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„Boris Godunow“ von Modest P. Mussorgski in der Oper Frankfurt

Gewissensnot – Spannungsfeld Macht

Eindrucksvoll-spannende Musik, ausgefeilte Regie, überzeugendes Bühnenbild, fantastisches Sängerensemble, stimmgewaltige Chöre und ein herausragendes Orchester, so die Kurzbeschreibung für die Neuproduktion von Boris Godunow. Eine schwierige, herausfordernde, aber gelungene Aufgabe für alle Beteiligten.

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Foto beim Schlussapplaus
Foto: Renate Feyerbacher

Hat Boris Godunow, den das Volk mit übermäßiger Huldigung drängt, die Zarenkrone anzunehmen, den legitimem Thronfolger Dimitri im Kindesalter ermordet oder hat ein Unfall seinen Tod verursacht? Eindeutig ist die Geschichtsschreibung da nicht. Aber in der Oper hat der alte Mönch Pimen die Ermordung im Traum „gesehen“ und in seiner Chronik aufgeschrieben. Er erzählt dem Novizen Grigori, dass er die angebliche Ermordung beobachtet habe, die Boris in Auftrag gab. Der angeblich ermordete Thronfolger und Grigori müssten jetzt gleichaltrig sein. Eine falsche Beschuldigung oder Tatsache? Warum plagen Boris Schuldgefühle, die ihn zunächst hindern, die Zarenkrone anzunehmen? 

Grigori ist nach der Erzählung von Mönch Pimen von der Idee beseelt, sich als den überlebenden Dimitri auszugeben und den Thron zu beanspruchen. Er flieht aus dem Kloster. Die machtgierige polnische Wojwodentochter Marina Mnischek, die der Komponist erst später in die Oper einbaute, stachelt ihn an und hält den liebeshungrigen Dimitri sexuell hin. Dieser dritte Akt ist ein unterhaltsamer Kontrast zu den meist düsteren Machtspielen der Oper. 

Modest P. Mussorgski (1839-1881), einer der bedeutendsten russischen Komponisten hatte mit seinem Volksdrama Boris Godunow, das er innerhalb des Jahres 1889 komponierte, keinen Erfolg. Das Mariinski Theater in St. Petersburg lehnte das Werk ab, zunächst auch die erneute drastische Überarbeitung von 1872. Erst zwei Jahre später kam es zur Uraufführung. Die größere Frauenrolle der Marina, die der Oper bisher gefehlt hatte, war dazu gekommen. 

In Frankfurt wird nun die Fassung des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch von 1939 -1940 erstaufgeführt. Er hat vieles von Mussorgskis eigener, neuer russischer Musiksprache und traditionellen Formen im Boris beibehalten, sich weitgehend „in seinen Dienst gestellt“, teils neu instrumentiert.  

Verwickelt ist die Handlung, dessen Text der Komponist selber schrieb. Er basiert auf dem gleichnamigen Drama von Alexander S. Puschkin (1799-1837), das dieser 1825 verfasst hatte. Mussorgski vertiefte sich außerdem in die Geschichte des russischen Staates (1818) von Nikolai M. Karamsins (1766-1826).  

Regisseur Keith Warner, Mitarbeit Katharina Kasting, zeigt den ständig von innerer Unruhe getrieben Boris auch als liebenden Vater. Er tröstet seine Tochter Xenia, die den Tod ihres Bräutigams betrauert. Sein Sarg wird über die Bühne gefahren. Seinem Sohn Fjodor, der ihm nachfolgen soll, ist er ein kluger Berater. Die Rolle der Xenia singt Anna Nekhames, die wegen ihrer Rolle als Melusine in der gleichnamigen Oper mit dem Newcomerpreis 2025 der Zeitschrift Opernwelt ausgezeichnet wurde. Karolina Makuła, bereits mehrfache Preisträgerin, singt Fjodor. Die familiäre Idylle wird von Bojar Schuiski, intriganter, machtgeiler Gegner von Boris, unterbrochen. Schuiski hat sich Grigori angeschlossen, spielt Boris gegenüber aber den Loyalen. 

Was macht Politik mit allen Beteiligten als Täter oder Opfer, dieser Frage geht Warner, der den Text sehr ernst nimmt, nach. Die Wirklichkeit bestätigt ihm die Verderbtheit menschlicher Existenz. Er nennt die Oper eine treffende Metapher für unsere gegenwärtige Welt, die eine „Zeit der Wirren“ ist. Eine Zeit, in der Wahrheit und Lüge kaum mehr unterschieden werden können. 

Der international angesehene Ideengeber für die Bühnengestaltung Kaspar Glarner, der auch die Kostüme verantwortet, lässt die Bühne immer wieder bewegen. Mal monumentale Bauten, die die Herrschaft der Bojaren demonstrieren, mal der Innenhof eines Straflagers, mal die schlichte Schankstube, in die sich der Novize Grigori geflüchtet hat, mal das Liebesnest von Marina und Dimitri mit ausladendem Bett, eine die Bühne einnehmende, tickende Uhr, Symbol des Vergehens. Der Thron, in Form eines Fabergé-Eis, schottet Boris ab. Er zeigt sich gleichgültig gegenüber dem hungernden Volk. Filmemacher Jorge Cousineau vertieft das Geschehen mit überzeugenden Videos, unterstützt von Lichtdesigner John Bishop. 

Der ukrainische Bass Alexander Tsymbalyuk singt die Titelpartie. Das gesungene Wort stellt er über jegliche Theatralik. Eindrucksvoll wie er zwischen väterlicher Zärtlichkeit und Herrschergebaren der Figur des Zaren Größe und Sympathie verleiht. Die Sterbeszene berührt geradezu.

Sein Gegenspieler Grigori, der falsche Dimitri, gesungen vom russischen Tenor Dmitry Golovnin, ist kein Held. Sein klar intonierender Tenor porträtiert ihn großartig als eitlen, psychisch labilen, machtgierigen, von sexueller Abhängigkeit beherrschten Kontrahenten. Sofija Petrović, die in Belgrad geborene Mezzosopranistin, gibt ihr Debüt an der Oper Frankfurt. Eiskalt gibt sie die Rolle der Marina Mnischek. Überzeugend.

Aus der Rolle des alten Mönch Pimen macht Bassist Andreas Bauer Kanabas, seit über zehn Jahren Ensemblemitglied, trotzdem international unterwegs, ein Erlebnis, das vom Publikum begeistert gewürdigt wurde. Auch Tenor AJ Glueckert gelingt ein intriganter Fürst Schuiski. Noch lang ist die Liste der vorzüglichen Sängerinnen und Sänger, deren Aufzählung den Rahmen sprengt. 

Die Chöre, die Álvaro Corral Matute einstudierte, sind sängerisch wie schauspielerisch eine Wucht. Ebenso die 80 Musikerinnen und Musiker des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters unter Leitung ihres Chefs Thomas Guggeis. Sie huldigen Mussorgskis großem Werk und versuchen nie, das ihm wichtige Textverständnis außer Acht zu lassen.

Mit dem Gottesnarr, Tenor Michael McCown, hat die Oper begonnen und endet mit seinen klagenden Worten: „Weine, weine, russisches Volk, hungerndes russisches Volk.“ 

Kein leichter, vier Stunden dauernder Opernabend, russisch gesungen mit deutschen und englischen Übertiteln, den Regie, Musiker, Chöre und Sängerteam aber zu einem spannenden Ereignis machen. Unbedingt hingehen. 

Weitere Vorstellungen am 8.,14., 21. danach Oper im Dialog, am 23.11. zum letzten Mal. 

www.oper-frankfurt.de/tickets

Telefonischer Verkauf: (069)21249494