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Letzte Aktualisierung: 12.07.2024

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Das Buch "75 Geschichten" erzählt Geschichten von Juden der Vorkriegszeit

von Ilse Romahn

(01.07.2024) Anhand bewegender Lebensgeschichten veranschaulicht die jüngst im Hentrich & Hentrich Verlag erschienene Publikation „75 Leben“ die tiefe Verbundenheit der jüdischen Vorkriegsbevölkerung zur Stadt Frankfurt. Das Buch schlägt zudem eine emotionale Brücke zu den Lebenserfahrungen der heutigen Gemeindemitglieder.

Coverabbildung "75 Leben"
Foto: Hentrich & Hentrich Verlag / Jüdische Gemeinde Frankfurt
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„75 Leben“ ist anlässlich des 75. Jubiläums der Wiederbegründung der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main entstanden. Das Buch geht auf das erste historische Rechercheprojekt der Kulturabteilung zurück. Seine Entstehung verdankt es einem Zufallsfund. Vor einigen Jahren entdeckte Vorstandsmitglied Marc Grünbaum in alten Schränken in der Gemeindeverwaltung die sogenannte Deportationskartei, die zum Ausgangspunkt für das Buchprojekt werden sollte. Das Register umfasst rund 6500 Karteikarten mit Lebens- und Adressdaten von Gemeindemitgliedern bis zu ihrer jeweiligen Deportation. Es dokumentiert Geschichten der Restitution und Entschädigung, die Suche der Schoa-Überlebenden nach Angehörigen und das Schicksal der Überlebenden nach 1945.

Die Kartei wurde von einem der Gründungsväter der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Rabbiner Dr. Leopold Neuhaus (1879-1954), erstellt. Sie sollte Menschen helfen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach ihren Angehörigen suchten. Im Zuge des Buchprojekts ist die gesamte Deportationskartei restauriert und digitalisiert worden.

Das Buch „75 Leben“ enthält 75 Textbeiträge zum Leben der Menschen, die während der NS-Diktatur die Stadt verlassen mussten. Viele wurden deportiert und in Konzentrationslagern ermordet, einigen gelang die Flucht ins Exil, andere entgingen der Verfolgung durch den Freitod. Nur wenige der im Buch porträtierten Frauen und Männer kehrten nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Frankfurt zurück.

Unter den Autorinnen und Autoren der Textbeiträge sind Rabbinerin Prof. Dr. Elisa Klapheck, Dr. Dorothee Linnemann, Sammlungskuratorin für Grafik und Fotografie am Historischen Museum Frankfurt sowie Ira Haller und Sonja Roos, Mitarbeiterinnen unserer Kulturabteilung. Die Historikerin und Provenienzforscherin Dr. Maike Brüggen hat das Buch in Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Frankfurt herausgegeben.

Die Sozialisation und Verbundenheit der Vorkriegsmitglieder zur Stadt Frankfurt „kommen den Lebenserfahrungen der heutigen Generationen sehr nahe. Es mag weniger eine rein historische als vielmehr eine emotionale Kontinuität sein, und dennoch ist es mehr Kontinuität als Bruch“, betont Marc Grünbaum in seinem Grußwort zu „75 Leben“. „Gerade aufgrund dieser Kontinuitäten kann es aus unserer Sicht keine Feierlichkeiten zum 75-jährigen Jubiläum geben, ohne an all jene zu erinnern, die diese Gemeinde und das jüdische Leben in unserer Stadt vor 1945 ausmachten“, so Grünbaum.

Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main, Westendstraße 43, Frankfurt am Main   www.jg-ffm.de