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Letzte Aktualisierung: 13.04.2021

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Birgit Tanner, bekannte Autorin und Regisseurin für außergewöhnliche Themen

von Ilse Romahn

(29.03.2021) Das vorerst letztes Projekt der preisgekrönten Autorin und Regisseurin Birgit Tanner ist der Film über den „Tod einer Edelhure: Rosemarie Nitribitt“, dessen Erstaufführung bei ARTE am 25. März 2021 stattfand und auf große positive Publikumsresonanz stieß. Die Filmdokumentation ist bei ARTE-tv online verfügbar bis 24. März 2022.

Birgit Tanner
Foto: Tanner
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Im Interview mit dem Gesellschaftsmagazin Frankfurt-live.com spricht Birgit Tanner über das ambitionierte Filmprojekt und ihre weiteren Pläne

Frau Tanner, was hat Sie bewogen, einen Film über den vor über einem halben Jahrhundert begangenen Mord an der Frankfurter Prostituierten Rosemarie Nitribitt zu drehen?
Am Anfang stand ein Telefonat mit Ira Beetz, einer Produzentin der Story House Filmproduktion, die mir die Idee einer neuen Reihe mit dem Titel „Cold Case“ (Anm: Ungelöster Fall) für den deutsch-französischen Kulturkanal ARTE vorstellte, in der historische Kriminalfälle mit den aktuellen Erkenntnissen neu erzählt werden sollten wie zum Beispiel der Tod des berühmten Malers Vincent van Gogh, eine Verschwörung gegen die Medici im damaligen Florenz oder auch das Attentat auf den ägyptischen Pharao Ramses III. Schon bei diesem ersten Gespräch schoss mir die Geschichte der Rosemarie Nitribitt in den Kopf, die im historischen Kontext der 1950er Jahre spielte. Und ich dachte mir: diesen Fall möchte ich erzählen. Ich finde die 1950er Jahre, die Zeit des Wirtschaftswunders, sehr spannend. Vor allem die Stadt Frankfurt spielte damals eine enorm wichtige Rolle beim wirtschaftlichen Aufstieg der Bundesrepublik und mittendrin eine junge Frau, die so gar nicht der damaligen Rolle der Frau entsprach. Diese Konstellation fand ich enorm interessant und erzählenswert. Zudem haben wir heute vielfältige Möglichkeiten, um den längst zu den Akten gelegten Kriminalfall zu erzählen. So haben wir einen virtuellen Tatort gebaut, der unserer Moderatorin der Reihe, der Schauspielerin Florence Kasumba, die Möglichkeit gibt, durch das Wohnzimmer von Rosemarie Nitribitt zu gehen. Zusammen mit Wissenschaftlern, Kriminalisten, Historikern, Journalisten und auch Zeitzeugen betrachten wir den Fall neu vor der Kulisse der zeitlichen Epoche, die auch in den Ermittlungen damals eine Rolle gespielt haben. Jeder Film aus der Reihe ist damit nicht nur die Betrachtung eines Kriminalfalls, sondern auch ein Blick in eine spezielle Epoche der Geschichte.

Ihre bisherigen erfolgreichen und ganz unterschiedlichen Projekte wie z. B. `Die großen Clans` oder `Die Wahrheit über die Lüge` haben so ganz und gar nichts mit Prostitution zu tun."
Das Schöne an meinem Beruf ist, dass ich mich den unterschiedlichsten Geschichten widmen kann. Die Welt ist bunt und auch mein persönliches Interesse an der Welt ist vielfältig. Ich kann mich sowohl für persönliche Geschichten als auch für Quantenphysik begeistern. Historische Themen finde ich oft noch spannender als Geschichten aus der Gegenwart, weil sie mir ein tieferes Verständnis dafür geben, wie sich die Welt entwickelt hat und warum wir heute so leben wie wir leben.

Bei „Die großen Clans“ widme ich mich der Unternehmensgeschichte von Deichmann, hinter der außergewöhnliche Persönlichkeiten stehen. Dass dieses heute weltumspannende, riesengroße Unternehmen 1913 mit einem kleinen und sehr einfachen Schuhmacherladen in Essen begann, weiß heute fast niemand. Auch dass über ein Jahrhundert lang Frauen eine entscheidende Rolle beim Aufstieg des Unternehmens zu Europas größtem Schuhhändler eingenommen haben, war bis dato nicht bekannt. Ich finde, dass diese Aspekte erzählenswert sind.

Bei „Die Wahrheit über die Lüge“ habe ich einen Blick in die Forschung geworfen, warum Menschen lügen. Damals war Donald Trump schon als Präsident der USA im Amt und die Zeitungen in den Vereinigten Staaten haben seine Lügen und Unwahrheiten akribisch aufgelistet. Ich habe mich damals gefragt, warum Politiker mit ihren Unwahrheiten doch immer weiterkommen und wozu die Lüge eigentlich zu gebrauchen ist, wenn wir sie doch moralisch verabscheuen. Interessant ist, dass jeder Mensch lügt, oftmals ohne es wirklich bewusst wahrzunehmen. Kleine Notlügen führen dazu, dass wir uns im täglichen Leben nicht permanent streiten. Die Frage ist: zu welchem Zweck lügt man, ab wann schadet man damit anderen Personen und wie können sich Lügner verraten.

Spannend fand ich bei diesem Thema, dass auch im Tierreich geflunkert wird, dass sich die Balken biegen. Schweine beispielsweise legen sich ganze Strategien zurecht, um an Futter zu kommen. Auch Vögel sind ganz gute Schummler und führen andere Tiere in die Irre, um ihnen ihre Beute abzuluchsen.

Bei „Mächtige Männer, ohnmächtige Frauen? Neue Fakten aus der Vergangenheit“ nahmen wir die aktuelle gesellschaftliche Debatte um die Gleichstellung der Frau auf. Wir schauen mit Forschern in die Geschichte der Menschheit, die heute zahlreiche Funde vorweisen können, dass Frauen eine deutlich zentralere Rolle in der Entwicklung der Menschheit eingenommen haben, als ihnen bisher zugestanden wurde. Dabei fragen wir uns aber auch, wann hat es begonnen, dass die Frau als eine Art „Geschlecht zweiter Klasse“ in der gesellschaftlichen Hierarchie angesehen wurde und warum sich das tradierte Rollenbild der Frau in vielen Teilen der Welt bis heute hält.

Sollte Prostitution, das älteste Gewerbe der Welt, verboten werden?
Bei meiner Recherche habe ich mit einigen Prostituierten gesprochen, die mir einen Einblick in ihre Tätigkeit gaben. Das in der Öffentlichkeit vielfach kolportierte Bild, dass Frauen zur Prostitution gezwungen werden, konnte ich bei diesen Hintergrundgesprächen nicht wiederfinden. Es gibt tatsächlich Frauen, die zum Sex für Geld gezwungen werden. Das ist die dunkle Seite des Gewerbes und ich möchte das Leid dieser Frauen auf gar keinen Fall schmälern. Dennoch geht das Gros der Sexarbeiterinnen tatsächlich freiwillig und aus den unterschiedlichsten Gründen diesem Gewerbe nach. Ich denke nicht, dass Prostitution deshalb verboten werden sollte. Eher sollten wir die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass Frauen (und auch Männer, die gibt es ja auch) in einem sicheren Umfeld ihrer Arbeit nachgehen können. Ich finde auch, dass sich die Beurteilung der Prostitution durch die Gesellschaft ändern muss. Wir leben in einer offenen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, wir reden oft unverblümt über Sex. Doch der Job als Prostituierte hat noch immer ein anrüchiges, verbotenes Image. Viele Prostituierte trauen sich in ihrem Familien- und Freundeskreis nicht zu sagen, dass sie für Geld mit Fremden schlafen. Sie haben Angst vor der sozialen Ächtung. Ich denke, eine moderne Gesellschaft sollte damit anfangen, die Prostitution als das anzuerkennen, was sie für die Mehrzahl der Sexarbeiterinnen ist: ein Job, mit dem sie ihr tägliches Brot verdienen.  

Wo nehmen Sie Ihre Themen her? Sie leben in Berlin, der Stadt, die niemals schläft – liegen die Themen dort sozusagen auf der Straße?
Einige Themen werden an mich von Produzenten oder Senderverantwortlichen herangetragen, andere finde ich meistens in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte, z. B. „Die Wahrheit über die Lüge“ entstand daraus. Oftmals finde ich sie aber auch in kleinen Zeitungsmeldungen, in denen ich einen Aspekt interessant finde, ich dem dann nachgehe und aufregende Geschichten zum Thema finde. Die Wege, interessante Themen und Geschichten zu finden, sind vielfältig. Teils liegen sie auf der Straße, teils liegen hinter kleinen Sachverhalten oft große Geschichten, die sich erst mit einer detaillierten Recherche entblättern.

Was sind Ihre nächsten Pläne?
Ich bleibe historischen Kriminalfällen treu und recherchiere momentan den Mord an einer sehr bekannten, historischen Person. In diesem Fall gibt es neue Erkenntnisse zu den Tätern und einer gesellschaftlichen Strömung im ausgehenden 19. Jahrhundert. Mehr verrate ich dazu noch nicht, aber es verspricht, sehr spannend zu werden. Außerdem bin ich in Zusammenarbeit mit einem Kollegen aus Hamburg in Planung einer mehrteiligen Dokumentation über einen erschütternden Behördenskandal in Deutschland, bei dem aktuell beinah täglich neue Fakten ans Licht kommen. Zudem arbeite ich mit einer Kollegin an einer Wissenschaftsdokumentation für ARTE. Ich tanze derzeit also auf mehreren Hochzeiten. Die ersten Ergebnisse dieser Arbeit werden aber erst ab Herbst 2021 zu sehen sein. Außerdem arbeite ich zusammen mit einer Autorenkollegin an mehreren, fiktionalen Serienprojekten. Da sind wir im Gespräch mit mehreren, interessierten Produzenten, die mit uns die Projekte umsetzen wollen. Es ist schon jetzt ein sehr arbeitsreiches und zugleich sehr spannendes Jahr in beruflicher Hinsicht für mich.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit, welche Hobbies haben Sie?
Meine Freizeit verbringe ich mit meiner Familie und Freunden. Momentan sind ja Kontakte wegen der Pandemie nur eingeschränkt möglich und deshalb verbringen wir sehr viel Zeit im Wald. Dort können mein Sohn und auch ich noch sehr viel entdecken. Im Sommer werden wir wieder die Seen in Berlin und im Umland erkunden und ich hoffe sehr, dass wir dieses Jahr wieder mit unserem Camping-Bus losfahren können, um die verschiedensten Ecken Europas zu erkunden.

Wie vereinbaren Sie Beruf und Familie mit Ihrem kleinen Sohn?
Während des Lockdowns war es tatsächlich sehr schwierig, Familie und Beruf in Einklang zu bringen. Die Betreuung eines kleinen Kindes und unzählige Telefongespräche gehen oft nicht so zusammen, wie sie sollten. Ich habe das große Glück, einen Partner zu haben, der mich sehr unterstützt. Viele Arbeiten, die ich sonst tagsüber erledige, also Schreiben oder Drehplanungen, mache ich dann nachts, wenn alles schläft. Jetzt geht mein Sohn wieder in den Kindergarten. Dort fühlt er sich sehr wohl und ich kann tagsüber das meiste erledigen. Oftmals ist es eine Frage der Organisation. Aber ich habe auch gemerkt, dass ich deutlich effektiver arbeite, wenn ich weniger Zeit habe.

Sie sind freischaffende Autorin und Regisseurin. Was bedeuten Ihnen Freiheit und Freizügigkeit?
Freiheit ist für mich ein sehr hohes Gut. Die Freiheit zu haben, zu leben, wo man will, beruflich das zu tun, was Freude bereitet, sagen zu können, was man denkt, ist für mich ein elementarer Bestandteil meines Lebens. Beruflich kann ich mir heute aussuchen, welche Filme ich machen möchte. Ich bin in einer privilegierten Situation und weiß das auch jeden Tag zu schätzen. Dieses Privileg fiel aber nicht vom Himmel. Ich habe es mir über viele Jahre sehr hart erarbeitet, heißt auch: Frei und freischaffend zu sein hat auch seinen Preis. Für mich hat es sich in jeder Hinsicht gelohnt und ich könnte mir für mich auch gar nichts anderes vorstellen.