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Letzte Aktualisierung: 21.06.2021

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Corona und die Medien

ZDF-Chefredakteur Dr. Peter Frey über den Einfluss der Pandemie auf den Journalismus

von Norbert Dörholt

(28.05.2021) Seit elf Jahren ist Dr. Peter Frey Chefredakteur des öffentlich-rechtlichen Senders Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF). Unter seiner Führung hat das ZDF den Schritt in die digitale Welt gemacht und das Durchschnittsalter der Zuschauer gesenkt. Die derzeitige Corona-Pandemie sieht der Vollblut-Journalist im Interview mit dem Frankfurter JournalistenShams Ul-Haq auch als Treiber für neue Medienformate und -inhalte.

Bildtext: „Wir haben die Aufgabe, Deutschland zusammenzuhalten!“, sagt ZDF-Chefredakteur Dr. Peter Frey, hier im Interview mit Shams Ul-Haq.
Foto: Sven Hasselbach
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Shams Ul-Haq ist auch Fachgruppenleiter für Internationale Beziehungen beim Deutschen Presseverband DPV und der Bundesvereinigung der Fachjournalisten bdfj sowie Chefredakteur Digital des „journalistenblatt“, das vom Journalistenzentrum Deutschland herausgegeben wird und in dem dieses Interview ebenfalls erschienen ist. Er gilt als Terrorismusexperte und arbeitet seit vielen Jahren als freier Print- und TV-Journalist unter anderem für das ZDF. Er ist ebenfalls als Buchautor tätig. (www.shamsulhaq.de, @shamsulhaq22) Das Foto schoss Sven Hasselbach, seit über zehn Jahren selbständig als freiberuflicher Fotograf in den Bereichen People, Stills, Corporate, Reportage und Architecture (svenhasselbach.com).

Shams Ul-Haq: Es gibt sehr viele freie Journalisten, die während der Pandemie stark gelitten haben bzw. immer noch leiden. Was denken Sie über diese Situation?

Peter Frey: Freie Journalisten, die Vertragsverhältnisse mit dem ZDF haben, können sich darauf natürlich verlassen. Es gehört ja zu den kleinen Corona-Wundern, dass viele Arbeitsprozesse gut weitergelaufen sind, auch im home office, auch im ZDF. Aber ich weiß, dass die Dinge für Kolleginnen und Kollegen, die ganz frei sind, die keine feste Bindung an ein Haus haben, vor allem für Fotografen und andere Kreative, in diesen Zeiten natürlich sehr viel schwieriger sind.

Shams Ul-Haq: Wie verhält es sich mit denjenigen, die nicht bei den Öffentlich-Rechtlichen angestellt sind?

Peter Frey: Sie können ihre Themenvorschläge einbringen. Das tun sie auch, vor allem über die Produktionsgesellschaften in unseren Dokumentationsformaten. Davon gibt es ja sehr viele. Dieser Bereich ist ausgebaut worden, z.B. bei ZDFinfo. Außerdem hat das ZDF gerade seine Zusage an die Produktionsfirmen verlängert, sich an zusätzlichen Kosten bei Drehunterbrechungen infolge der Coronakrise zu beteiligen, um Kreativität und Vielfalt der deutschen Produktionslandschaft zu erhalten. Auch die Selbstverpflichtung zu den sogenannten „Rahmenbedingungen einer fairen Zusammenarbeit" haben wir verlängert. Damit können wir die Auswirkungen der Pandemie für das ZDF und die Auftragnehmerinnen und Auftragnehmer evaluieren und die Ressourcen bündeln, um die Herausforderungen der Pandemie gemeinsam mit den Produzentinnen und Produzenten zu bewältigen.

Shams Ul-Haq: Wollen die Zuschauer in Deutschland weiterhin das Thema Pandemie sehen?

Peter Frey: Jedenfalls sprechen alle Einschaltzahlen dafür. Die heute-Nachrichtensendung um 19 Uhr liegt weiter deutlich über den Durchschnittswerten der Jahre vor der Pandemie, vor allem auch im Bereich der unter 50-jährigen Zuschauer. Das Gleiche gilt für das heute journal. Aber auch Sendungen wie maybrit illner, das Morgenmagazin oder das auslandsjournal sind weiter sehr erfolgreich. Die Pandemie spielt weiter eine beherrschende Rolle, aber man spürt auch, dass andere Themen wieder nach vorne kommen, vom beginnenden Wahlkampf bis zur Klimapolitik. Die Zeiten, in denen Nachrichtensendungen quasi Ein-Themen-Sendungen waren, sind vorbei. Und ich glaube, damit treffen wir auch die Erwartungen unseres Publikums.

Shams Ul-Haq: Andere Themen kommen dennoch zu kurz, insbesondere internationale Nachrichten. Werden die Zuschauer da nicht in Angst versetzt, wenn rund um die Uhr von Pandemie berichtet wird?

Peter Frey: Da will ich Ihnen widersprechen. Die Auslandsberichterstattung über die pandemische Situation im Ausland, von Brasilien über Indien bis zu den europäischen Nachbarländern, Russland, USA, war und ist immer noch ein ganz wichtiger Vergleichsmaßstab in dieser Krise. Unsere Zuschauerinnen und Zuschauer messen ihre eigene Situation an dem, was wir ihnen an Informationen aus den anderen Ländern bieten. Denken Sie an die Bilder aus Bergamo! Da spürten wir doch alle, was auf uns zukommen kann. Die Berichterstattung bildet einen Vergleichsmaßstab, wo die Situation besser oder schlechter ist als bei uns. Es schien viele Monate so, als hätten wir Corona besser im Griff als andere. Beim Impfen zeigt sich jetzt, dass andere sich einen Vorsprung erarbeitet haben.

Shams Ul-Haq: Die Zuschauer werden immer älter. Gibt es für junge Menschen immer noch zu wenig Sendungen beim ZDF? Und was kann der Sender in dieser Zeit gerade für sie tun?

Peter Frey: Wie gesagt, wir sehen, dass der Marktanteil bei den unter 50-Jährigen über das gesamte ZDF Programm deutlich zugenommen hat. Aber der eigentliche Wandel besteht darin, dass wir diese Gruppe nicht nur über das klassische ZDF-Hauptprogramm erreichen, sondern eben auch über unsere Digitalkanäle und unsere Online-Plattformen. ZDFinfo markiert Bestmarken während dieser Pandemie. Unsere Mediathek sowie unsere Auftritte auf den Drittplattformen wie Youtube oder Instagram haben sich sehr stark erweitert.

Nach dem Relaunch von ZDFheute mitten in der Pandemie Ende März 2020 haben sich unsere Nutzungszahlen vervielfacht. Formate, die wir eigens für Youtube entwickelt haben, und unser großes Angebot bei Instagram, welches von den ZDFheute-Nachrichten kommt, wird sehr stark nachgefragt. Es gibt eine ganz neue Perspektive, das jüngere Publikum zu erreichen, und auch an dieser Stelle war die Pandemie ein Treiber.

Shams Ul-Haq: Social Media Kanäle beim ZDF, denken Sie nicht, da ist das ZDF noch sehr zurückhaltend? Oder wieder Einspruch?

Peter Frey: Wir können das ausbauen. Man kann immer mehr machen. Wir müssen aber mit den Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, auskommen. Immerhin haben wir unsere Präsenz deutlich ausgebaut und unsere Abonnenten für den ZDFheute-Kanal sowohl bei Youtube als auch bei Instagram deutlich gesteigert. Das wächst von Tag zu Tag. Mir ist aber wichtig, dass wir keine Produkte erstellen, die nur für die Drittplattformen gemacht werden. Alles, was dort spielt, muss sich auch auf unseren eigenen Plattformen wiederfinden –in der ZDFmediathek oder in der ZDFheute-App.

Shams Ul-Haq: In Deutschland fehlt weiterhin die Berichterstattung aus kleinen Dörfern. Was dort passiert, bekommt der Zuschauer gar nicht mit.

Peter Frey: Einspruch! Das ZDF ist als Länderanstalt eigentlich ganz gut aufgestellt. Wir haben in sechzehn Bundesländern Büros und sind dort nicht nur in den Landeshauptstädten, sondern die Kolleginnen und Kollegen sind im ganzen Berichtsgebiet unterwegs und auch darüber hinaus in der Fläche präsent: Gerade war zum Beispiel ein Team des ZDF Morgenmagazin in Husum. Aus der kleinen Küstenstadt in Nordfriesland kam ein guter Teil der Sendung, mindestens ein Drittel der ganzen Sendefläche, im Rahmen unseres Projektes „Morgenmagazin vor Ort“. Ich bin froh, dass das nun wieder anläuft. Wir haben darüber berichtet, wie der sogenannte Modellversuch Corona vonstattengehen soll: Welche Schwierigkeiten es gibt, was der Einzelhandel beachten muss, die Hoteliers, wie sie belastet sind. Wir sehen unsere Aufgabe unbedingt darin, zwischen dem Lebensgefühl in den Städten und dem Lebensgefühl auf dem Land zu vermitteln. Wir haben auch an der Stelle die Aufgabe, Deutschland zusammenzuhalten.

Ich gebe Ihnen aber recht, dass unter dem Druck der Kommerzialisierung und der digitalen Medien es sehr schwierig für die Kollegen der Print-Medien geworden ist, Lokaljournalismus zu machen. Das ist die Tendenz, die mich besorgt, dass nicht mehr genug journalistische Kapazitäten zur Verfügung stehen, um vor Ort, in Städten, in Landkreisen, den politisch Verantwortlichen, der Wirtschaft oder anderen auf den Zahn zu fühlen. Oft sind Kolleginnen und Kollegen dort so stark belastet und überlastet, dass ihnen die Zeit einfach fehlt, sich mit den Dingen vor Ort kritisch zu befassen.

Wenn Zeitungen zu größeren Verbünden zusammengefasst werden, sind damit leider oft auch Substanzverluste verbunden, die dazu führen, dass der Journalismus nicht mehr so seine Kontrollfunktion ausüben kann, wie das eigentlich der Fall sein sollte.

Shams Ul-Haq: Was kann man dagegen tun? Nehmen wir an, ein großer Verlag kauft alle auf. Wie ergeht es dem Journalismus in den nächsten 20 Jahren?

Peter Frey: Ich bin niemand, der den Kolleginnen und Kollegen aus dem Privatbereich Ratschläge geben sollte. Zumal die finanzielle Basis der Öffentlich-Rechtlichen trotz des Streits um die Rundfunkbeiträge weiterhin gesichert ist. Deshalb will ich mich an der Stelle zurückhalten. Aber es ist ganz klar, dass neue Erlösmodelle entwickelt werden müssen. So langsam findet man hier den richtigen Weg, wenn Onlinebezahlangebote eine größere Akzeptanz finden, als das früher der Fall war. Journalismus kostet Geld. Journalismus muss man finanzieren. Das geht entweder über Werbung oder dadurch, dass man die Kundinnen und Kunden beteiligt. Ich empfinde es als positives Signal, dass mehr und mehr Verlage vermelden, dass ihre Bezahlmodelle im Internet funktionieren.

Shams Ul-Haq: Zur Zeit arbeiten fast alle Kollegen im Home Office und berichten von Nachrichtenagenturen oder von Zuhause aus. Eigene Recherchen sind kaum möglich. Funktioniert da der richtige Journalismus noch?

Peter Frey: Es ist jedenfalls sehr viel schwieriger geworden, journalistisch zu arbeiten. Und zwar auf beiden Ebenen. Sowohl auf der Ebene der Zusammenarbeit in der Redaktion. Es macht einen Unterschied, ob man sich nur als Videokachel begegnet oder ob man zusammen essen geht oder zusammen in der Kantine oder in der Teeküche sitzt und sich über Themen austauscht. Oder vielleicht auch eine gemeinsame Idee hat, mit welchen Themen man sich beschäftigen sollte. Das fällt weg, und das ist nicht eins zu eins auf „Teams“ oder „Zoom“ zu ersetzen.

Das zweite ist die Frage der journalistischen Recherche und da haben Sie recht: Kontaktsperren und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit treffen auch Journalisten. Das spürt man auch zum Beispiel in Berlin: Wenn keine Veranstaltungen mehr abends stattfinden, dann können unsere Hauptstadtkorrespondenten auch nicht so leicht die Politiker treffen und etwas beiläufig aus ihnen herausholen, um politische Prozesse zu erspüren. Und für die Investigativen gilt dies umso mehr, weil man sich im Grunde immer verabreden muss, um ein Ergebnis zu bekommen. Die Bedingungen gerade für den Investigativjournalismus sind in diesen Zeiten schwieriger geworden.

(Wird fortgesetzt)

Über Dr. Peter Frey

Dr. Peter Frey (geb. 1957) ist seit dem 1. April 2010 Chefredakteur des ZDF. Ihm unterstehen die die fünf Hauptredaktionen Aktuelles, Politik und Zeitgeschehen, Wirtschaft, Recht, Service, Soziales, Umwelt, Sport und Neue Medien, der Programmbereich Info, Gesellschaft und Leben sowie die Senderedaktionen Frontal 21 und Tagesmagazine Berlin (ZDF-Morgenmagazin, ZDF-Mittagsmagazin). Auch die Inland- und Auslandstudios sowie der digitale Spartenkanal ZDFinfo gehören zu seinem Ressort.

Dr. Frey arbeitet seit 1981 beim ZDF, zunächst als Freier Journalist, später als Redakteur in verschiedenen Redaktionen. Er war u.a. stellvertretender Leiter des Studios in Washington, Leiter der Auslandsredaktion sowie Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios Berlin. Im Herbst 2022 geht er in den Ruhestand, wird sich aber weiterhin dem Journalismus widmen.

www.zdf.de