Archiv-Kultur

„Bluthochzeit“ lyrische Tragödie von Wolfgang Fortner in der Oper Frankfurt

Messergewalt. Das Messer lechzt nach Blut.

Gleich zu Beginn der Tragödie spielt das Messer eine Rolle. Der Sohn bittet seine Mutter, ihm zum Traubenschneiden ein Messer zu geben. Aber das Messer ruft bei ihr Erinnerungen wach und macht ihr Angst: „Verflucht seien alle Messer und der Bube, der sie erfand ... Und aus meinen Toten wächst Unkraut, sie sind stumm, Staub ...“ Durch den erbitterten Kampf zweier Familien in einem andalusischen Dorf werden Mann und Sohn der Mutter von Angehörigen der Familie Félix erstochen.

Claudia Mahnke (Mutter) und Christian Clauß (Bräutigam) sowie Ensemble 
Claudia Mahnke (Mutter) und Christian Clauß (Bräutigam) sowie Ensemble 
Foto: Xiomara Bender / Oper Frankfurt
 Magdalena Hinterdobler am 15. 9.2024
Magdalena Hinterdobler am 15. 9.2024
Foto: Renate Feyerbacher
 Schlussapplaus - Gesamtensemble
Schlussapplaus - Gesamtensemble
Foto: Renate Feyerbacher
  Skulptur von Federico García Lorca in Granada
  Skulptur von Federico García Lorca in Granada
Foto: Renate Feyerbacher

Dramatisch-fortissimo beginnt die Musik der Frankfurter Erstaufführung bei der Premiere am 10. Mai, die 1957 unter Günter Wand (1912-2002) an der Städtischen Oper Köln uraufgeführt wurde. Wieder eine außerordentliche, einmalige Aufführung. Begeistert wurden alle an der Inszenierung Beteiligten und vor allem das sängerische und schauspielerische Team gefeiert - vor allem Kammersängerin Claudia Mahnke als Mutter, seit Herbst 2006 im Ensemble der Oper Frankfurt. Sie und alle Solisten und Solistinnen geben ihr Rollendebüt. Magdalena Hinterdobler, seit zwei Jahren Ensemblemitglied, ebenso bejubelt, singt und spielt eine starke Braut. Verlobt ist sie mit dem Sohn der Mutter, kommt aber nicht los von Leornado Félix aus der feindlichen Familie, mit dem sie verlobt war. Gesellschaftliche Regeln verhinderten aber ihre Hochzeit. Eine Liebe durfte nicht Wirklichkeit werden. Die Mutter weiß davon, akzeptiert sie dennoch als zukünftige Frau ihres Sohnes, verheimlicht aber auf Rat der Nachbarin ihrem Sohn, dass seine Braut vorher mit Félix verlobt war. Ein fataler Fehler, der schließlich mit schuldig ist an der gegenseitigen Ermordung der beiden jungen Männer. Auf der Hochzeit geht die Braut angeblich kurz weg, um auszuruhen. Sie wird gesucht. Wurde sie entführt oder reitet sie freiwillig mit Félix, der zur Hochzeit kam, fort? Im letzten Bild der Tragödie offenbart sie gegenüber der Mutter ihren Zwiespalt: „Ich war eine Frau, die in Flammen stand … Ich habe es nicht gewollt. Dein Sohn war der Sinn meines Lebens, und ich habe ihn nicht betrogen, doch der Arm des anderen (Félix) riss mich fort wie der Schlag einer Welle, war wie der Stoß eines Maultiers, und er hätte mich fortgerissen, immer, immer, auch wenn ich alt geworden wäre und alle Kinder deines Sohns mich an den Haaren festgehalten hätten“ (zitiert aus Programmheft S.11). 

Bluthochzeit ist die erste Oper des Komponisten Wolfgang Fortner (1907-1987), der 1939 die Aufnahme in die NSDAP beantragte, aufgenommen wurde und sich auch kompositorisch nationalsozialistischem Ideengut widmete. War es seine Homosexualität und die Beschimpfung „Kulturbolschewist“, die ihn dazu brachten? Nach dem Krieg als Mitläufer eingestuft, gab es kein Berufsverbot für ihn. Er wurde dann zu einem der bedeutendsten, vielfach ausgezeichneten Komponisten der Nachkriegszeit und Lehrer späterer namhafter Komponisten. 

Bereits Ende der 1940er Jahre wurde Fortner auf die Theaterstücke des spanisch-andalusischen Lyrikers und Dramatikers Federico García Lorca (1898-1936) aufmerksam und war fasziniert von seinem Text Bluthochzeit, den er 1933 verfasst hatte. Es ist zu vermuten, dass Fortner damals nichts von der Ermordung Lorcas durch das Franco-Regime (Francisco Franco 1892-1975 - Beginn des Bürgerkrieges 1936), wusste. Lorcas Ermordung war auch nach dem Krieg bis 1975 ein Tabuthema.

Wolfgang Fortner lag die deutsche Übersetzung von Enrique Beck (1904-1974) zugrunde, die von späteren Übersetzern und Literaturwissenschaftlern als ungenügend bezeichnet wurde. Er habe nicht übersetzt, sondern selbst gedichtet. Der in Köln geborene Beck war es allerdings, der Lorca in Deutschland überhaupt bekannt machte. Insofern kann aber über die wirkliche Echtheit von Lorcas Text nichts gesagt werden. 

Fortner näherte sich der Realisation von Bluthochzeit in mehreren Schritten. So komponierte er zunächst die Bühnenmusik für das Drama in Hamburg und Berlin. Im Auftrag des Hessischen Rundfunks folgte dann die dramatische Szene Der Wald, die zur Grundlage für die Oper wurde und in ihr eine zentrale Rolle spielt. Auf der Suche nach den Geflüchteten unterhalten sich drei Holzfäller über die Folgen der abgebrochenen Hochzeit. Der Mond (poetisch Tenor AJ Glueckert) ebenfalls als Holzfäller gekleidet (interessante Kostüme von Lluc Castells) leuchtet sowohl den Fliehenden als auch den Verfolgern. Als Bettlerin verkleidet führt der Tod den Bräutigam in den Wald, wo er das flüchtige Liebespaar finden wird (lockend Schauspielerin Daniela Ziegler). 

Einbezogen hat Fortner auch folkloristische Momente von Federico García Lorca, der Piano spielte und komponierte. Entstanden ist schließlich eine „Oper ohne Musik“. „Gesang und Sprache verschmelzen in dieser lyrischen Tragödie zu einer ‚gesprochenen‘ Oper“ (Zitat von Alex Ollé – Programmheft S. 6). Eiskalt, mit großer psychologischer Tiefe hat sie Regisseur Alex Ollé - Mitarbeit Sandra Pocceschi - ohne folkloristisches Drumherum inszeniert. Nur kleine tänzerische Momente bei der Hochzeit. Die massive Granitwand, die sich Bühnenbildner Alfons Flores ausdachte, ist Ausdruck des Unausweichlichen. Lange Tücher verändern jeweils die Situationen des Geschehens, die Lichtkünstler Olaf Winter prägnant hervorhebt. 

Mezzosopranistin Claudia Mahnke gelingt es, tiefgründig in jeden Moment einzutauchen, auch spielerisch: mal zart, beschwörend, einfühlsam, mal fassungslos und wütend. Sie schlägt die Braut, hält sie für eine Ehebrecherin, lehnt aber den Tod, den sie erfleht, ab. Ihre Totenklage beschäftigt sich mit dem Messer, durch das die jungen Männer sterben mussten. Eine fantastische Leistung von Claudia Mahnke. Großartig auch Magdalena Hinterdobler. Psychologisch setzt sie sich als Braut mit der Rolle auseinander: mal erotische Leidenschaft, mal gehorsame Pflichterfüllung, mal differenziertes Verhalten gegenüber dem Bräutigam, der als zurückhaltende Sprechrolle von Schauspieler Christian Clauss geboten wird. 

Ganz anders dagegen die Rolle des Leonardo Félix, die von Mikołaj Trąbka leidenschaftlich, ungeduldig, fast gewalttätig überzeugend interpretiert wird. Die lettische Mezzosopranistin Zanda Švēde als Leonardos Frau, Mutter seines Sohnes, ist verzweifelt und seine Schwiegermutter (Annette Schönmüller) ahnte schon früh das Unheil. Dietrich Volle als Vater der Braut gefällt in seiner Sprechrolle.

Wieder eine starke Leistung der Ensemblemitglieder, die die Hauptrollen singen, und des Chors, den Álvaro Corral Matute einstudierte. 

Der britische Dirigent Duncan Ward gibt sein Debüt an der Oper Frankfurt. Ihm gelingt es, das Frankfurter Opern- und Museumsorchester geschickt zu leiten. Die ständigen Veränderungen, mal Musik, mal Sprache, sind eine andauernde Herausforderung. 

Ein Opernabend, der aufrüttelt und durch Inszenierung und sängerischer Umsetzung in Bann schlägt. 

Weitere Aufführungen am 24., 31., Mai, am 6.,15. Juni 2026.

www.oper-frankfurt.de   oper-frankfurt.de/tickets    Kasse: (069)212-49494