend, niedergeschlagen, sehr differenziert - begeistert. Sie und die gesamte Filmcrew wurden auf der diesjährigen Berlinale gefeiert. Anfang Oktober erhielt Mala Emde für ihre Rolle als Vera Brandes in Berlin den Deutschen Schauspielpreis in der Kategorie Dramatische Hauptrolle. 

Der Preis für den besten Spielfilm ging an September 5. Heitere Spiele sollten es werden. Die noch junge Bundesrepublik wollte bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München nach der Nazi-Olympiade 1936 der Welt eine friedliche Veranstaltung präsentieren. Es kam anders. Der Schweizer Regisseur und Drehbuchautor Tim Fehlbaum schrieb zusammen mit Moritz Binder und Alex David das Drehbuch zum Film, das für den Oscar nominiert war. Der unter anderem durch HessenFilm&Medien geförderte Beitrag schildert die Geiselnahme und Ermordung israelischer Sportler durch palästinensische Terrorristen.  Eine US-amerikanische Fernsehcrew hat ihr Studio in München eingerichtet. Die Sportjournalisten wollen über die olympischen Ereignisse berichten, werden aber vom terroristischen Geschehen überrascht und unfreiwillig zu Übermittlern von dramatischen Nachrichten. Der Film wurde konsequent aus der Medienperspektive gedreht. Wie geht man live damit um, wenn Menschen erschossen werden? Was darf gezeigt werden? Wo liegen die Grenzen für die Medien? Diese moralischen Fragestellungen, ebenso wie die praktisch-logistischen Herausforderungen der Crew, werden im jetzigen Film weitgehend aufwühlend inszeniert, als intensive Diskussionen der Mannschaft untereinander: Wie soll man vorgehen? Das Verfolgen dieser Auseinandersetzungen trägt wesentlich zur durchgehenden Spannung von September 5 bei. Entsprechend der Montage-Methodik des Doku-Dramas, wie es Heinrich Breloer in Deutschland früh eingeführt hat, werden dokumentarische Aufnahmen in die Spielszenen eingefügt. Sie wiederum entwickeln eine hohe Intensität, nicht zuletzt durch die Könnerschaft eines internationalen Schauspielerteams, zu dem Peter Sarsgaard, John Magaro, Ben Chaplin, Corey Johnson, Zinedine Soualem. Leonie Benesch gehören. 

Den Sonderpreis der Jury erhielt der ebenfalls nominierte Spielfilm Hysteria. Die Jury-Begründung: „Ein Film, der bis zum Bersten gefüllt ist mit Ideen und Überraschungen, braucht ein Zentrum, das diese Fülle zusammenhält. In Mehmet Akif Büyükatalays Diskurs-Paranoia-Thriller Hysteria ist es das fantastische Schauspielensemble, dem man neugierig und fasziniert durch die labyrinthischen Wendungen des Plots folgt. Sechs Figuren stehen im Zentrum des Films und allen wird eine eigenständige und glaubwürdige Haltung zugestanden, was nicht zuletzt an den darstellerischen Leistungen liegt. Vom pseudo-dokumentarischen Auftakt bis zum furiosen Finale schauen wir mit großem Vergnügen Devrim Lingnau, Mehdi Meskar, Nicolette Krebitz, Serkan Kaya, Aziz Çapkurt und Nazmi Kırık zu, die uns ebenso unterhalten wie zum Nachdenken bringen.“

Der Preis für den besten Dokumentarfilm ging an Das Deutsche Volk von Marcin Wierzchowski. In der hessischen Stadt Hanau erschoss am 19. Februar 2020 ein Rassist innerhalb von wenigen Minuten neun junge Menschen, weil der Täter sie nicht für Deutsche hielt. Die Namen der vom Neonazi ermordeten Hanauer: Said Nesar Hashemi, Hamza Kenan Kurtovic, Ferhat Unvar, Sedat Gürbüz, Fatih Saracoglu, Gökhan Gültekin, Vili Viorel Paun, Mercedes Kierpacz und Kaloyan Velkov. 

Der Regisseur – genannt der Pole mit der Kamera – begleitete vier Jahre lang die Hinterbliebenen und ließ sie über ihren Umgang mit der Trauer und der persönlichen Verarbeitung des Verlusts eines geliebten Menschen sprechen. Sie reden auch über ihren Kampf um Anerkennung und Zugehörigkeit zu dem Land, das sie ihr Zuhause nennen. Sie klagen über Behörden, über Politiker, von denen sie sich im Stich gelassen fühlen. Viele Worte des Mitgefühls, aber wenig Initiative, die Umstände der Tat aufzudecken. An diese Aufgabe machen sich die Angehörigen selbst.

Die Dokumentation, die von HessenFilm gefördert wurde, erschüttert, was das Versagen der Landesregierung angeht. Zunächst wurden die Untersuchungen sogar eingestellt. Erst die trauernden Familienangehörigen haben nach über einem Jahr herausgefunden, dass 13 Polizisten, die zum Sondereinsatzkommando in der Tatnacht gehörten, Mitglieder eines rechtsextremen Netzwerks waren. Auch die Hanauer Polizei wurde vom damaligen Ministerpräsidenten Volker Bouffier in Schutz genommen. Die Hinterbliebenen beharrten auf einem Untersuchungsausschuss. Erst die Recherchen des dokumentarischen Künstler- und Künstlerinnenkollektivs Forensic Architecture brachte das ganze Ausmaß der Versäumnisse und des Versagens an jenem Abend zutage. Der in Deutschland geborene Armin Kurtovic, deutscher Staatsbürger, verlor seinen Sohn, der blonde Haare und blaue Augen hatte, von der Polizei aber als orientalisch-südländisch beschrieben wurde. Der Vater zeigt ein Foto. „Alles, was bisher herausgekommen ist, ist nicht Verdienst der Behörden, sondern unsere Arbeit.“ Am Ende der Dokumentation wird heftig über den Standort eines Denkmals gestritten. Die Angehörigen wünschen, dass es auf dem Hanauer Marktplatz unweit des Brüder-Grimm-Denkmals, das die Aufschrift „Das Deutsche Volk“ trägt, aufgestellt wird. Die Hanauer Bürger lehnen das jedoch laut Befragung ab. 

Der in Wiesbaden geborene und aufgewachsene Schauspieler, Komiker, Theaterregisseur und Autor Michael Kessler erhielt den Ehrenpreis des hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein. Nach Schauspielstudium in Bochum war Kessler viele Jahre als Schauspieler und Regisseur an deutschen Theatern aktiv. Ab 1990 seit der Actionkomödie Manta Manta ist er dem Fernseh- und Kinopublikum bekannt. Sein beeindruckendes Repertoire, „das von hintersinniger Komik bis zu großer Ernsthaftigkeit reicht, genießt Kessler seit vielen Jahren große Popularität in der deutschen Kulturlandschaft. Michael Kessler gelingt es immer wieder, mit seinem feinen Gespür für Zwischentöne, Humor und Tiefgang ganz unterschiedliche Rollen zum Leben zu erwecken“, so die Begründung aus dem Büro des Ministerpräsidenten.

Weitere Preise wurden verliehen für:

Bester Kurzfilm

"Saigon Kiss" von Hồng Anh Nguyễn

Hochschulabschlussfilm

"Magic Gulyás" von Áron Farkas

Bestes Drehbuch

"Das Erbe" von Aliaksei Paluyan, Esther Bernstorff und Behrooz Karamizade

QMS RESPECT Award

an Axel Ranisch

Der Preis der Frankfurter Buchmesse für die beste Adaption,

"22 Bahnen"

Mia Maariel Meyer

Schauspieler*innenpreis des Hessischen Rundfunks,

"Die Affäre Cum-Ex"

Ensemblepreis des HR

Ensemble der ARD-Serie „Schattenseite“

Der Galaabend, der 2026 aus Kostengründen so nicht stattfinden wird, hat die Vielfältigkeit und Lebendigkeit der Hessischen Film- und Kinobrache beeindruckend dargestellt. Die kenntnisreichen Laudationen vertieften die kluge Preisverleihung.

www.hessenfilm.de