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Letzte Aktualisierung: 22.09.2021

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Das Waisen-Karussell

Denkmal zur Erinnerung an die Kindertransporte

von Ilse Romahn

(07.09.2021) Mit einem feierlichen Festakt wurde das Denkmal zur Erinnerung an die rettenden Kindertransporte der Öffentlichkeit übergeben. Bei der Matinee im Jüdischen Museum und beim nahegelegenen Denkmal sprachen für den Magistrat Oberbürgermeister Peter Feldmann und Stadträtin Ina Hartwig, für die Jüdische Gemeinde Kulturdezernent Marc Grünbaum und für den Ortsbeirat 1 Ortsvorsteher Michael Weber.

Das Waisen-Karussell / Künstlerin Yael Bartana
Foto: Stadt Frankfurt
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Die Laudatio auf die Künstlerin Yael Bartana hielt die Direktorin des Frankfurter Kunstvereins, Franziska Nori. Zu den Gästen zählt auch ein kleiner Kreis von Nachfahren der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.
 
Die Übergabe an die Öffentlichkeit ist der Endpunkt einer Veranstaltungswoche, die sich den rettenden Kindertransporten widmet. Bereits am 1. September eröffnete Stadtrat Mike Josef für den Magistrat gemeinsam mit der Schirmherrin des Denkmals, Bärbel Schäfer, und der Vorsitzenden des Vorstandes der Hessischen Kulturstiftung, Jutta Ebeling, die Ausstellung „Kinderemigration aus Frankfurt am Main“ im Deutschen Exilarchiv 1933 – 1945 der Deutschen Nationalbibliothek. Im Rahmen der Ausstellungseröffnung sprach auch die Zeitzeugin Ruth K. Westheimer in Form einer Videobotschaft aus den Vereinigten Staaten. Bereits seit Beginn der Woche ist eine kleine Gruppe Familienangehörigen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen auf Einladung des Magistrats in der Stadt. Am Montag, 30. August, wurde sie durch Bürgermeister Uwe Becker im Römer empfangen.
 
Die Emigration von Kindern aus dem nationalsozialistischen Deutschland ist eine Geschichte der Rettung, des Verlusts und der Erinnerung. Diesen unterschiedlichen Aspekten des Themas, die teilweise auch in einem Spannungsverhältnis zueinanderstehen, wenden sich sowohl die Ausstellung als auch das Denkmal zu.
 
Die ständig zunehmende Ausgliederung und Entrechtung der jüdischen Bevölkerung im nationalsozialistischen Deutschland hatten dazu geführt, dass viele jüdische Familien versuchten, ein Exilland zu finden. Die Konferenz von Évian im Juli 1938, mit der die Völkergemeinschaft versuchen wollte, die Möglichkeiten der Auswanderung von Juden aus Deutschland und Österreich zu verbessern, ließ jedoch deutlich werden, dass kaum ein Land bereit war, eine erwähnenswerte Zahl jüdischer Emigrantinnen und Emigranten aufzunehmen. Die Pogrome vom 9. November 1938 führten der Weltöffentlichkeit schließlich vor Augen, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland lebensgefährlicher Bedrohung ausgesetzt waren. Viele Eltern versuchten deshalb, zunächst ihre Kinder in Sicherheit zu bringen: Das sichere Ausland war die einzige verbliebene Option. Etwa 20.000 Kinder und Jugendliche aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Polen konnten mit Hilfe zahlreicher Hilfsorganisationen ins rettende Ausland, überwiegend nach England, ausreisen. Allein, ohne ihre Eltern und Familien, die sie in der Regel auch nie wiedersahen, reisten sie mit den sogenannten Kindertransporten ins ferne Ausland.
 
Mit dem Denkmal wird nun in Frankfurt, dem Sammelpunkt der Rettungsaktion in Südwestdeutschland, an das Schicksal der Kinder und ihrer Familien erinnert. Die Stadt tut es damit Städten wie London, Berlin, Wien, Danzig, Rotterdam und Hamburg gleich, die der Kindertransporte im Stadtraum gedenken. Das Kunstwerk befindet sich an der Kreuzung Gallusanlage/Kaiserstraße, in Blickachse zum Hauptbahnhof. Die Stadt hatte 2019 einen künstlerischen Wettbewerb ausgelobt, für den namhafte internationale Künstlerinnen und Künstler gewonnen werden konnten. Dabei setzte sich der letztlich realisierte Entwurf der israelischen Künstlerin Yael Bartana durch. Ihr prämierter Entwurf stellt eine Replik eines drehbaren Kinderkarussells aus den 1930er Jahren dar. Auf seinen Flanken sind drei kurze Texte zu lesen, die Zitate der geretteten Kinder und ihrer Eltern sein könnten: „Auf bald, mein Kind“, „Auf Wiedersehen, Mutter“ „Auf Wiedersehen, Vater“. Das Karussell ist benutzbar und lässt sich mit einem deutlichen Wiederstand drehen.
 
Die Kosten des Wettbewerbs inklusive Verfahrenskosten beliefen sich zusammen mit der Errichtung des Denkmals, einer umfangreichen Publikation und dem Begleit- und Vermittlungsprogramm sich auf rund 300.000 Euro. Ein Großteil der Summe wurde vom Stadtplanungsamt getragen. Finanziell unterstützt haben das Projekt neben dem Ortsbeirat 1 und privaten Spenderinnen und Spendern außerdem maßgeblich die Cronstett- und Hynspergische evangelische Stiftung zu Frankfurt am Main, die Dr. Marschner Stiftung, die EKHN Stiftung, die Ernst Max von Grunelius-Stiftung, die Hessische Kulturstiftung, die Nassauische Sparkasse und die Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main. 
 
Begleitend zu Denkmal und Ausstellung erscheint im Herbst im Wallstein-Verlag der Katalog „Kinderemigration aus Frankfurt – Geschichten der Rettung, des Verlusts und der Erinnerung“, den die Stadt Frankfurt gemeinsam mit dem Deutschen Exilarchiv erarbeitet hat und herausgibt, mit Beiträgen von Sylvia Asmus, Jessica Beebone, Paul M. Farber, Kurt Grünberg, Andrea Hammel, Mechtild Widrich. (ffm)