Chemie unter Druck: Hessen fordert Kurskorrektur – Frankfurt erinnert an industrielle Wurzeln
Die chemische Industrie gilt als industrielles Rückgrat Hessens – und Frankfurt steht wie kaum ein anderer Standort für diese Tradition. Vom einstigen Weltkonzern Hoechst bis zu heutigen Chemie‑, Pharma- und Life-Science-Unternehmen hat die Mainmetropole über Jahrzehnte Innovationskraft, Arbeitsplätze und Wohlstand geprägt. Umso deutlicher fällt nun die Warnung aus Politik und Wirtschaft aus: Ohne schnelle und konkrete Entlastungen droht ein schleichender Verlust industrieller Substanz.
Hessen hat sich gemeinsam mit anderen Bundesländern in einem Schreiben an die Bundesregierung gewandt und fordert eine deutliche Nachschärfung der sogenannten Chemieagenda 2045. Die bislang vorgelegten Ergebnisse reichten nicht aus, um den akuten Herausforderungen der Branche zu begegnen. Produktionsverlagerungen, Investitionszurückhaltung und sinkende Umsätze setzen die Unternehmen unter massiven Druck – auch im Rhein-Main-Gebiet, das traditionell eng mit der Chemie verbunden ist.
„Die chemische Industrie ist kein Nebenschauplatz, sondern industrieller Kern unseres Landes“, betonte Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident Kaweh Mansoori. Gerade Standorte wie Frankfurt zeigten, wie eng Wertschöpfung, Forschung und qualifizierte Beschäftigung miteinander verflochten seien. Wenn Werke geschlossen oder Investitionen ins Ausland verlagert würden, sei das ein klares Alarmsignal. Mansoori kritisierte, die Chemieagenda benenne zwar die Probleme, bleibe aber in zentralen Punkten zu unverbindlich. Nötig seien jetzt international wettbewerbsfähige Energiepreise, weniger Regulierung und deutlich schnellere Genehmigungsverfahren.
Die Lage ist ernst. Seit 2021 verzeichnet die Branche rückläufige Umsätze, die Produktion geht zurück, Arbeitsplätze geraten in Gefahr. Das trifft auch Frankfurt und sein Umland, wo Chemie und Pharma nicht nur industrielle Arbeitgeber sind, sondern Teil der städtischen Identität. Der Wandel vom klassischen Chemiestandort zum modernen Industrie‑ und Forschungscluster gilt zwar als gelungen, doch die aktuellen Rahmenbedingungen gefährden diesen Erfolg.
Auch der Verband der Chemischen Industrie (VCI) Hessen fordert rasches Handeln. Geschäftsführerin Sula Lockl warnt davor, die Chemieagenda zu einem reinen Zukunftsversprechen verkommen zu lassen: „Wenn wir nicht weiter industrielle Substanz verlieren wollen, brauchen unsere Unternehmen kurzfristig spürbare Entlastungen.“ Hessen zeige, dass eine enge Partnerschaft zwischen Politik und Wirtschaft funktionieren könne – nun sei der Bund gefordert, mit Tempo und Verbindlichkeit nachzuziehen.
Der VCI Hessen vertritt rund 250 chemisch‑pharmazeutische Unternehmen im Land. Viele von ihnen sind historisch oder aktuell mit dem Standort Frankfurt verbunden, sei es über Produktionsstätten, Forschungseinrichtungen oder Unternehmenszentralen. Dass ausgerechnet hier die Sorgen wachsen, hat Symbolkraft: Eine Region, die jahrzehntelang für industrielle Stärke stand, sieht sich zunehmend im internationalen Wettbewerb benachteiligt.
Hessens Forderung an den Bund ist daher klar: Die Chemieagenda muss vom langfristigen Zielbild zu einem kurzfristig wirksamen Instrument werden. Nur so lassen sich Investitionen sichern, Arbeitsplätze erhalten und die industrielle Tradition Frankfurts und des Landes Hessen in die Zukunft führen.
Weitere Artikel aus der Kategorie: