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Letzte Aktualisierung: 22.02.2020

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Bitterböse Politiksatire

„Macht, Moral und Mauschelei“ im Rémond-Theater

von Ingeborg Fischer und Karl-Heinz Stier

(14.01.2020) Wenn das Spiel in einem Hotel-Zimmer - als provisorisches Büro hergerichtet - beginnt, vermutet man zunächst nicht, wie böse es endet.

Stefan Schneider, Marcus Abel-Messih, Fabian Goedecke, Maja Müller
Foto: Helmut Seuffert
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Zwei Herren sind damit beschäftigt, eine Rede für den englischen Premierminister zu einem Wahlkampfauftritt vor den Delegierten seiner Partei zu schreiben. Draußen auf der Straße Tumulte von Demonstranten. 

Sehr komisch muten zunächst die Dialoge zwischen Pressesprecher Eddie (Stefan Schneider) und Redenschreiber Paul (Fabian Goedecke) an. Die beiden bemühen sich, für die sehr wichtige Rede einen Rundumschlag mit allen zur Zeit medienwirksamen Themen zu machen. Vom Brexit bis zum Klimawandel, Hunger in der Dritten Welt und Überbevölkerung, jede Phrase, jede Floskel wird von den beiden eingebaut. Alles muss angesprochen werden, auch die Gen-Manipulationen, von denen man gehört hat, und die spielen dann eine sehr entscheidende Rolle. 

Während der Parteitag durch eine hitzige Debatte um die Genmanipulationen außer Kontrolle gerät und das  vom Pressesprecher, der sonst alles im Griff hat, nicht ganz verhindert werden kann, feilen die beiden weiter an der Rede. Die eifrige, sich sehr wichtig nehmende Assistentin Asha des Premiers (Carolin Freund) stöckelt durch die Suite, um beflissen ihrem Chef zu dienen, ein ausgeflippter Gag-Schreiber (Marcus Abdel-Messih) ist hinzugezogen worden, um die Rede jugendlich aufzupeppen und ein enger Freund des Regierungschefs – George (Martin Zuhr) – reicher Gutsbesitzer, erscheint ein wenig aufgebracht ebenfalls in der umfunktionierten Hotel-Suite. Handys klingeln, Demonstranten auf der Straße brüllen, Martinshorn ist zu hören. 

Eddie, der zynische Referent, versucht Presse, Demonstranten, Delegierte, ja, alles im Griff zu behalten, was ihm auch durch Erpressungen und Drohungen gelingt. Er weiß fast alles von den Menschen, die in der Nähe des Premiers arbeiten und nutzt das bösartig aus. Überrascht wird er allerdings vom Geständnis des Gutsbesitzers, dass auf dessen Hopfenanbaufeldern Genversuche stattgefunden haben und dieser Hopfen an eine Brauerei geliefert wurde. Scheibchenweise gesteht er, dass für die Bierkonsumenten erhebliche Nebenwirkungen zu vermelden sind, wie Busenwachstum und Schlimmeres.

Es wird wieder lustig für das Publikum, allerdings nur vorübergehend. Eddies Exfrau Liz, engagierte politische Journalistin, hat davon erfahren. Sie hat recherchiert und will die Presse informieren. 

Kurz wird das Bühnenbild in ein Hotelzimmer mit Doppelbett umgebaut, weil Eddie dort seine Ex-Frau besucht, um sie einzuschüchtern und um zu verhindern, dass sie die Meldung weitergibt. 

Dann überschlagen sich die Ereignisse wieder im Büro, die Rede nimmt Gestalt an, sogar das Neue Testament mit der „Speisung der Fünftausend“ wird bemüht und eingebaut. 

Regisseur Franz-Lorenz Engel hat das Stück des Schotten Alistair Beaton geschickt und pointiert auf die Bühne gebracht und ein gutes Händchen für die Darsteller bewiesen. Schneider spielt eloquent die Rolle des Organisators, Goedecke lässt sich überzeugend demütigen, Carolin Freund ist die perfekte ehrgeizige Asha, Abdel-Messih ein fröhlicher, gar nicht in die Szene passender Außenseiter, Zuhr der typische schrullige Landedelmann und Maja Müller eine überzeugende, idealistische Liz. 

Der Autor Alistair Beaton, der selbst für kurze Zeit Redenschreiber bei dem ehemaligen britischen Premierminister Gordon Brown war, weiß wohl aus eigener Erfahrung, wovon er schreibt. Er treibt sein Stück - englisch Feelgood-  erbarmungslos zu einem schockierenden Ende. Ob es ganz so schlimm zugeht rund um und mit den Mächtigen dieser Welt, weiß man nicht, hofft aber, dass es nicht ganz so gravierend ist. Auszuschließen ist es aber nicht. Wenn das Rednerpult vor dem Vorhang aufgebaut ist und Ralf Stech als Premier seine erschreckend grandiose Wahlrede hält, stockt einem fast der Atem. 

Das Publikum spendete dem gut aufgelegtem Ensemble dann den verdienten, begeisterten Beifall. 

Bühnenbild: Bettina Neuhaus, Kostüme: Ulla Röhrs. 

Weitere Aufführungen bis 16. Februar – jeweils 20 Uhr, sonntags 18 Uhr, montags spielfrei.

Tickets unter (069)435166 oder www.fritzremond.de