Britischer Glanz unter alten Bögen
Manchmal genügt ein Atemzug aus Messing, und ein Kreuzgang beginnt zu leuchten. Als London Brass am vergangenen Freitag beim Rheingau Musik Festival im Kreuzgang von Kloster Eberbach gastierte, verwandelte sich der alte Stein in eine Bühne britischer Klanglust.
Unter dem Festivalmotto „Spot on: United Kingdom“ entfaltete das zehnköpfige Ensemble ein Programm, das Renaissance, Barock, Pop und Filmmusik nicht nebeneinander ausstellte, sondern wie selbstverständlich miteinander ins Gespräch brachte.
London Brass ist längst mehr als ein Name im goldenen Register der Blechbläserkunst. 1985 aus dem legendären Philip Jones Brass Ensemble hervorgegangen, rekrutiert sich die Formation bis heute aus Musikern großer Londoner Orchester. Doch wer in Eberbach museale Würde oder routinierte Jubiläumspflege erwartet hatte, wurde rasch eines Besseren belehrt: Hier spielte kein Traditionsbetrieb auf Hochglanz, sondern ein waches, bewegliches Dezett mit Sinn für Pointe, Farbe und dramatischen Atem.
Der Abend liebte die Gegensätze und fürchtete doch keine Brüche. Musik des 16. Jahrhunderts begegnete John Dowland und John Stanley; später öffneten die Arrangements von Beatles-Songs, Queen-Nummern und den unvermeidlich eleganten „James Bond“-Themen die Tür zu populäreren Klangwelten. Dass daraus keine wohlmeinende Stilparade wurde, lag an der klugen Hand der Musiker: Jeder Übergang hatte Kontur, jede Nummer Haltung, jeder Einfall seinen Platz.
Besonders eindrucksvoll war die Lust, mit der London Brass die eigene Klangpalette auffächerte. Trompeten, Flügelhörner und Dämpfer wechselten nicht als bloße Requisiten, sondern als dramaturgische Mittel; selbst innerhalb einzelner Stücke verschoben sich Licht und Schatten. So entstand kein pauschaler Festglanz, kein blank poliertes Forte, sondern ein fein gestuftes Klangbild – einmal strahlend wie ein heraldisches Wappen, dann wieder kammermusikalisch abgedunkelt, schließlich mit jener jazzigen Schärfe, die ein Lächeln in den Ton legt.
Die Virtuosität, die diesen Abend trug, machte kaum Aufhebens von sich. Gerade darin lag ihre Eleganz. Intonation, rhythmische Präzision und Balance wirkten nicht erarbeitet, sondern vorhanden, als hätte man sie aus der Luft des Kreuzgangs selbst gewonnen. In den schnellen Passagen blitzte jene Souveränität auf, die nur dann schwerelos erscheint, wenn sie vollständig beherrscht wird.
Zur Besetzung gehörten Andrew Crowley, der mit trockenem Charme auch moderierte, Gareth Small, Philip Cobb und James Davison an Trompete und Flügelhorn, Richard Bissill am Horn, Oren Marshall an der Tuba sowie Lindsay Shilling, Byron Fulcher, Jon Stokes und Simon Minshall an Posaune beziehungsweise Bassposaune. Das Ensemble trat geschlossen auf, ohne die Individualität seiner Stimmen einzuebnen: Solistische Momente traten hervor wie Lichtkegel auf dunklem Grund, verschwanden aber nie aus dem gemeinsamen Klangkörper.
Der Kreuzgang von Kloster Eberbach erwies sich dabei nicht bloß als malerische Kulisse, sondern als Mitspieler. Die Bögen gaben den kräftigen Passagen Würde und Nachhall, ließen aber auch die leiseren, transparent gesetzten Momente atmen. Besonders die Pop- und Filmmusikarrangements gewannen aus dieser Spannung ihren Reiz: Präzision traf auf britisches Understatement, Brillanz auf augenzwinkernde Gelassenheit.
Dass London Brass seit Langem auf internationalen Podien zu Hause ist, klang an diesem Abend nicht wie ein Prestigeetikett, sondern wie Erfahrung im besten Sinne: als Kunst, sehr verschiedene Räume, Programme und Publikumserwartungen zu lesen. Der Auftritt verband Anspruch und Zugänglichkeit, ohne sich einem gefälligen Entweder-oder zu unterwerfen.
Am Ende blieb der Eindruck eines Konzerts, das den britischen Schwerpunkt des Festivals nicht nur erfüllte, sondern funkelnd kommentierte. London Brass zeigte Virtuosität ohne Eitelkeit, Stilbewusstsein ohne Starrheit, Humor ohne Klamauk. Und es erinnerte daran, dass Blechbläsermusik weit mehr sein kann als festlicher Effekt: ein eigenes, wandlungsfähiges Konzertformat – glänzend, geistreich und erstaunlich leichtfüßig.
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