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Letzte Aktualisierung: 01.03.2024

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Begegnungen mit den Nachfahren verfolgter ehemaliger Frankfurter

von Ilse Romahn

(22.06.2023) Am Dienstag, 27. Juni, wird wieder eine Gruppe von Nachfahren ehemaliger Frankfurterinnen und Frankfurt als Gäste der Stadt nach Frankfurt kommen.

Seit 1980 lädt die Stadt frühere Bürgerinnen und Bürger, die während der Zeit des Nationalsozialismus aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer politischen Einstellung verfolgt und vertrieben wurden, zu einem Aufenthalt ein. Seit 2012 werden auch deren Kinder eingeladen. Diese „Zweitzeugen“ kennen die frühere Herkunftsstadt ihrer Vorfahren vor allem aus Erzählungen der Eltern und Großeltern. Die Einladung der Stadt gibt ihnen nun Gelegenheit, die Stätten der Kindheit und Jugend der (Groß-)Eltern aufzusuchen: das Haus, die Wohnumgebung, die früheren Schulen oder Arbeitsstätten und die Gräber von Angehörigen. Einige Besucher sind mit dem Schweigen der Eltern aufgewachsen und versuchen durch ihren Besuch, eine Beziehung zu der Heimat ihrer Vorfahren zu gewinnen.
 
Der Verein Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt unterstützt diese Spurensuche als Kooperationspartner der Stadt, recherchiert, vermittelt Kontakte zu Archiven und zu lokalen Initiativen in den Herkunftsorten von Eltern oder Großeltern außerhalb Frankfurts und begleitet die Gäste.
 
Die Familie von Liza Robbins überlebte in Shanghai und kehrte Ende der 40er Jahre vorübergehend nach Frankfurt zurück, in die Kantstraße, wo sie früher gelebt hatte. Dort wohnt heute Helga Irsch-Breuer, forscht über die Geschichte der Bewohner des Hauses und freut sich auf die Begegnung mit der Nachfahrin der Familie Lorey. Karen Rubinstein wird im Friedrich-Dessauer-Gymnasium sprechen. In Höchst und in Kelsterbach wird sie den Spuren ihrer Vorfahren folgen, die einst in Höchst und in Kelsterbach das Textilhaus Adler führten. Ein Teil der Familie floh über die Sowjetunion und Japan in die USA.
 
Renee Halberg beschäftigt sich intensiv mit der Geschichte ihrer Familie, die ursprünglich aus Galizien stammte. Und die beiden Söhne von Nora Bergmann, die mit einem Kindertransport aus Deutschland fliehen konnte, erfuhren erst vor wenigen Tagen durch Recherchen von Mitgliedern des Projektes, dass die mütterlichen Urgroßeltern noch aus Fürth fliehen konnten und dass ihr Großonkel Jean Mandel eine der treibenden und führenden Kräfte bei der Wiedergründung der Jüdischen Gemeinde Fürth war, um nur einige der bewegenden Familiengeschichten anzudeuten.
 
Ein besonderer Schwerpunkt der Arbeit der Projektes Jüdisches Leben in Frankfurt ist die Vorbereitung der Gespräche in Schulen. Viele Besucherinnen und Besucher nehmen die Gelegenheit wahr, eine Schulklasse zu besuchen, und schätzen die Gespräche mit den jungen Menschen. Bei den Gesprächen steht nicht nur das Leben der Familienmitglieder während der NS-Zeit in Frankfurt im Mittelpunkt, sondern auch deren Flucht aus Deutschland, die Erfahrungen in der neuen Heimat, das Schicksal von Angehörigen, das Verhältnis der Eltern zur alten Heimat und der eigene Bezug zu Frankfurt oder die Bedeutung des Besuches für das Verständnis der eigenen Biografie.

Die Zugangsweise über biografische Erlebnisse macht für Schülerinnen und Schüler die Realität der nationalsozialistischen Herrschaft besonders nachdrücklich deutlich. Über die Erinnerungen der Vorfahren und ihr Leben in Frankfurt vor 1933 zu sprechen, ermöglicht es auch, die Vermittlung des Themas „Judentum“ in der Schule nicht allein auf die Shoah zu reduzieren, sondern den Schülerinnen und Schülern auch Kenntnisse über jüdisches Leben vor und nach dem Holocaust nahezubringen.
 
Die Gäste der Stadt treffen auf eine multikulturelle Schülerschaft, die mit den Lebens- und Familiengeschichten der Kinder von Emigranten zahlreiche Anknüpfungspunkte zur eigenen Familiengeschichte findet, seien es eigene oder familiär vermittelten Migrationserfahrungen. Diese Form der Vermittlung der jüdischen Geschichte über Begegnungen trägt wesentlich zum Abbau von Stereotypen und Vorurteilen bei – eine wichtige Voraussetzung dafür, die Erinnerung an die Shoa als gemeinsame Aufgabe anzunehmen.
 
Das Interesse der Schulen an den Begegnungen mit den Nachfahren früherer Frankfurterinnen und Frankfurtern sei groß, sagt die Vorsitzende des Vereins Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt, Angelika Rieber. Folgende Schulen werden sich – teilweise mit mehreren Klassen – an den Gesprächen mit den Besucherinnen und Besuchern beteiligen: Das Adorno-Gymnasium, die Carl-Schurz-Schule, die Elisabethenschule, das Friedrich Dessauer-Gymnasium, das Gagern-Gymnasium, die Georg-August-Zinn-Schule, die Heinrich von Kleist-Schule in Eschborn und die IGS Riedberg/Kalbach.
 
Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Projektgruppe, die diese Zusammenkünfte organisieren und begleiten, arbeiten bei der Vorbereitung eng mit der Stadt Frankfurt zusammen. Für den zweiten Tag der Besuchswoche hat der Verein zu einer Veranstaltung eingeladen, an der Gäste der Stadt sowie Vertreterinnen und Vertreter von Schulen und Initiativen teilnehmen werden. Dieser Begegnungsnachmittag dient dem gegenseitigen Kennenlernen und der Vorbereitung der Gespräche mit den Schülerinnen und Schülern.  Alle Beteiligten freuen sich auf interessante und bewegende Begegnungen. (ffm)