„Cosi fan tutte“ von Wolfgang Amadeus Mozart in der Oper Frankfurt
Eine grausam-böse Geschichte der Untreue
Die neue Saison an der Oper Frankfurt begann mit Cosi fan tutte von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), dirigiert von Generalmusikdirektor Thomas Guggeis. Ein musikalisch-sängerischer Höhepunkt gleich zu Beginn. Die Hände des Dirigenten sind zu sehen, da das Orchesterpodium angehoben wurde. Wie er die Musiker und das sängerische Team leitet, das ist beeindruckend, faszinierend. Ich empfinde „Cosi auf eine gewisse Art und Weise wie ein Gedicht“ (Zitat aus dem Gespräch mit Dramaturg Zsolt Horpácsy, Programmheft S.7).
Foto: Renate Feyerbacher
Regisseurin Mariame Clément, die ihr Debüt an der Oper Frankfurt gibt, verantwortet die Neuinszenierung. Sie hat sich für das Dramma giocoso (lustiges Drama) die Doppel-Hochzeit der Schwestern Fiordiligi und Dorabella ausgedacht. Diese findet allerdings nicht statt, da eine bösartige Wette eingefädelt wurde. Gleich zu Beginn sind die Hochzeitsfeierlichkeiten in vollem Gang. In den zwei großen Festräumen, rechts und links einer Bedienungsschleuse, tummeln sich viele elegant gekleidete Gäste (Kostüme Bianca Deigner). Bühnenbildner Etienne Pluss, schon mehrfach an der Oper Frankfurt aktiv, hat sich dieses lebendige Ambiente ausgedacht, das sich manchmal dreht. Wunderbar unterstützt wird er vom Lichtdesigner Joachim Klein. Hin und her wird geeilt: Mal liegt der Focus auf dem rechten, mal auf dem linken Saal. Die unschöne Bedienungsschleuse in der Mitte ist mal Organisationszentrum für die geheimen Absprachen der perfiden Wette, die sich Don Alfonso, ein Bekannter der beiden verlobten Männer, ausgedacht hat, mal Zufluchtsort für die beiden verzweifelten Paare.
Manche Opernbesucher werden sich noch an die Cosi fan tutte - Inszenierung 2008 von Regisseur Christof Loy an der Oper Frankfurt erinnern, die mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST ausgezeichnet wurde und bis 2022 immer wieder auf dem Frankfurter Spielplan stand. Da spielte das Sechs Personen-Stück in klinischer Umgebung. So ähnlich hat Christof Loy Cosi 2020 in Salzburg auf die Bühne gebracht, wieder mit Johannes Martin Kränzle, der schon 2008 als Don Alfonso in Frankfurt sang.
Nun an der Oper Frankfurt diese lebendige Bühne und Inszenierung, eingebettet in Hochzeitsgeschehen. Don Alfonso, der an der Standhaftigkeit von Frauen zweifelt, sie für genauso untreu wie Männer hält, überredet Guglielmo, liiert mit Fiordiligi, und Ferrando, liiert mit Dorabella, ihre Hochzeitsabsichten zu prüfen. Beide Männer sind jedoch überzeugt, die Wette zu gewinnen, und stimmen zu. Adhoc werden die beiden in den Krieg einberufen. Die Schwestern sind verzweifelt. Aber so glatt läuft die Wette noch lange nicht. Die verkleideten Männer, die als Fremde kommen, drängt Don Alfonso zu miesen Tricks. Schlimm die theatralischen Suizidversuche der vermeintlich Fremden mit Gift: da fühlen sich die Frauen sogar verpflichtet zu trösten und zu stabilisieren. Ist die fiese Wette frauenfeindlich? Das findet die französische Regisseurin Mariame Clément, die schon zwei Mozart-Opern realisiert hat, überhaupt nicht. Alle Frauen sind nicht schlecht, sondern: „Frauen sind genau wie Männer - sie sind einfach Menschen“ (Zitat: Programm S.17).
Gemein auch, dass Textdichter Lorenzo da Ponte Don Alfonso und die in die Wette eingeweihte Despina, Dienstmädchen der Schwestern, die Paare wechseln lässt. Guglielmo gewinnt Dorabella, und prahlt vor Ferrando, der tief verletzt ist. Selbst Fiordiligi, lange zögernd, erliegt Ferrando. Dorabella und Guglielmo treiben es sogar auf dem Tisch.
Ein lustiges Drama? Ja und Nein. Ziemlich ruppig, aber dennoch auch feinfühlig geht es manchmal in der Inszenierung zu. Mariame Clément hat mit ihr ihre internationale Mozart/Da Ponte Trilogie vollendet. Besonders hervorzuheben ist ihr psychologisches Fingerspitzengefühl für die Schwestern Fiordiligi und Dorabella. Sie freuen sich, sind ängstlich, sind verzweifelt, fühlen sich schuldig. Die Männer, auch Don Alfonso, benehmen sich dreist und frech - nur manchmal zart wie zum Beispiel Ferrando bei der berühmten Arie: „Un’aura amorosa del nostro tesoro un dolce ristoro al cor porgerà“ („Der Odem der Liebe erfrischt die Seele, ein Labsal, so wonnig, so schmeichelnd und weich.“)
Beide Liebespaare haben eine schmerzliche Phase der Liebe durchlaufen. Am Ende von Cosi fan tutte werfen sie alle Hochzeitsgäste samt Standesbeamten raus und sagen die Doppelhochzeit ab. Erschöpft trinken sie Sekt. Mal sehen, ob es noch zur Hochzeit kommt.
Realistisch-frivol geht es zu in der Neuinszenierung von Mariame Clément, die mit fantastischen Sängerinnen und Sängern und mit einem großartigen Chor (Álavaro Corral Matute) arbeiten konnte.
Teona Todua, die aus Georgien stammt, in ihrer ukrainischen Heimatstadt Donezk zunächst Klavier, dann in Kiew Gesang studierte, singt zum ersten Mal an der Oper Frankfurt. Ihr klarer Sopran besticht, ohne Mühe erreicht sie die Höhen und überzeugt auch im Spiel als zurückhaltende, zögernde Fiordiligi. Sie wird sich mit Karolina Bengtsson abwechseln. Mezzosopranistin Kelsey Lauritano, ein Juwel des Frankfurter Ensembles, singt und spielt Dorabella - qicklebendig, brilliant differenziert ihre Stimme. Ensemblemitglied Bianca Tognocchi, auf vielen europäischen Bühnen zuhause, ist ein großartiges, durchtriebenes Dienstmädchen Despina. Elizabeth Reiter wird die Rolle später auch übernehmen.
Die Männer können den Sängerinnen Paroli bieten. Der 26jährig Bariton Jonas Müller gab quasi bereits sein Debüt an der Oper Frankfurt bei Oper extra als Guglielmo. Er studierte Gesang bei mehreren großen Gesangspädagogen, so besuchte er zwei Jahre die Liedklasse von Christian Gerhaher. In diesem Jahr erhielt er den Musikpreis der Deutschen Wirtschaft. Ein ausgezeichneter Zugewinn für die Oper Frankfurt, deren Opernstudio Jonas Müller seit dieser Spielzeit angehört. Ensemblemitglied Taehan Kim und Opernstudiomitglied Sakhiwe Mkosana sind für die Rolle ebenfalls vorgesehen.
Beifall auch für den jungen preisgekrönten Sänger Magnus Dietrich, der bereits an der Metropolitan Opera (MET) sang und vor einem Jahr aus dem Internationalen Opernstudio der Staatsoper Berlin ins Ensemble der Oper Frankfurt wechselte. Mit Ferrando gibt er sein gefeiertes Rollendebüt. Der vielfach ausgezeichnete Andrew Kim ist für die Rolle ebenfalls besetzt.
Verhaltene Begeisterung diesmal für das international aktive Ensemblemitglied Liviu Holender, der mit Don Alfonso sein Rollendebüt in der Premiere gab. Er wird sich mit Sebastian Geyer abwechseln.
Cosi fan tutte, vom Publikum begeistert gefeiert, sollte man sich nicht entgehen lassen.
Vorstellungen am 2., 4., 12., 17.,19., 25. Oktober und am 1. November 2025, ab 2026 am 1., 3., 11. und 17. Januar.
Trailer https://oper-frankfurt.de/de/oper-frankfurt-zuhause/?id_media=493
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